01.10.2014   von rowohlt

Rosamunde Pilcher, «Königin der Herzschmerz-Literatur»

Rosamunde Pilchers Gesamtwerk in neuem Look – frisch und romantisch

© Isolde Ohlbaum
© Isolde Ohlbaum

Mit Weltbestsellern wie Die Muschelsucher und September hat sich Rosamunde Pilcher  in die Herzen von Millionen Leserinnen geschrieben; ihre Bücher sind Bestseller, die Generationen von Frauen zum Träumen bringen. Am 22. September 2014 feierte die große alte Dame der romantischen Unterhaltungsliteratur ihren 90. Geburtstag – wir vermuten: mit Tee, Scons und einem Gläschen Champagner.

Willkommen im Pilcher-Land!

Pilcher-Land, das sei jenes «Paradies für Cordsakko-Träger und Laura-Ashley-Ständer», das direkt hinter der malerische Steilküste Cornwalls beginne, schrieb Die Welt. Ob Die Muschelsucher oder Wilder Thymian, September oder Wintersonne: Fast alle Schicksalsromane und Familiensagas von Rosamunde Pilcher spielen in den malerischen englischen Grafschaften ihrer Jugend, in Cornwall, Devon und Dorset. Spätestens mit der immens erfolgreichen Verfilmung ihrer Bücher setzte dort ein wahrer Pilcher-Tourismus ein (sie selbst spricht, noch immer verwundert, vom Rätsel einer «Pilcher-Industrie»). Kein Wunder, dass sie vor einigen Jahren den Preis der britischen Tourismusbehörde erhielt.


Dort, an der englischen Westküste, ist Rosamunde Pilcher aufgewachsen. Während ihr Vater, ein Marineoffizier, lange in Rangun (Burma) arbeitete, zog die Mutter mit ihren beiden Töchtern nach Lelant nahe St. Ives. «Ohne Vater aufzuwachsen war zu jener Zeit nichts Ungewöhnliches. Viele Männer waren in Indien, Malaya oder Afrika, wo sie auf Gummiplantagen arbeiteten oder auf andere Art, häufig beim Militär, das Ihre dazu beitragen, das Britische Weltreich am Laufen zu halten.»


1946 heiratete sie den Textilunternehmer Graham Pilcher, vier Kinder zogen die beiden groß: Mark und Robin, Fiona und Pippa. Noch immer wohnt die 89-Jährige im schottischen Longforgan in der Nähe von Dundee, wo es außer Hügeln und Schafen eigentlich nur noch Schafe und Hügel gibt. 62 Jahre lebte sie mit Graham zusammen, der 2009 im Alter von 92 Jahren starb. Die Frage, wie sie sich als Witwe fühle, bescherte der BamS-Kolumnistin Carolin Dendler eine typische Pilcher-Antwort: «Witwe, was für ein schreckliches Wort! Hört sich ja so an, als ob ich noch einmal heiraten müsste, vielleicht so einen alten Trottel aus dem Altenheim.» Ihr Pragmatismus ist erfrischend, robust und unprätentiös; sie liebt klare Ansagen wie diese: «Ich habe mehr gebügelt als geliebt in meinem Leben.»


Rosamunde Pilcher schrieb jahrzehntelang für die Schublade, Kurzgeschichten und Erzählungen, eine nach der anderen. Manche wurden in Frauenmagazinen veröffentlicht, viele nicht. Bis ihr erster großer Roman gleich zum Big Bang wurde. «Der Erfolg hatte lange auf sich warten lassen. Ich war bereits 60, als ich Die Muschelsucher schrieb. Finanzieller Erfolg ist etwas Seltsames. Man stellt sich immer vor, dass man ganz euphorisch ist und alle möglichen Dinge kauft. Stattdessen empfand ich lediglich eine fast erdrückende Verantwortung …» Ihre Familie nannte sie fortan mit leicht ironischem Zungenschlag «The FA» (wie «Famous Author») …

«Das Leben geht immer weiter. Egal, was passiert»

Den gigantischen Bucherfolg nutzte Pilcher, um ihre Familie beim Kauf von Wohnungen und Häuser unter die Arme zu greifen. Sie selbst erwarb Penrowan House in Perthshire, Schottland. Eigentlich hatte sie sich in ein anderes Domizil verliebt, das Grahams Onkel gehörte: The Croft, in einem Dorf kurz vor Dundee gelegen, ein Traum von einem Haus. Wiesen, Blumen, alte Bäume, Gartenhäuschen und Kutscherhaus, Tennisplatz, Koppel, Obst- und Gemüsebeete, ein kleines Wäldchen – und ein großartiger Blick auf den Firth of Tay und die grünen Hügel der Halbinsel Fife.


