16.08.2014   von rowohlt

Arbeitsjournal zu "Das Flüstern der Stadt"

Zwei Schrifstellerinnen schreiben zusammen einen Roman. Das ist nicht unbedingt etwas sehr Neues. Die eine ist Spanierin, die andere ist Deutsche. Da wird’s schon ungewöhnlicher. Und dann wird der Roman Das Flüstern der Stadt auch noch zweisprachig – ab da wird’s richtig spannend. Über den Prozess des Schreibens und Übersetzens mit allen möglichen Implikationen, Problemen und Chancen, haben die beiden Autorinnen Rosa Ribas und Sabine Hofmann ein Arbeitsjournal geführt (zum ersten Mal publiziert im Online-Magazin CrimeMag). Teil 1 lesen Sie hier, die übrigen fünf Teile des Journals sind als PDF herunterzuladen.

Arbeitsjournal – Einführung

In dem Journal auf diesen Seiten werden wir über die Arbeit an Das Flüstern der Stadt berichten, einem auf seine Weise einzigartigen Romanprojekt. Weil wir zu dem Zeitpunkt, als wir mit dem Arbeitsjournal begonnen haben, schon auf zwei Jahre Arbeit zurückblicken konnten, werden wir erst einmal erzählen, wie wir an den Punkt gelangt sind, an dem wir heute stehen: Wie wir dazu gekommen sind, einen Krimi im Barcelona der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, mitten im Franquismus also, spielen zu lassen, wie und wo wir historisch recherchiert haben, wie wir unsere Figuren gefunden und erfunden haben, und auf welche Weise wir uns organisiert haben, um mit den besonderen Bedingungen unseres Vorhabens umzugehen.
Schon die Tatsache, dass hier von «wir» und «unser» und nicht etwa von «ich» und «mein» die Rede ist, deutet auf das Besondere unseres Projektes hin: Wir schreiben zusammen, gewissermaßen vierhändig. Genauer gesagt: mit drei Händen, denn eine von uns, Rosa Ribas, schreibt mit einem Bleistift, während die andere, Sabine Hofmann, mit dem Computer arbeitet. An dieser Stelle können wir uns kurz vorstellen: Rosa Ribas ist Autorin von fünf Romanen, darunter sind drei Kriminalromane mit der deutsch-spanischen Kommissarin Cornelia Weber-Tejedor, die unter den Titeln Kalter Main (2009), Tödliche Kampagne (2010) und Falsche Freundin (2011) auf Deutsch im Suhrkamp Verlag veröffentlicht worden sind. Sabine Hofmann hat lange Zeit als Romanistin an verschiedenen Universitäten gelehrt und geforscht und eine Reihe von wissenschaftlichen Büchern und Aufsätzen publiziert.
Zwei Autorinnen also. Das ist bei Krimis nichts besonders Originelles. Autorenteams sind in diesem Bereich zahlreich: Man denke an die Schweden Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die Franzosen Pierre Boileau und Thomas Narcejac, die Italiener Carlo Fruttero und Franco Lucentini oder die Spanier Empar Fernández und Pablo Bonell Goytisolo. Von Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares und ihren wunderbaren Geschichten über Isidro Parodi ganz zu schweigen. Mit unserem Roman greifen wir so die Tradition des Autorenduos auf, allerdings mit einem Unterschied: Wir schreiben in zwei Sprachen, denn jede von uns hat ihre Schreibsprache, in der sie «ihre» Kapitel und Szenen schreibt. Bei Rosa Ribas ist es das Spanische und bei Sabine Hofmann das Deutsche. Daraus ergibt sich, dass wir erst einmal ein zweisprachiges Manuskript haben. Aus diesem gilt es dann, via Übersetzung, zwei einsprachige Versionen machen. Beim gegenseitigen Übersetzen – auch das haben wir erkundet – geschieht viel, ein Text wird umgeschrieben, erweitert oder gekürzt. Davon und von vielen anderen Dingen werden wir auf diesen Seiten berichten.

Zwei Protagonistinnen, zwei Sprachen

Um die Geschichte des Making-of unseres Romans zu schreiben, haben wir unsere alten Notizhefte hervorgekramt. Dort finden sich Einträge über die allerersten Ideen, erste Handlungsskizzen, die wir schon lange verworfen haben, andere, die wir weitergetrieben haben, wieder andere, die sich in eine ganz andere Richtung als ursprünglich geplant entwickelt haben.
Nur eines fehlt. «Wann haben wir angefangen? Hast du das Datum notiert? Ich nicht.» – «Ich auch nicht. Aber es muss im Herbst 2009 gewesen sein.» – « Stimmt. Im Februar 2010 waren wir auf der BCNegra.»
BCNegra ist ein Krimi-Festival, das in jedem Frühjahr in Barcelona stattfindet. In besagtem Jahr stellte Rosa dort einen ihrer Romane (Con Anuncio, der auf Deutsch Tödliche Kampagne heißt) vor und wir nutzten den Aufenthalt, um mögliche Handlungsorte anzuschauen und Zeitzeugen zu interviewen. Wann genau wir angefangen haben, wissen wir also nicht mehr. Wie unsere ersten Gespräche aussahen, wissen wir jedoch genau: Wir saßen häufig in einem Frankfurter Café, dem Café Kante, hinten an einem der Tische auf der rechten Seite, über uns ein großer Wandspiegel. Die große Kaffeemühle lärmte, vor uns auf dem Tisch standen zwei Tassen und lagen zwei Hefte.
Wenn wir jetzt in diesen Heften blättern, finden wir Wörter und Sätze aus diesen Gesprächen. Barcelona steht dort. Daneben, durchgestrichen, die Namen von anderen Städten: Frankfurt, Berlin, Bochum, Madrid. Warum Barcelona? Warum die fünfziger Jahre?


