13.03.2019   von rowohlt

Rowohlts bewegte Umzugsgeschichte

18. März 2019: von Reinbek ins Hamburger Bieberhaus

© Sabine Knopf, Sax-Verlag, Beucha, © Lukas Wehner, © Panther Media GmbH / Alamy Stock Photo
© Sabine Knopf, Sax-Verlag, Beucha, © Lukas Wehner, © Panther Media GmbH / Alamy Stock Photo

Ein Verlag, der mehr als ein ganzes Jahrhundert alt ist, wird kaum die gesamte Zeit an einem einzigen Ort residieren. 1908 offiziell gegründet, wanderte Rowohlt bis heute quasi einmal quer durch die deutschen Lande: Standorte waren Leipzig und Berlin, Hamburg und Stuttgart, Reinbek – und noch einmal Hamburg. Wann und weshalb all diese Umzüge geschahen (und warum in gewisser Weise auch Baden-Baden und Ostberlin in diese Liste gehören), das erzählt Michael Töteberg, langjähriger Leiter der Rowohlt-Medienagentur und einer der Autoren der großen Chronik «100 Jahre Rowohlt».

«Gedruckt für Ernst Rowohlt, München 1908» lautete der Verlagsvermerk. Mit dem schmalen Bändchen erfüllten sich zwei ehrgeizige 19-Jährige einen langgehegten Wunsch. 270 Exemplare wurden hergestellt, doch so viele Freunde und Verwandte, die obendrein dafür Geld ausgeben wollten, hatten die beiden nicht (und vom Vertrieb über den Buchhandel hatten sie keine Ahnung). Am Ende musste Papa die Druckkosten zahlen. Der Verfasser der «Lieder der Sommernächte», Gustav C. Edzard, ließ danach das Dichten sein, doch der selbsternannte «Verleger» wurde tatsächlich einer. Verlagsort München jedoch war reiner Fake.


Rowohlts Mentor war der legendäre Insel-Verleger Anton Kippenberg. Der junge Mann sollte Auslandserfahrungen sammeln, und so vermittelte Kippenberg ihm eine Anstellung in einer Pariser Librairie. Rowohlt hielt es dort kaum eine Woche aus: Immer nur Adressen schreiben und Pakete packen, das war seine Sache nicht. Im Hôtel de Brest, wo er logierte, gründete er einen Verlag, schrieb einen von ihm bewunderten, aber persönlich nicht bekannten Autor an, man wurde handelseinig, und so erschien – nun waren es schon 800 Exemplare – ein Jahr später die «Katerpoesie» von Paul Scheerbart. Im Impressum stand: «Ernst Rowohlt Verlag Paris – Leipzig».

1908: Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig


Kippenberg hatte Rowohlt dringend abgeraten:
«Dilettantische Verleger gibt es in Deutschland genug», doch der ließ sich durch noch so gut gemeinte Ratschläge nicht aufhalten. Er zog nach Leipzig, in die traditionelle Stadt der Buchdrucker, und ließ seinen Verlag ins Handelsregister eintragen. Die ersten Briefe, mit denen er um Autoren warb, schrieb er noch von zu Hause (Promenadenstraße 43, II. Stock), ab Juni 1910 gab es gedrucktes Briefpapier: «Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig, Königstraße 10, Telephon 14786». Das war eine gute Adresse, denn hier residierte die Offizin Drugulin. Die berühmte Druckerei hatte Rowohlt im Vorderhaus einen Raum überlassen.


Der frischgebackene Verleger war hier am richtigen Platz. Er wollte schöne Bücher machen, seine Leidenschaft galt bibliophil ausgestatteten Bänden für Liebhaber. Er druckte – bekannte und weniger bekannte – klassische Texte, suchte aber auch den Kontakt zur Gegenwartsliteratur. Max Brod brachte Franz Kafka mit, der voller Skrupel war, ob er seine Erzählungen überhaupt veröffentlicht sehen wollte. Anderseits trieb ihn, wie er in einem Brief an den «sehr geehrten Herrn Rohwolt» bekannte, die «Gier unter Ihren schönen Büchern auch ein Buch zu haben». Und so kam Kafkas erstes Buch «Betrachtung» («sorgfältiger Druck auf reinem Hadernpapier», verhieß die Anzeige) bei Rowohlt heraus. 800 Exemplare wurden gedruckt, doch nur 300 tragen das Verlagssignet Rowohlt. Kurt Wolff, der als stiller Teilhaber fungierte und im Gegensatz zu seinem Kompagnon vermögend war, zerstritt sich mit Ernst Rowohlt. Wolff zahlte Rowohlt aus und übernahm die Buchbestände, darunter die noch nicht verkauften Exemplare von Kafkas «Betrachtung», ließ sie neu binden mit der Angabe «Kurt Wolff Verlag» auf dem Titelblatt. Das war das Ende des Rowohlt Verlags in Leipzig.

