18.01.2017   von rowohlt

Sarah Pinborough über ihren Roman

© Doselle Young
© Doselle Young

Liebe Leser,
es ist im Nachhinein schwer zu sagen, wo ein bestimmtes Buch seinen Ursprung und was einem eine bestimmte Geschichte eingegeben hat. Oft geschieht das auf der Ebene des Unbewussten; man weiß gar nicht, worüber man schreibt, bis das Buch fertig ist. Die ganzen Themen, die sich unter der Oberfläche der Seite drängen. Das eigentlich ist es, wovon mein Buch handelt. Die ganzen verborgenen Dinge. Genauer: die dunkle Seite der Dinge, die wir verbergen.
Es hat mich immer fasziniert, wie wir, während wir erwachsen werden, das Einnehmen von Rollen lernen. Wir tragen Make-up und Mode, um je nach Tagesform verschiedene Figuren zu verkörpern – Geschäftsfrau, Heilige, Schlampe –, die wir eigentlich gar nicht sind. Von außen erscheinen wir so gefestigt; innen sind wir voller Zweifel und Unsicherheiten, und je erfolgreicher wir im Privaten wie im Beruf werden, desto mehr gewinnt das Gefühl an Boden, dass irgendwann alles rauskommen wird. Wir verstecken uns hinter Haus, Auto, Garderobe und können es nicht fassen, wie wir so unvermittelt Erwachsene geworden sind.
Wir spielen eine Rolle, wenn wir uns von jemandem angezogen fühlen. Wir zeigen unsere Stärken, verbergen die Schwächen, lachen über jeden Witz und versinken in der ersten Verliebtheit und dem kurzen Moment, in dem wir uns im Spiegel des anderen selbst wunderbar finden.
Das ist es wohl, was mich an Langzeitbeziehungen fasziniert. Ich habe noch nie eine gehabt, aber meine Eltern sind seit fünfzig Jahren verheiratet, und viele meiner alten Freunde führen nun ein ähnliches Leben. Was, frage ich mich, muss man mitbringen, um das hinzukriegen? Um Kompromisse einzugehen und nicht immer nach mehr zu verlangen, nachdem der erste Glanz, die ganzen Verkleidungen und Masken längt fort sind.
Aber vielleicht verlangt jeder von Zeit zu Zeit nach mehr, vielleicht sind ja kleine Geheimnisse die Wurzel erfolgreicher Ehen. Damit meine ich nicht unbedingt Affären. Vielleicht geht es allgemeiner um das erlösende Gefühl, einmal Raum für sich allein zu haben, Abstand zum anderen. Ist das das Geheimnis gegenseitigen Vertrauens? In meinem Buch geht es mehr um Misstrauen. Und auch um eine Affäre.
Der Betrug an sich interessiert mich dabei nicht so sehr, es ging mir um das Verhalten der beiden Frauen, die es betrifft. Ich habe es bei einer Freundin erlebt, deren Mann vor Jahren einmal fremdgegangen ist und für die die andere immer mehr zur Obsession wurde. Wo sie wohnte, wie sie aussah, was an ihr anders war. Was an ihr so besonders war. Die Beschäftigung mit der Nebenbuhlerin verdrängte fast, dass sie zornig auf ihren Mann war. Es wurde eine Sache zwischen den beiden Frauen.
Ich möchte hier gar nicht zynisch klingen; tatsächlich warte ich nach wie vor auf meinen persönlichen Märchenprinzen. Aber wenn ich aus diesem Gefühl heraus einen Roman geschrieben hätte, wäre es eben kein Thriller geworden.
«Sie weiß von dir» handelt von der dunklen Seite der Liebe, von Abhängigkeit und Egoismus. Das Buch handelt von dem Versuch, herauszufinden, wer die Menschen hinter den Fassaden und Parolen der Leidenschaft sind, und von den Geheimnissen. Denn wann sind wir je rückhaltlos ehrlich? Vor allem denen gegenüber, die wir lieben?
Ich hoffe, Sie haben beim Lesen meines Buchs so viel Freude, wie ich sie beim Schreiben empfand. Lernen Sie Adele und Louise kennen, lassen Sie sich von ihnen in ihre wunderbar düstere Geschichte hineinziehen.
Viel Vergnügen!
Sarah Pinborough

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