Auch das werden wir in unserem Arbeitsjournal noch erzählen. Beim Weiterblättern stoßen wir immer wieder auf unleserliche Einträge, die wir beim besten Willen nicht mehr entziffern können. «Das hier kann doch kein Mensch lesen, Sabine. Was für eine Handschrift!» – «Stimmt. Selbst ich nicht. Aber schau mal, das hier ist vollkommen klar.» – «Zwei Protagonistinnen.»
Dass es zwei Protagonistinnen geben sollte, gehört zu den Dingen, die uns von Anfang an klar waren. Genauso klar war uns, dass wir in zwei Sprachen schreiben würden. Das hatten wir früher schon einmal getan. Vor vielen Jahren verfassten wir, gewissermaßen privatissimo, einen kleinen Roman. Privatissimo bedeutet, dass wir – mit viel Begeisterung und Vergnügen – für eine Freundin schrieben und ihr den winzigen Roman schenkten. Es war ein Roman über Antonio de Nebrija, den Verfasser der ersten spanischen Grammatik. Und da unsere Freundin beide Sprachen ausgezeichnet lesen kann, gab es für sie eine zweisprachige Ausgabe mit Texten auf Deutsch und auf Spanisch, Letzteres war – dies sei bei aller Bescheidenheit erwähnt – eine ziemlich korrekte Imitation des Spanischen des 15. Jahrhunderts.

Beatriz und Anna : Philologin trifft Journalistin

Ein anderer Punkt, über den wir uns sofort einig waren, ist, dass Sprache in unserem Roman eine große Rolle spielen sollte. Wie in jedem literarischen Text, ließe sich jetzt einwenden. Gewiss, doch in unserem Roman ist Sprache auch für die Protagonistinnen ein wichtiges Thema, ein Thema, das sie und ihr Leben prägt. Beide sind Meisterinnen des Wortes. Die eine, Beatriz, ist Philologin, Wort-Liebhaberin mithin, und verbringt einen großen Teil ihrer Zeit mit mittelalterlichen Manuskripten. Die andere, Ana, ist Journalistin und damit eine Vertreterin der schnellen Feder und des treffenden Ausdrucks. Zwei Persönlichkeiten also, die die Welt auf ganz verschiedene Weise betrachten und sich auf unterschiedliche Art mit Sprache beschäftigen: auf der einen Seite die akribische Lektüre und das ruhige Nachdenken, auf der anderen Seite das Bemühen um Wirksamkeit, Geschwindigkeit und Effizienz. Der Arbeitsplatz der einen ist die Bibliothek, Straße und Redaktion sind die Orte, an denen die andere arbeitet.
Die Biografien der beiden zu schreiben war eine unserer ersten Aufgaben. Jede von uns entwickelte ihre Protagonistin, gab ihr eine Geschichte mit einem «Davor» – der Zeit vor dem spanischen Bürgerkrieg – und einem entsprechenden «Danach». Sie gab ihr einen Charakter, Freunde, Verwandte, Familie und eine Wohnung. Und einen Körper und ein Gesicht. Die beiden Protagonistinnen treffen im Roman aufeinander, sie nehmen einander wahr, jede denkt sich ihren Teil über die andere. Aus diesem Grund musste für jede von uns die Protagonistin der anderen sichtbar sein, wir mussten wissen, wie sie sich bewegt, welche Kleidung sie trägt, welche Gesten sie macht, wie ihre Stimme klingt.
Vielleicht ist dies eines der Merkmale, die ein Schreiben zu zweit charakterisieren: Es gilt, Ideen und Vorstellungen explizit zu machen, damit die Partnerin darauf zurückgreifen und sie gegebenenfalls weiterentwickeln kann. Als es um die Personen ging, haben wir Fotos benutzt. Wir haben so lange gesucht, bis wir Fotos gefunden haben, die unserer jeweiligen Vorstellung von einer bestimmten Figur möglichst nahe gekommen sind. Nicht allein für die Protagonistinnen, sondern auch für die Nebenfiguren, sowohl für die, die eine eigene Erzählperspektive haben, als auch für diejenigen, die nur gelegentlich oder am Rande erscheinen. Selbstverständlich werden wir unser Fotoalbum nicht zeigen, denn wir möchten keinem unserer Leser das Bild einer Figur aufzwingen. Was wir jedoch verraten können: Unter ihnen sind Verwandte, Arbeitskollegen, Schauspieler und Schriftsteller.
Beatriz und Ana sind so auf dem Papier entstanden und sind auf den vielen Seiten des Romans gewachsen. Aber nun hören wir auf von ihnen zu erzählen, sondern kehren zu ihnen zurück.

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