01.04.2016   von rowohlt

Ryan Gattis: Das Interview

«Gattis nimmt den Leser mit in das zerbrochene, wütende Herz von Los Angeles während der Unruhen von 1992 und blinzelt nicht einmal mit den Augen vor dem, was er da sieht.» (Dennis Lahane)

© Hannah Mordhorst
© Hannah Mordhorst

Ryan Gattis' Roman über die schweren Unruhen, die am 29. April 1992 in Los Angeles ausbrachen und für sechs Tage Tod und Verwüstung in die Stadt brachten, stellt alles in den Schatten, was man bisher über Gangs und Polizeigewalt, über Rassismus, Verwahrlosung und Ignoranz in den USA lesen konnte. Hier ein aktuelles Gespräch mit dem Autor.

«Polizeigewalt ist heute ein größeres Problem in den USA als jemals zuvor»


Ihr monumentaler Roman über die L.A. Riots von 1992 wirft die Frage auf: Könnte sich heute, fast 25 Jahre nach den Aufständen in South Central L.A., etwas Ähnliches wiederholen?


Ja, absolut. Die Ursachen existieren in South Central noch heute: Arbeitslosigkeit, die Gesundheitsversorgung, schlechte Schulen ohne Nachmittagsangebote. Die Polizeigewalt ist heute ein größeres Problem in den USA als jemals zuvor – die Ereignisse in Baltimore vergangenes Jahr haben das nur zu deutlich gezeigt. Aber auch in Missouri, Florida, New York, North Carolina … überall ist Polizeigewalt zu einem solch großen Problem geworden, wie es in den 1990er Jahren in Los Angeles war. Und genau das führt letztlich dazu, dass sich die Bevölkerung entschließt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.


Sie sind bei den Recherchen für Ihren Roman im Sommer 2012 große persönliche Risiken eingegangen; das erinnert stark an die Berichte von Journalisten, die sich in Kolumbien oder Mexiko mit Untergrundaktivisten getroffen haben. Wie stark war das subjektive Bedrohungsgefühl während der Arbeit für Ihren Roman?


Ziemlich stark. Ich hatte oft Angstzustände, ich hatte Albträume, weinte viel. Irgendwann wollte ich das Buch nur noch schnell zu Ende schreiben, um den Ballast abzuwerfen, den ganzen Druck loszuwerden.  


Hierzulande ist das Bild der Metropole Los Angeles von Extremen geprägt. Auf der einen Seite Hollywood, Walk of Fame, HipHop-Millionäre, die Basketballtruppen der LA Lakers und LA Clippers – und auf der anderen Seite South Central, Polizeigewalt, Rassismus, «Black Lives Matter». Gibt es in L.A. überhaupt so etwas wie normales Leben, normalen Alltag jenseits dieser Klischees?


Ja, klar. Ich glaube sogar, das ist einer der Gründe, warum ich schreibe. Weil die Realität für die allermeisten Menschen in Los Angeles nicht das ist, was Hollywood und Glamour vorgaukeln. Für die Menschen geht es in ihrem Alltag darum, zu arbeiten, zu essen, zu schlafen und dafür zu sorgen, dass es ihren Kinder einmal besser geht als ihnen selbst. South Central muss man sich wie eine Insel vorstellen, auf der man nicht leben will. Und die Menschen die dort leben, verlassen ihre Insel nicht – sie bleiben, weil sie bleiben müssen. Eines ist sicher: Du wirst Los Angeles niemals verstehen können, wenn du nicht wenigstens 24 Stunden in South Central gewesen bist.

Wildwest in L.A.


Mit Clever begegnen wir einem Gang-Charakter, der mit seiner Intelligenz und seinem Wissen ebenso gut auf der Seite der «Guten» stehen könnte. Wie schwer ist es, aus den Gangs auszubrechen?


