05.04.2016   von rowohlt

«Rüber, über die Grenze, in die Ukraine»

Das facettenreiche Porträt eines Landes in der Zerreißprobe

© Jens Mühling
© Jens Mühling

«Schwarze Erde» ist die Erzählung einer Reise, die uns räumlich und zeitlich durch die Ukraine führt. Von den polnischen Grenzgebieten im äußersten Westen zu den Gebirgszügen der Karpaten, von der südlichen Schwarzmeerküste in die zentralukrainischen Steppengebiete, von den Ufern des Dnjepr zu den umkämpften Gebieten der östlichen Donbass-Region: Der für seine Essays und Reportagen mehrfach ausgezeichnete Journalist Jens Mühling liefert uns «ein stimmiges Bild von einem Land, in dem vieles nicht stimmt. Das leisten nur wenige Reiseberichte» (Süddeutsche Zeitung).


Für einen ersten Blick auf das «Abenteuer Ukraine» möchten wir Ihnen unbedingt Jens Mühlings Beitrag im tausendaugen-Blog empfehlen.


Hier zum Einlesen einige Passagen über den alten jüdischen Friedhof von Tscherniwizi, dem alten Czernowitz – jenen Ort in der Bukowina mit seinem «jüdisch-ukrainisch-deutsch-rumänisch-polnisch-armenischen Nationalitätengewirr, wo jeder Schusterjunge drei Sprachen und fünf Dialekte beherrschte». Kein Wunder, dass von hier viele bedeutende Dichter stammen; einer von ihnen ist Paul Celan.


Hebräisch, Lateinisch, Kyrillisch …

«Auf dem alten jüdischen Friedhof von Tscherniwzi hatte die Septembersonne die Steine erhitzt. Sie waren von Brombeersträuchern überwuchert, in deren Schatten Millionen roter Wanzen kauerten. Schob ich einzelne Ranken beiseite, um eine Inschrift zu lesen, stoben die Wanzen panisch auseinander, und über die hebräischen, lateinischen und kyrillischen Buchstaben auf den Grabsteinen krabbelten zittrige Zeichenkolonnen aus roten Punkten. (…)


Der Friedhof ist groß. Auf einem Hügel über der Stadt reiht sich Stein an Stein, so weit und so breit, dass vom einen Ende her das andere nicht zu erahnen ist. Es würde Stunden und Tage dauern, alle Querreihen und Längszeilen abzulaufen, und erst am Ende des Weges hätte man ansatzweise eine Vorstellung davon, wie jüdisch das alte Tscherniwzi war. Noch zahlreicher aber sind die Gräber, die fehlen. Lange suchte ich nach Inschriften aus den Kriegsjahren, bis mir aufging, wie unsinnig das war. Die ermordeten Juden der deutsch-rumänischen Besatzungszeit hätten einen zweiten, einen dritten, einen zehnten Friedhof füllen können, aber man hatte sie weder in Tscherniwzi beisetzen können noch irgendwo anders. Sie waren unbestattet geblieben, wie das Ehepaar Leo und Friederike Antschel, von deren Tod kein Stein zeugt, sondern ein Gedicht, verfasst in der Sprache ihrer Mörder.


Paul Antschel kam 1920 im rumänischen Cern?u?i zur Welt. Bevor er starb, wechselte er zweimal den Namen und einmal die Staatsangehörigkeit. Seine Geburtsstadt wechselte beides im selben Zeitraum dreimal, und dann noch einmal, nachdem Antschel sich das Leben genommen hatte. Einen ersten Seitenwechsel hatte die Stadt gerade hinter sich, als Leo Antschel und seine Frau Friederike 1920 die Geburt ihres ersten – und einzigen – Kindes bekanntgaben. Verliebt hatte sich das Paar, als Cern?u?i noch Czernowitz geheißen und zu den entlegeneren Teilen des Habsburgerreichs gehört hatte. Formal hatten damals die Österreicher das Sagen gehabt, was aber im jüdisch-ukrainisch-deutsch-rumänisch-polnisch-armenischen Nationalitätengewirr der Bukowina, wo jeder Schusterjunge drei Sprachen und fünf Dialekte beherrschte, kaum weiter aufgefallen war.


Die buntscheckige Welt der Bukowina

Paul Antschel sprach zu Hause Deutsch, was seine literaturliebende Mutter durchgesetzt hatte, gegen den Willen des Vaters, der in einem wahrscheinlich auf Jiddisch geführten Streitgespräch erfolglos für Hebräisch plädiert hatte. Letzteres sprach der Sohn dann in der Grundschule, bevor er auf ein rumänisches Gymnasium wechselte, um später an einem ukrainischen die Schule abzuschließen.


