02.11.2016   von rowohlt

Retro – ein Mann wie gemalt

«Realität ist, was deine Phantasie aus ihr macht»: David Safiers furioser neuer Roman «Traumprinz»

© Oliver Kurth
© Oliver Kurth

Die Comiczeichnerin Nellie hat schlimmen Liebeskummer, als ihr zufällig eine alte tibetische Lederkladde in die Hände fällt. In die zeichnet Nellie ihren Traumprinzen: stark, edel, dreitagebärtig. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, hat der Prinz das Zeichenblatt verlassen und steht leibhaftig vor ihr. Mit Schwert und Kettenhemd. Gemeinsam mit dem ungestümen Prinzen namens Retro von Amanpour macht Nellie sich in Berlin auf die Suche nach dem Geheimnis der magischen Kladde, in der alles, was man in sie hineinzeichnet, zum Leben erwacht. Dabei erlebt das ungleiche Paar jede Menge Abenteuer – auch das  größte: das Abenteuer der Liebe.


Mit «Traumprinz», einer rasanten Liebesgeschichte zwischen Realität und Phantasie, schreibt David Safier seine Erfolgsgeschichte fort. Die Gesamtauflage seiner – in über 40 Länder verkauften – Romane beträgt allein in Deutschland 4,5 Millionen. Was diese Geschichte zu einem besonderen Vergnügen macht: Oliver Kurth hat für Safiers neuen Roman Dutzende hinreißender Illustrationen beigesteuert. (Wer sich zum Beispiel fragt, wie wohl die anderen Bewohner von Retros Heimat Amanpour aussehen, Wesen mit possierlichen Namen wie «Der Schmoog», «Jompnickel», «Hoppglotz» oder «Gorb, der Philanthrop», der erfährt rasch, mit wem es die Familie derer von Amanpour zu Hause so zu tun hat.)

«Das ist das Allerblödeste an Liebeskummer: Man besitzt keinerlei Stolz»


Mit der Realität hat's Nellie Oswald nicht so, sie ist ihr einfach zu realistisch. Vor allem, wenn es um die große Liebe geht. An die glaubt sie nach wie vor – kann man ja wohl auch, mit Ende zwanzig! Mit Bendix, ihrer neuen Flamme, wähnte sie sich eigentlich schon am Ziel allen Suchens. Was für ein Mann, zu dem sie via Dating-App gefunden hat! Süßer Lockenkopf, gepflegter Hipsterbart, Projektleiter bei Unicef Deutschland – für eine wenig erfolgreiche Comiczeichnerin wie Nellie ein richtig großer Wurf. Blöd nur, dass genau in dem Moment, als die beiden sich einem Liebesbad in Bendix' Wohnung hingeben, eine Frau hereinplatzt: extrem gutaussehend, extrem tough. Und extrem wütend: Marissa, Bendix' Verlobte, die für Ärzte ohne Grenzen ein halbes Jahr in Nigeria war, schmeißt Nellie kurzerhand aus der Wohnung, ohne ihre Kleidung. 


Mehr Demütigung geht nicht. «Es gibt angenehmere Dinge, als lediglich mit einem Handtuch bekleidet durch Berlin-Mitte zu gehen. Zum Beispiel Magen-Darm-Verstimmungen, die Beulenpest oder ein Konzert der Kastelruther Spatzen.» Irgendwie rettet Nellie sich in den Comicladen, in dem sie gemeinsam mit Lenny «die Geschäfte am Laufen hält». Lenny, ein ausgewiesener Bendix-Verachter («Hipster – hasse sie oder hasse sie») verhindert, dass Nellie hüfthoch im Selbstmitleid versinkt, indem er sie mit auf eine Vernissage des New Yorker Künstlers Damien Moore schleppt. Als sie die Ausstellung verlassen, ist Nellie um eine spezielle Erfahrung und ein geheimnisvolles ledergebundenes Büchlein reicher. Das hat sie nämlich beim Guru kurzerhand mitgehen lassen. Und das hat Folgen.


