27.06.2018   von rowohlt

Die Revolution unseres Tierbildes

Was die Forschung tatsächlich über das Denken, Fühlen und Verhalten von Tieren weiß

© Willi Weber
© Willi Weber

Weltbild und Forschungslage in der Tierverhaltensforschung haben sich dramatisch verändert. Der berühmte Gegensatz nature or nurture, ererbt oder erworben, ist längst ein alter Hut. Säugetiere lernen und kommunizieren oft auf hohem Niveau. Sie freuen und ärgern sich, sie trauern und tricksen – mit denselben Reaktionen von Körper und Gehirn wie bei uns Menschen. Tiere haben eine Persönlichkeit. Was unterscheidet uns eigentlich noch von ihnen? Und was können wir von ihnen lernen? Von Norbert Sachser, einem der weltweit führenden Tierverhaltensforscher, erfahren wir, wie Hunde Empathie zeigen, Mäuse Alzheimer entkommen, Meerschweinchen sozialen Stress vermeiden und zu welch bemerkenswerten Leistungen Menschenaffen, aber auch Raben fähig sind. Kurz – die Revolution im Tierbild ist in vollem Gange.


«Tiere wie wir» – das ist Nobert Sachsers These: «Die Erkenntnisse der Verhaltensbiologie haben unser wissenschaftliches Bild vom Tier fundamental verändert, und sie helfen uns, Tiere besser zu verstehen. Ganz gleich, ob wir ihr Denken, Fühlen oder Verhalten betrachten: Sie sind uns nähergerückt und wir ihnen. Es steckt sehr viel mehr Mensch im Tier, als wir uns vor wenigen Jahren noch haben vorstellen können.»

DAS INTERVIEW


Ob Menschenaffen oder Delfine, Elefanten oder Rabenvögel – es gibt nicht wenige Arten, deren Lern- und Denkfähigkeit offensichtlich ist. Ihr Buch zeigt, wie die Verhaltensbiologie unser Bild vom Tier radikal verändert. Welche interdisziplinären und technischen Anstöße stehen hinter diesem neuen state of the art in der Verhaltensbiologie? 
Die Verhaltensbiologie ist eine integrative Disziplin der Biowissenschaften mit starken Bezügen zur Evolutionsbiologie und Ökologie einerseits und den Neurowissenschaften, der Hormonforschung und Molekularbiologie andererseits. Das muss auch so sein, denn nur im Zusammenspiel mit diesen unterschiedlichen Fachgebieten ist ein umfassendes Verständnis des Verhaltens möglich. Neue Entwicklungen in diesen Nachbardisziplinen liefern wichtige Impulse für die Erforschung des Verhaltens, wie auch umgekehrt neue Erkenntnisse der Verhaltensbiologie Auswirkungen auf diese Disziplinen haben. Von großer Bedeutung erweisen sich ferner mathematische Modelle, die zeigen, ob unsere Vorstellungen zum Verhalten überhaupt schlüssig sind. Darüber hinaus machen diese Modelle Voraussagen, die anschließend in empirischen Untersuchungen überprüft werden können. Wichtige Impulse kommen aber auch aus der Gesellschaft selbst. Das Wohlergehen der Tiere, der Natur- und Artenschutz oder die Frage, wie viel im Verhalten durch die Umwelt und wie viel durch die Gene bestimmt wird, interessiert und bewegt die Menschen und trägt auch dazu bei, dass sich die verhaltensbiologische Forschung dieser Themen verstärkt annimmt. Was die technischen und methodischen Neuerungen betrifft: Zweifellos üben sie einen immensen Einfluss auf den wissenschaftlichen Fortschritt aus. So haben beispielsweise molekularbiologische Methoden bei der Bestimmung von Vaterschaften, modernste Satellitentechnik bei der Erforschung des Vogelzugs oder Hormonuntersuchungen bei der Diagnose des Wohlergehens wesentlich zum Verständnis des Tierverhaltens beigetragen.

Sie haben Biologie, Chemie und Soziologe studiert, in Bielefeld promoviert und sich in Bayreuth habilitiert, bevor Sie Leiter des Instituts für Verhaltensbiologie an der Universität Münster wurden. Was hat Sie zu dem gemacht, was Sie heute sind: eine Kindheit auf dem Lande mit Unmengen von Tieren, die einem vertraut waren und doch Rätsel aufgaben? Oder das genaue Gegenteil: ein Stadtkind mit der unbändigen Sehnsucht nach Flora und Fauna? Oder noch anders: Früher träumten Jungs in der Generation von Jimi Hendrix und Led Zeppelin von einer Karriere als Rockgitarrist und Sänger – wann haben Sie begonnen, sich für Sachen wie Stresshormone, natürliche Selektion, Dominanzhierarchien, das Wechselspiel von Genetik und Umwelt oder eben den Dichtestress bei Mensch und Tier zu interessieren?
Tatsächlich bin ich auf dem Land mit Hunden, Katzen, Kaninchen und Goldhamstern aufgewachsen, und bereits von Kindheit an haben mich die Natur und naturwissenschaftliche Fragen fasziniert. Ich habe Sterne beobachtet, seltene Steine gesammelt, mit meinem Chemiebaukasten experimentiert, den mir meine Eltern schenkten. Mein Interesse an der Biologie wurde vor allem durch meine Biologielehrerin geweckt und gefördert, und so habe ich bereits während meiner Schulzeit mit Begeisterung Bücher von Konrad Lorenz gelesen. Die Heroen meiner Jugend waren aber ganz klar Eric Clapton und Günter Netzer und nicht etwa berühmte Forscher.