Er wuchs auf zwischen jenen «flötenblasenden Berghirten, parfümierten und knoblauchkauenden Operettenoffizieren, Chagallschen Chassidim mit langen Schläfenlocken unter den schwarzen Hüten, sporenklirrenden rumänischen Militärs und strebsamen volksdeutschen Bürgern», an die sich in seinen Czernowitz-Memoiren der sechs Jahre früher geborene Schriftsteller Gregor von Rezzori erinnerte, ein Nachkomme sizilianischer Einwanderer, die es über Wien in die buntscheckige Welt der Bukowina verschlagen hatte. Die Machtübernahme der Rumänen nach dem Ersten Weltkrieg, schrieb von Rezzori, habe in Czernowitz niemand wirklich ernst nehmen können – man habe ihr etwa das gleiche Gewicht beigemessen wie einem Bühnenumbau im örtlichen Operettentheater.


Als zwanzig Jahre später Hitler und Stalin in ihrem Pakt von 1939 das mittlere Europa unter sich aufteilten, übernahm die Sowjetunion das Kommando in Cern?u?i, dessen Bewohner sich nun an den russischen Namen Tschernowzy gewöhnen mussten. Auch diese Wachablösung mag mancher Czernowitzer anfänglich für einen reinen Kulissenwechsel gehalten haben. Sehr bald aber begannen sich die Zuschauerränge gespenstisch zu leeren. Die ersten, die gehen mussten, waren rund fünfundzwanzigtausend Deutsch- und Österreichstämmige, etwa ein Sechstel der damaligen Stadtbevölkerung, auf deren Umzug sich Hitler und Stalin verständigt hatten – auch Gregor von Rezzoris Familie gehörte zu jenen, die unter der Parole «Heim ins Reich» hinter die deutsche Front umgesiedelt wurden. Ein paar tausend «Klassenfeinde», die meisten von ihnen Juden, verließen Tschernowzy etwa zeitgleich in östlicher Richtung, von NKWD-Mitarbeitern auf Güterwaggons verfrachtet, die erst in Sibirien wieder anhielten.


Paul Celan und die «Todesfuge»

Aus Angst, ebenfalls dort zu landen, flohen derweil Teile der rumänischen Oberschicht nach Bukarest. Paul Antschel, der kurz zuvor ein Romanistikstudium begonnen hatte, blieb mit seinen Eltern vorerst in der Stadt. Er sollte es sein Leben lang bereuen. Aus Tschernowzy wurde im Juli des Kriegsjahres 1941 wieder Cern?u?i, als Rumänien, inzwischen verbündet mit Nazi-Deutschland, die Stadt zurückeroberte. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt jüdisch. Im Ghetto landeten die Antschels gemeinsam, verlassen sollten sie es getrennt. Den Sohn verlegten die Besatzungstruppen in ein rumänisches Arbeitslager, die Eltern in ein transnistrisches KZ, wo der Vater an Typhus starb und die Mutter erschossen wurde.


Von sowjetischen Truppen kurz vor Kriegsende aus dem Lager befreit, kehrte Paul Antschel 1944 zurück in seine Heimatstadt, die nun wieder den russischen Namen Tschernowzy trug. Freunden, denen er an der Universität wiederbegegnete, erzählte er von quälenden Selbstvorwürfen – er konnte das Gefühl nicht abschütteln, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. Ein Gedicht, an dem er in jener Zeit arbeitete, trägt den Tod im Titel, und seine deutschen, singenden Todesverse wird Paul Antschel später als das Grabmal bezeichnen, das den ermordeten Eltern verwehrt blieb.


… er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft


dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng …


Aus «Antschel» wurde «Ancel», als der Dichter 1945 nach Bukarest übersiedelte, um sein Studium fortzusetzen. Wenige Jahre später floh er nach Paris, wo er die rumänische Version seines Nachnamens in Silben auflöste und umkehrte, um seinen Dichternamen zu bilden. Das ehemalige Czernowitz liegt heute am Südrand der ukrainischen Bukowina und heißt Tscherniwzi. Paul Antschel liegt auf dem Pariser Cimetiere de Thiais, und auf seinem Grabstein steht der Name Paul Celan.


Als der Autor der «Todesfuge» am 1. Mai 1970 tot aus einem Fischernetz in der Seine geborgen wurde, erreichte die Nachricht im sowjetischen Tschernowzy kaum jemanden. Er war der berühmteste Sohn der Stadt, aber die Stadt wusste nichts von ihm. Bekannt geworden war Celan in einem fremden Land, unter einem fremden Namen, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, die von der Sowjetunion so weit entfernt war wie der Mond. In den Parteizeitungen kamen deutschsprachige Exildichter selten vor, und in Celans Heimat waren wenige übrig geblieben, die sich an den Studenten Paul Antschel erinnern konnten. Es sollte fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis an Celans Geburtshaus eine Gedenktafel aufgehängt wurde. (…)»

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