1919: Rowohlt Verlag, Berlin


Neuanfang nach dem Krieg in Berlin
. Am 7. Januar 1919 gründete Rowohlt erneut den Verlag, Adresse: Potsdamer Str. 123, an der Potsdamer Brücke. Nah am Puls der Zeit, stürzte sich Rowohlt abenteuerlustig in das literarische und politische Geschehen. Die Autoren des Verlags hießen Kurt Tucholsky und Ernst von Salomon, Walter Benjamin und Joachim Ringelnatz, Robert Musil und Arnolt Bronnen, dazu die Amerikaner Ernest Hemingway und Thomas Wolfe.


1929 zog der Verlag um in die Passauer Straße 8/9. Ein paar Häuser weiter saß der Malik Verlag – George Grosz gestaltete Buchumschläge auch für Rowohlt –, in der anderen Richtung, Hausnummer 34, war die Redaktion der Rowohlt-Zeitschrift «Literarische Welt». Hans Fallada arbeitete als Angestellter im Verlag, als ehemaliger Häftling fand er keine Stelle – und so hatte sich Ernst Rowohlt seiner erbarmt. Der Schriftsteller schnitt Rezensionen aus und machte sich auch sonst nützlich. «Wenn Not am Mann war, öffnete ich auch die Entreetür, und manchem prominenten Autor habe ich aus dem Mantel und in den Rowohlt Verlag geholfen.» Nachmittags hatte er frei – zum Schreiben, denn Ernst Rowohlt glaubte an ihn und erwartete einen großen Roman. Zu Recht: Mit «Kleiner Mann – was nun?» sanierte Fallada den wirtschaftlich angeschlagenen Verlag.


Zum 1. April 1935 verlegte der Verlag seinen Sitz in die Eislebener Straße 7 in Charlottenburg. Es empfahl sich, unter den neuen Machthabern sich lieber etwas im Abseits aufzuhalten. Aber der «rote» Verlag war den Nazis ein Dorn im Auge, und so war der nächste Umzug ein erzwungener: Ernst Rowohlt wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam, und sein Verlag der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart zugeschlagen. Der Rumpfverlag, von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt betreut, zog zu Jahresbeginn 1939 in die Geschäftsräume der DVA in der Neckarstraße 121–123. Ende November 1942 wurde das Gebäude ein Opfer der Bomben, Buchlager und Archiv wurden komplett vernichtet. Im nächsten Jahr war sowieso alles vorbei: Auf Anordnung von oben wurde der Rowohlt Verlag am 1. November 1943 geschlossen.

1945: Rowohlt Verlag, Hamburg


In der Nacht vom 26./27. März 1945 türmte Ernst Rowohlt aus Grünheide, wo er eigentlich eine Volkssturm-Einheit befehligen sollte, nach Hamburg. Dort erwartete ihn schon Maria Pierenkämper, die an diesem Tag einen Sohn, Harry genannt, zur Welt brachte. Geheiratet wurde später, denn der Mann musste erst noch – nun zum dritten Mal – den Rowohlt Verlag gründen. Die Besatzungsmacht war ihm wohlgesonnen, er konnte ins sogenannte Broschekhaus («Hamburger Fremdenblatt»), Große Bleichen 42, einziehen.


Im ersten Stock war der Publizist Hans Zehrer einquartiert, der im Auftrag der Engländer die Gründung einer Tageszeitung, der späteren «Welt», vorbereitete, im zweiten Stock Kurt W. Marek, Redakteur ebenjener Zeitung, und im vierten Stock unter dem Dach Ernst Rowohlt, der seine Wohnung kurzerhand als Verlagsbüro deklarierte und Marek zum Lektor ernannte. (Ein guter Griff: Unter dem Pseudonym Ceram lieferte er mit «Götter, Gräber und Gelehrte» dem Verlag den ersten Nachkriegsbestseller.) Rowohlt entwickelte erstaunliche Aktivitäten. «Inzwischen haben wir endlich ein Büro bekommen», berichtete er Ende Juli 1946 Hans Fallada. Allerdings würden noch die Fensterscheiben fehlen. Die neue Adresse war Rathausstraße 27, 2. Stock.