Dass ich mich während des Biologiestudiums auf die Verhaltensforschung hin orientiert habe, hing vor allem mit Klaus Immelmann zusammen, einem der international renommiertesten Verhaltensforscher seiner Zeit. Als ich mein Studium der Biologie in Bielefeld begann, baute er gerade den ersten Lehrstuhl für Verhaltensbiologie an einer deutschen Universität auf. Seine Vorlesungen waren die absoluten Highlights der ersten Semester – und die Bedingungen an seinem Lehrstuhl phänomenal. Es herrschte eine Aufbruchsstimmung, der man sich nicht entziehen konnte. Wir Studierenden hatten schon während des Studiums die Möglichkeit, in die Forschung einzusteigen, und so begann ich meine Untersuchungen zur sozialen Organisation der Meerschweinchen bereits im fünften Semester.


Sie arbeiten am Institut in Münster mit vielen verschiedenen Tieren, die in großzügigen Innen- und Außengehegen gehalten werden. Es fällt auf, dass in der Forschungsliteratur Ihrer Fachdisziplin die «Probanden» häufig Namen und Gesicht bekommen: der kluge Hans, ein Pferd mit Faible für Mathematik-Basics; der rote Emil, ein Alpha- Meerschweinchen-Männchen und Internetstar; die Tauben Jack und Jill, wahre Kommunikationswunder; oder, nicht zu vergessen, der geniale Border-Collie Rico. Welches Verhältnis hat man als Forscher zu seinen lebendigen Untersuchungs«objekten»? Und – befriedigt der Umgang z.B. mit Hausmeerschweinchen auch das Kind im (forschenden) Manne und der (forschenden) Frau?
Das Verhältnis von Forschenden zu ihren Tieren kann sehr verschieden sein. Dabei spielt sicher die systematische Stellung der Tiere eine wichtige Rolle: Zu Bonobos, Delfinen oder Hunden wird sicher eine engere Beziehung bestehen als zu Fruchtfliegen oder Ameisen. Interessanterweise wird das Verhalten der verschiedenen Tiere von den Verhaltensforschern aber mit der gleichen Begeisterung und Intensität untersucht, ganz gleich, ob es sich um Säugetiere oder Insekten handelt. Auch die Fragestellung spielt eine große Rolle. Wenn man die Wanderungen von Tausenden von Gnus im natürlichen Lebensraum analysiert, kann nicht zu jedem Tier eine individuelle Beziehung aufgebaut werden. Das ist aber sehr wohl der Fall, wenn in einem Zoo Erkenntnisse zur tiergerechten Haltung einer kleinen Gruppe dieser Tiere gewonnen werden sollen. Da es in der Verhaltensbiologie nicht um subjektive Eindrücke geht, sondern um abgesicherte, reproduzierbare Aussagen zum Verhalten der Tiere, besteht eine gewisse Distanz zwischen dem Beobachter und seinen Tieren. Das heißt aber nicht, sie zu Objekten der Forschung zu degradieren. Die meisten Verhaltensforscher mögen und lieben ihre Tiere, und es ist ihnen bewusst, dass sie es mit einzigartigen Tierpersönlichkeiten zu tun haben. Das dürfte auch der Grund für die individuellen Namensgebungen sein.


Dass meine jahrelangen Untersuchungen an Haus- und wilden Meerschweinchen auch das Kind im forschenden Manne befriedigt haben könnten, ist eine interessante Hypothese. Sie trifft aber höchstwahrscheinlich nicht zu. Meerschweinchen sind sympathische Tiere, Elefanten, Delfine, Hunde oder Katzen fand ich aber mindestens genauso spannend. Warum ich so lange über Haus- und wilde Meerschweinchen geforscht habe, liegt ganz einfach daran, dass ich verstehen wollte, wie bei Säugetieren soziale Erfahrungen das Verhalten formen. Und dafür sind gerade die Meerschweinchen eines der geeignetsten Modellsysteme. Das heißt: die Fragestellung stand im Vordergrund, nicht eine bestimmte Tierart. Entsprechend haben wir andere Forschungsfragen mit der Untersuchung anderer Tiere beantwortet: die Frage, wie Umwelt und Gene zusammenspielen, an der Mau; wie das Wohlergehen von Tieren gemessen werden kann, an Nashörnern und Pinselohrschweinen; und warum Erwachsene Babys süß finden, am Menschen.