Es gibt diesen Satz in L.A., der besagt: «Du kannst den Gangs nur entkommen, wenn du stirbst.» Aber das stimmt nicht. Wenn wir erneute Unruhen verhindern wollen, dann nur, indem wir Talente fördern und Dinge auf die Beine stellen, die der Gesellschaft zugute kommen. Nur so gelingt es uns, Gebiete in L.A. zu schaffen, denen man nicht entkommen will.


Fast alle Charaktere in Ihrem Buch tragen Spitznamen, manche gar eine Handvoll. Was hat es damit auf sich?


Spitznamen sind ideal für Kriminelle, weil ihnen so schwieriger eine Straftat nachgewiesen werden kann. Gleichzeitig definieren Spitznamen die Rolle einer Person innerhalb einer Gruppe. 


Vergeltung und Selbstjustiz ist ein wichtiges Motiv in Ihrem Buch. Es wirkt wie ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gibt. Warum spielt Vergeltung eine so große Rolle?


Vor allem, weil die 6-tägigen Unruhen an Verhältnisse wie im Wilden Westen erinnern. Gesetze waren nicht durchsetzbar, die Polizei war überfordert.  Bei den Menschen ist es eigentlich ganz einfach: Es gibt Uneinigkeiten und Konflikte – das ist normal. Manchmal eskalieren diese Konflikte eben. Und die einzige Möglichkeit, sich als Sieger – besonders auf so engem Raum wie South Central – zu fühlen, ist, selbst anzugreifen. Auf Angriff folgt Rache, auf Rache Vergeltung. Es ist der imemrwährende Versuch, mit jeder Attacke das Geschehene ungeschehen zu machen. Aber so funktioniert es nicht, so hat es noch nie funktioniert. Mein Buch ist in diesem Sinne daher auch eine Tragödie.

Frühstück in China, Mittagessen in Mexiko, Abendbrot in Japan … auch das ist L.A.!


Es heißt, Ihr Roman werde vom Fernsehsender HBO als Serie verfilmt. Wie darf man sich das vorstellen? Werden dort auch die Erlebnisse in jeder Folge aus einer neuen Perspektive geschildert?


Ich weiß es nicht. Es liegt ganz im Ermessen des Regisseurs, wie er das Buch adaptieren möchte. Aber das Drehbuch habe ich noch nicht gesehen – es wird gerade erst entwickelt. Ich kann mir vorstellen, dass es zwölf Episoden gibt, dass zwei Episoden jeweils einen Tag der Unruhen zeigen. Ich selbst wollte nie Drehbuchautor werden, in einem Kämmerchen hocken und den ganzen Tag auf Kommando schreiben. Ich liebe die Prosa, ich liebe es, draußen auf der Straße zu sein, mich mit Leuten zu unterhalten, dort zu sein, wo die Dinge passieren. Und einfach nur im Café zu sitzen und zu essen, denn das lohnt sich in Los Angeles!


Wieso?


Ich hatte kürzlich erst eine angeregte Diskussion mit jemandem, der meinte, in Paris sei das Essen spektakulär, das beste der Welt, bla bla bla. Und ich sagte zu ihm: In Los Angeles kannst du im Gegensatz dazu für nur ein paar Dollar die besten Gerichte der ganzen Welt essen. Das Schöne an Los Angeles ist die bunte Vielfalt an Menschen, Nationen, Kulturen. Und diese Vielfalt führt zu einer unglaublichen Auswahl an Gerichten. Selbst in den USA glaubt man immer, dass es DIE mexikanische Küche gebe. Aber das stimmt nicht. Wie auch sonst überall gibt es in jeder Region Mexikos eine eigene Küche mit ganz unterschiedlichen Zutaten und Zubereitungsweisen. Doch in Los Angeles kannst du alle diese regionalen mexikanischen wie auch sonstigen Gerichte aus der ganzen Welt entdecken Und das liebe ich. Und daher lebe ich auch dort. Frühstück in China, Mittagessen in Mexiko, Abendbrot in Japan –  was kann es Besseres geben?

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