The Croft blieb ein unrealisierbarer Traum. So begann «Ros», zunächst gegen den erklärten Willen ihres Mannes, den Kauf von Penrowan House voranzutreiben. Gemeinsam mit Architekten, Handwerkern und Gartenplanern sorgte die neue Hausherrin dafür, dass es zu einem wirklichen Kleinod wurde: «kein Kies, kein Kitsch, keine Angestellten». Hier lebten die Pilchers seit den neunziger Jahren, hier schlug das Herz der Sippe. Und hier feierten Rosamunde und Graham im Dezember 2006 ihre «diamantene Hochzeit nach 60 Jahren glücklicher Ehe».


Nach der romantischen Seite der «Bestseller-Queen» müsse man im Alltag lange suchen, das sagen ihre Kinder, das sagen alle, die sie näher kennen. In Interviews hat Rosamunde Pilcher sich stets als nüchterne, bodenständige Haus- und Ehefrau präsentiert, und auch äußerlich hat sie nie viel Aufhebens um sich gemacht; dafür aber pflegt sie äußerst stabile Ansichten über Gott und die Welt, Liebe und Feminismus.


«Ich kenne diese Liebesblitze nicht, wenn das Herz flattert und der Verstand aussetzt. Ehe ist nicht ewige Liebe und Glück. Ehe ist ein Job – kein Vergnügen. Ehe ist Arbeit: Viel reden, planen, Kompromisse machen.» Über Sex schreiben? Eher nicht. Tue sie es doch einmal, dann «ausgesprochen schlecht» (O-Ton Rosamunde Pilcher) Es sind jene prickelnden Szenen, wenn ein Mann «behutsam die winzigen Knöpfe ihres Mieders» auffingert, bevor er sich zu ihren «runden milchweißen Brüsten» hoch- oder runterarbeitet.

Nachmittagstee und Ingwerkekse

Dafür aber tritt die «Queen of love and landscape» in Sachen Frauenrechte durchaus kämpferisch auf. «Frauen müssen aggressiv sein, wenn sie gleichberechtigt und erfolgreich sein wollen.» Graham sei «immer abgehauen», wenn es eng wurde, zum Golfen oder Moorhuhnschießen. «So sind sie, die Männer.»


Vielleicht ist dies ja das größte Rätsel am phänomenalen Erfolg dieser Frau, die im fortgeschrittenen Alter von 63 zum Weltstar der leichten Unterhaltung wurde. «Ich bin wirklich nicht emotional. Aber ich kann emotional schreiben. Wie ich das mache, ist auch für mich ein großes Mysterium.» Was nach einem kuriosen Paradox klingt, heißt aber nichts anderes, als dass Pilcher ihr Handwerkszeug vorzüglich versteht.


«Leichte Lektüre für intelligente Damen» seien ihre Romane, hat die hochbetagte Lady einmal gesagt. Frauen wollten schließlich im Bett «nichts Schweres oder Verstörendes lesen. Sie wollen auch keinen Müll, der ihre Intelligenz beleidigt.» In einer Rezension hieß es einmal: «Pilchers Romane sind wie Schaumbäder, man hat das Gefühl, seine Zeit auf entspannende Art und Weise vertan zu haben.» Ein schöneres Kompliment kann es für die Jubilarin nicht geben.


An ihr toughes Lebensmotto hat Rosamunde Pilcher sich mit bewundernswerter Disziplin gehalten: «Willst du, dass etwas ordentlich erledigt wird, tu es selbst.» So hält sie es bis heute.

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