Geblendet vielleicht vom altruistischen Verhalten mancher Tierarten, ging man lange davon aus, dass oberste Priorität in der Tierwelt stets das Wohlergehen der eigenen Art sei. Dieses Dogma hat sich als unhaltbar erwiesen. Afrikanische Löwen töten bei der Rudelübernahme gezielt männliche Mitglieder der Gruppe (und deren Junge); gleiches gilt für freilebende Schimpansen, die Rivalen töten, weil sie, Stichwort: «egoistische Gene», davon profitieren. Die zeitgenössische Verhaltensbiologie macht sich also nicht gerade um den romantischen Blick auf die Tierwelt verdient – Beispiel: die vermeintlich perfekte Monogamie der Singvögel, die ihr Vögelchen gemeinsam bebrüten und zum Wohle der Art großziehen …
Die zeitgenössische Verhaltensbiologie macht sich vor allem um ein realistisches Bild der Tierwelt verdient. Für Säugetiere heißt das insbesondere, dass sie uns näher gerückt sind, dass sehr viel mehr Mensch im Tier steckt, als wir uns vor einigen Jahren noch haben vorstellen können. Alle Tiere können lernen, viele können denken, manche erkennen sich im Spiegel, und bei manchen sind zumindest Ansätze von Ich-Bewusstsein vorhanden. Tiere mancher Arten haben Emotionen, die denen des Menschen bis in verblüffende Details vergleichbar sind. Die Tiere sind uns aber auch noch in einem weiteren Bereich näher gerückt, der in der öffentlichen Diskussion oft in Vergessenheit gerät. Hier überwiegt vorrangig das Bild der – nach menschlichen Moralvorstellungen – «guten Tiere». Es ist richtig, dass das Leben vieler Säugetiere durch prosoziales Verhalten, umfangreiche Kooperationen und Harmonie gekennzeichnet ist. Tiere mancher Arten haben sogar einen Sinn für Fairness, verstehen und teilen die Emotionen anderer, und verfügen im Falle von Konflikten über ausgeklügelte Mechanismen der Lösung und Versöhnung. Es ist aber auch richtig, dass ebendiese Tiere zur Durchsetzung ihrer Interessen drohen und kämpfen, täuschen, nötigen und vergewaltigen und nicht davor zurückschrecken, Artgenossen umzubringen. Bei Schimpansen sind selbst kriegerische Auseinandersetzungen kein Einzelfall. Die «besseren Menschen» sind die Tiere offenbar nicht.


Der erbitterte Richtungsstreit zwischen Ethologen und Behavioristen scheint passé zu sein, die Verhaltensbiologie ist heute ein gutes Stück über die Polarität Instinkt vs. soziales Lernen hinaus. Welches sind für Sie die wichtigen, noch ungeklärten Fragen/Themen der Verhaltensbiologie?
Auf der Agenda der zeitgenössischen Verhaltensbiologie finden sich zahllose spannende Themen. So wurden bezüglich der kognitiven Leistungen der Tiere bisher nur wenige Tiergruppen genauer untersucht. Es wird ganz sicher große Überraschungen geben, wenn die «Intelligenz» von Reptilien, Fischen oder unterschiedlicher wirbelloser Tiere näher betrachtet wird. Was die wissenschaftliche Untersuchung von Emotionen betrifft, steht die Verhaltensbiologie erst am Anfang. Die hier zukünftig zu erwartenden Erkenntnisse werden wesentlich zu einer tiergerechten Haltung von Tieren in menschlicher Obhut beitragen. Gene und Umwelt spielen bei der Entwicklung von Kognition, Emotion und Verhalten zusammen. Wie genau es aber von der genetischen Ebene zum Verhalten kommt, in welchen Lebensabschnitten welche Einflüsse besonders prägend sind, wie die Umwelt und das Verhalten auf die genetische Ebene rückwirken und unter welchen Bedingungen epigenetisch veränderte Genome in künftige Generationen weitergegeben werden – das ist erst in Ansätzen bekannt. Hier werden wir völlig neue Einsichten gewinnen, warum Individuen genauso sind, wie sie sind.
Dies leitet zu einer wesentlichen Frage der Verhaltensökologie über: Wenn Tiere – vom Schimpansen bis zum Blattkäfer – individuelle Tierpersönlichkeiten ausbilden, müssen wir dann nicht auch annehmen, dass es für diese Tiere individuelle ökologische Nischen gibt? Wie genau passen sich Individuen derselben und unterschiedlicher Arten mit ihrem Verhalten an diese Nischen an? Und was geschieht, wenn sich die Umwelt in Zeiten des global change dramatisch verändert? Welche Individuen, Populationen und Arten werden dann plastisch genug sein und überleben und welche nicht? Antworten auf diese Fragen sind nicht nur von höchstem Interesse, um die Evolution des Verhaltens zu verstehen, sondern auch um geeignete Konzepte zum Schutz gefährdeter Arten und zum Erhalt der Biodiversität zu entwickeln und zu implementieren.

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