15.11.2014   von rowohlt

Robert Musils Jahrhundertbuch

«Ein letztes Prunkstück österreichischen Barocks, strotzend von Überfülle, Fleisch und Kostüm, Vorhang und Hintergrund, Sinnlichkeit und Reflexion.» (Ernst Fischer)

© Österreichisches Nationalarchiv, Wien; Archiv Rowohlt Verlag
© Österreichisches Nationalarchiv, Wien; Archiv Rowohlt Verlag

«Der Mann ohne Eigenschaften», Robert Musils unvollendetes Opus magnum, ist eines der wirkungsmächtigsten Werke der modernen Literatur.  Musil arbeitete über zwanzig Jahre, bis zu seinem Tod 1942, an seinem Hauptwerk; er hinterließ ein Konvolut von 12.000 Blättern mit 100.000 Anmerkungen und Querverweisen. Dass «MoE» damals auch für den Rowohlt Verlag eine sprichwörtlich «schwere Geburt» war, verdeutlicht ein Beitrag in der Verlagschronik 100 Jahre Rowohlt

Eine schwere Geburt

Um ein Haar hätte ein Controller die Vollendung eines der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts verhindert. Schuld daran war die … Finanzmisere des Rowohlt Verlags. Eine der vielen unbequemen Aufgaben des mit der Sanierung betrauten Aufsichtsratsmitglieds Otto Gerschel bestand darin, alle Buchprojekte auf ihre Rentabilität hin zu überprüfen. Die Mehrzahl soll er ohne lange Diskussionen abgenickt haben, nur bei einem Buch wurde er «rebellisch»: beim zweiten Band von Robert Musils Mann ohne Eigenschaften. Zu diesem Zeitpunkt waren erst 1800 von 5000 Exemplaren des ersten Bandes abgesetzt. Nachdem ihm der Cheflektor ganz offen gesagt hatte, dass dieses Werk auch in absehbarer Zeit keinen Gewinn abwerfen werde, verlangte der Finanzexperte die Vertragsauflösung.
Wortreich versuchte Paul Mayer ihm begreiflich zu machen, dass der literarische Wert dieses Buches für den Rowohlt Verlag weitaus größer sei als der jedes normalen Verlagsartikels. Auf die Frage, ob er dies genauer erklären könne, antwortete der leicht gereizte Hauptlektor: «Der Cotta-Verlag hatte seinen Goethe, und wir haben unseren Musil; wir wollen ihn einfach haben!» Das hinterließ offenbar Eindruck, denn einige Tage später zog der Controller sein Veto zurück: «Die Besessenheit, mit der Rowohlt und Sie an Ihrem Autor hängen, imponiert mir. An dem Mann muss ja was sein. Ich werde mich darum kümmern, daß die Finanzierung des Vorhabens gesichert wird!» Musil erhielt weiterhin sein Geld und konnte weiterarbeiten

Cottas Goethe, Rowohlts Musil

Diese Episode markiert den Höhepunkt einer unendlichen Geschichte. So wie jeder Verlag seinen säumigen Autor hat, so hatte Rowohlt eben seinen Musil. Rückblickend erklärt der Verleger das Verhältnis so: «Musil war ein Mensch, der einen ungeheuren, sympathischen und suggestiven Eindruck machte. (…) Ich war, so möchte ich beinahe sagen, Wachs in seiner Hand. Denn es ging ihm immer sehr schlecht, und er kam nie mit den zwischen uns ausgemachten Raten aus. Es war so, dass er 12 Monate lang monatlich soundsoviel Geld bekommen sollte und dafür aber soundsoviele Seiten Manuskript abzuliefern hatte. Das hat er aber nie geschafft.»
Welche Anstrengungen der Verleger auch unternahm: ob die jahrelange Zahlung einer monatlichen Rente von 250 RM, Lancierung eines großen Musil-Spezials in der «Literarischen Welt», Vermittlung einer Lesung in der Berliner «Funk-Stunde», Kostenbeteiligung an einer Gallenoperation – oder einfach den Geldhahn zudrehte: Keines dieser Mittel vermochte das Schreibtempo zu beschleunigen. Immer und immer wieder musste Musil das Manuskript umschreiben und verlor zeitweise selbst die Übersicht: «(Musil) hatte (…) immer die Vorstellung, er müsse mir das ganze Manuskript persönlich (…) vorlesen, und das war außerordentlich interessant. (…) Er brachte immer, wenn er (…) kam, neue Fassungen mit; die waren aber meistens durcheinandergeraten, und da wurde man immer sehr verwirrt. Das war sehr nervenanstrengend, auch für mich.»
Nerven wie Drahtseile brauchte Väterchen Rowohlt, musste er doch seinem Autor buchstäblich jede der insgesamt 800 Schreibmaschinenseiten einzeln entreißen. Kurz vor Abschluss der Arbeit war das Verhältnis zwischen beiden so zerrüttet, dass Musil zu Zsolnay oder S. Fischer wechseln wollte – ohne Erfolg. Auch die Finanzierung des Buches war gefährdet, weder der Autor noch der Verleger hatten etwas zu verschenken. Der Versuch, einen lukrativen Vorabdruck in einem der Ullstein-Blätter unterzubringen, scheiterte an der fehlenden Massentauglichkeit.

Roman eines Lebens

Schließlich fand sich ein privater Sponsor, und das Buch konnte endlich in Druck gehen. Musil schrieb parallel dazu an den letzten Abschnitten, er klagte – von Existenzängsten getrieben – über «Herzklopfen, Schlaflosigkeit und dergleichen». Inzwischen waren sieben Jahre seit Vertragsabschluss ins Land gegangen. Angesichts dieser langen Dauer erscheint es fast tragisch, dass das Buch nicht mehr rechtzeitig zum 50. Geburtstag des Autors am 6. November 1930 erschien. Die Auslieferung wurde wenige Tage später im «Börsenblatt» angezeigt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Rowohlt bereits einen Vorschuss von 21000 RM gezahlt. Um diesen Beitrag einspielen zu können, hätten mindestens 11000 Exemplare verkauft werden müssen – das gelang nicht einmal bis zum Verbot des Werkes durch die Nazis. Laut Auslieferungsstatistik konnten bis Juli 1938 von Band 1 nur 7163 Exemplare abgesetzt werden, von Band 2 sogar nur 3898 Exemplare. Otto Gerschels Zweifel waren also durchaus berechtigt.
Das insgesamt rund 1700 Seiten zählende Werk stand auch weiterhin unter keinem guten Stern. Als der zweite Band Ende 1932 ausgeliefert wurde, war er keineswegs vollständig, wie dies den Lesern suggeriert wurde. Die wenigen Rezensenten, die die Bedeutung des teuren Werkes überhaupt erkannten, kamen mit ihrem Urteil zu spät für das Weihnachtsgeschäft. Robert Musil hatte es wieder einmal nicht geschafft – trotz des Umzugs nach Berlin und der finanziellen Unterstützung durch die extra gegründete Musil-Gesellschaft. Autor und Verleger überwarfen sich endgültig. Nach Jahren voller Entbehrungen starb er bereits 1942 im Schweizer Exil, ohne den Roman seines Lebens vollenden zu können. Zehn Jahre später begann Adolf Frisé, den «Rest» aus dem Nachlass des Schriftstellers herauszugeben – im Rowohlt Verlag, der einst unter schwierigsten Bedingungen an seinem unrentabelsten Autor festgehalten hatte.

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