Als einziger deutscher Verlag besaß Rowohlt Lizenzen in allen vier Besatzungszonen: In Baden-Baden, französische Zone, hielt Kurt Kusenberg die Stellung, die Ostberliner Dependance in der Friedrichstraße besorgte Mary Gerold-Tucholsky. Heinrich Maria Ledig-Rowohlt war in Stuttgart, das zur amerikanischen Zone gehörte, geblieben und dort mit seinen Verlagsunternehmungen mindestens so erfolgreich wie sein Vater in Hamburg. Sie fanden nur schwer zueinander, obwohl die Angabe «Rowohlt Stuttgart – Hamburg» in den Büchern Gemeinschaft suggerierte. Der Einschnitt erfolgte 1950: Ledig überwand seine Bedenken, zog nach Hamburg, und der Stuttgarter Verlag wurde aufgelöst. In den USA hatte Ledig die Produktion von Pocket Books studiert, Rowohlt brachte mit rororo das Taschenbuch nach Deutschland. Der vergrößerte Verlag brauchte neue Räume: Reesendamm 3. Drei Jahre später musste wieder umgezogen werden, nun in die Bieberstraße 14.

1960: Rowohlt Verlag, Reinbek


Der Verlag platzte aus allen Nähten, das ständige Umziehen innerhalb Hamburgs konnte auf Dauer keine Lösung sein. So entschloss man sich zu bauen, und zwar etwas außerhalb, in Reinbek bei Hamburg. Mit der Aufgabe wurde der Architekt Fritz Trautwein beauftragt, der eingeschossige Flachbauten entlang einer zentralen Achse entwarf: «Die Betriebsstruktur eines Verlages lässt sich nicht in ein normales Schema pressen. Die einzelnen Abteilungen haben eine starke individuelle Note», lautete seine Prämisse. Im Mai 1960 wurde der Bau eingeweiht. Doch schon ein paar Jahre später musste Trautwein eine Erweiterung konzipieren: einen zweigeschossigen Kubus als Anbau, in den man durch einen gläsernen Gang gelangt. Der vielbewunderte Bau ist seit Ende 2003 denkmalgeschützt.


September 1990, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, wurde der Rowohlt Berlin Verlag gegründet. Dieser Verlag, der kein bloßes Imprint ist, hat seine eigene Geschichte und auch schon einen Umzug hinter sich: Ursprünglich am Hackeschen Markt beheimatet, residiert man inzwischen in der Kreuzbergstraße in Kreuzberg.

2019: Rowohlt Verlag, Hamburg


Von der Bieberstraße über Reinbek ins Bieberhaus: Der kleine Umweg dauerte fast 60 Jahre, so lange wie in der beschaulichen Kleinstadt an der Bille hat Rowohlt es noch nie an einem Ort ausgehalten. So schön es war, die meisten Mitarbeiter wohnen in Hamburg und mussten pendeln: Morgens raus aus der Stadt, abends zurück, die tägliche S-Bahn-Fahrt war oft mit Verspätungen und Ausfällen verbunden. Damit ist es nun vorbei: Im März 2019 geht es zurück nach Hamburg, direkt ins Zentrum, drei Schritte vom Hauptbahnhof, Seit’ an Seit’ mit dem Schauspielhaus. Ein Haus mit Geschichte, aber damit kann Rowohlt auch aufwarten: Als der Architekt Johann Gottlieb Rambatz 1909 das Bieberhaus baute, brachte Ernst Rowohlt seine ersten Bücher auf den Markt.


«Reinbek bei Hamburg» stand über Jahrzehnte in allen Büchern des Verlages. Als kleine Hommage an die Zeit im Vorort wird in den Rowohlt-Büchern, die in den beiden Monaten nach dem Umzug erscheinen, auf der Impressumseite als Verlagsort vermerkt sein: «Hamburg bei Reinbek».



Michael Töteberg

100 Jahre Rowohlt

100 Jahre Rowohlt

Rowohlt wird hundert – und dieses Buch spiegelt die turbulente Geschichte des Verlagshauses, von den Anfängen bis heute. Die Chronik bietet eine vergnügliche Entdeckungsreise durch ein ganzes Jahrhundert. Sie lässt mit vielen Fotos, Anekdoten und Dokumenten die Historie eines Unternehmens lebendig werden, das sich nie einer bestimmten Ideologie ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 384
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-02513-7
01.04.2008
Erhältlich als: Hardcover
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