Raues Leder, seidiges Papier, asiatische Schriftzeichen, magische Eigenschaften! Als Nellie abends liebeskummerwund beschließt, in Mr. Moores Buch ihren ganz privaten Traumprinzen zu zeichnen, ahnt sie nicht, dass sich alles, was man dort hineinzeichnet, materialisieren wird. Mutig soll ihr Traummann sein, galant, stark und aufrichtig. (Also ganz anders als der liederliche Unicef-Mann mit seiner Ärztin ohne Grenzen …) Und weil ihr Prinz eher in der Märchenwelt als in der Realität zu Hause ist, braucht er auch einen märchenhaft klingenden Namen. Wie wär's mit Retro von Amanpour? Gesagt, getan. Am nächsten Morgen ist Retro da. Leibhaftig, in ihrem Zimmer. Bewaffnet mit einem Schwert, das sich in Nellies Hals bohrt. «Sprich, Weib, wo bin ich?» 

Mit Traumprinz Retro durch Berlin-Mitte


Mit einem Pointenfeuerwerk sondergleichen nimmt David Safier uns mit auf Retros Entdeckungsreise in die Welt der Nellie Oswald (und umgekehrt!). Es ist ja so: Der aus Mr. Moores magischem Buch entsprungene Traumprinz hat ja vom Leben im 21. Jahrhundert nicht die leiseste Ahnung. Internet: interwas? Autos: huch, ein Drache! Berghain: ein Friedhof der Ahnen? «Wetten, dass …?», Jogi Löw, rechtsdrehender Joghurt, Markus Lanz, DSDS … keine Ahnung, nie gehört. Zumindest scheint er zu verstehen, was bzw. wie Skins sind: «Grausam wie ausgehungerte Wölfe, feige wie Hyänen und so dumm wie Glatzenbären.› – ‹Ja, das trifft es ungefähr›, sagte ich.» Dass Deutschland (nach Rio Reiser) keinen König, sondern nur eine Merkel hat, versucht sie dem starken Mann aus Amanpour erst gar nicht zu erklären. Alles hat seine Zeit, Retro!


Statt Jeans trägt Retro Kettenhemd – auch schick, warum nicht. Er spricht wie frisch einer germanischen Heldensage entsprungen («Bist du eine Hühnergöttin? Weiche von mir, Weib!»). Sein bester Freund ist Wolfsklinge, «das letzte Schwert der eternalischen Könige».  Bei Huong, Nellies Lieblingsvietnamesen, bestellt er gefüllte Giraffenhälse, alternativ: briolische Giganta-Schnecken oder flambierten Säbelzahntiger. Kurz: Es ist nicht einfach mit Retro. Und auch nicht mit Retro und Nellie. Was die Sache nicht einfacher macht.


Denn Nellie ist kurz davor, sich in dieses kettenhemdbewehrte Wesen aus der Phantasiewelt zu verlieben. Aber wie soll das gehen – vor allem, wenn ihr Ex-Geliebter, jetzt endlich ohne diese Ärztin ohne Grenzen, sich wieder in ihrem (Gefühls-)Leben breitzumachen beginnt? Ehe sie sich versieht, taucht auch Mr. Moore wieder auf. Mit aller Macht versuchen er und seine Bodyguards, Nellie das gefährliche Buch wieder zu entreißen. Denn wer es besitzt, kann ungeheuer viel Gutes für die Menschheit tun. Oder diese in einen Abgrund von Verwüstung und Verderben stürzen.


Abenteuer über Abenteuer warten auf das ungleiche Paar. Eine Naturgewalt namens Evila, wilde Verfolgungsjagden, heiße Küsse auf dem Gleisbett der Berliner Verkehrsbetriebe, lebende Baguettes, Kill Kenny in Pankow, Robo und die drei Ebola-Phiolen und vieles, vieles mehr. Aber Liebende kann nichts und niemand aufhalten, erst recht nicht einen verliebten Berserker wie Retro: «Dann wohlan, lasst uns zur Tat schreiten, Nellie Oswald!»

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