31.07.2018   von rowohlt

Von der heilsamen Kraft des Waldes

Dr. Qing Li zeigt, wie die Natur Körper und Geist stärkt

© iStockphoto.com
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Jeder weiß, wie gut ein Waldspaziergang tun kann. Aber nicht jeder weiß, wie das Vitamin N – wie Natur – tatsächlich wirkt. Über 30 Jahre lang hat Dr. Qing Li die heilsame Kraft des Waldes erforscht und die in Japan und mittlerweile auch weltweit beliebte «Shinrin-Yoku»-Methode entwickelt. Durch praktische Übungen werden unsere fünf Sinne angeregt und Körper und Geist in Einklang gebracht. Die Wirksamkeit der Methode ist unumstritten, unter anderem wird damit Stress reduziert, unser Herz-Kreislaufsystem und unser Stoffwechsel verbessert, der Blutzucker gesenkt, Konzentration gefördert, Depressionen abgemildert und unser Immunsystem gestärkt. In seinem Buch zeigt Dr. Qing Li, wie wir unsere Beziehung zur Natur erneuern und uns die Hilfskraft der Natur zunutze machen können.

DAS INTERVIEW


Was ist Shinrin Yoku und wie macht man das?


Auf Japanisch bedeutet Shinrin «Wald» und Yoku bedeutet «Bad». Der Begriff Shinrin Yoku heißt wörtlich übersetzt «ein Waldbad nehmen». Eigentlich gemeint ist aber, längere Zeit mit Bäumen zu verbringen, um ihren heilsamen Einfluss zu nutzen. Dazu ist nicht Voraussetzung, aber doch hilfreich, einige Verfahren anzuwenden, die für die positiven Auswirkungen des Waldes empfänglicher machen – zum Beispiel Achtsamkeitstechniken praktizieren, die entspannend wirken, Handys und andere elektronische Geräte zu Hause lassen, um die Ablenkung zu reduzieren, und leichte Körperübungen wie Yoga oder Gehen auszuführen.


Warum hat sich Shinrin Yoku in Japan entwickelt, und gibt es in anderen Ländern vergleichbare Ansätze?


Dass es für Menschen unglaublich wohltuend sein kann, Zeit mit Bäumen zu verbringen, ist keineswegs eine rein japanische Entdeckung. Überall auf der Welt ist dieses Wissen seit Anbeginn der Zeit intuitiv vorhanden. Allerdings wurde in Japan erstmals wissenschaftlich untersucht, warum Bäume uns so gut tun und wie man ihre heilsamen Eigenschaften noch besser nutzen kann. Meiner Ansicht nach hat sich Shinrin Yoku aus zwei Gründen gerade in Japan entwickelt: Einerseits ist die Verbundenheit mit der Natur und die Liebe zu ihr integraler Bestandteil der japanischen Kultur. Wälder bedecken zwei Drittel unseres Landes, und viele japanische Traditionen haben mit der Natur zu tun und spielen sich draußen ab. Jedoch ist in Japan die Verstädterung in den vergangenen Jahrzehnten schneller vorangeschritten als fast überall sonst auf der Welt. Heute lebt die Bevölkerungsmehrheit in überfüllten Städten, und es ist rasch evident geworden, dass Auszeiten in der Natur für die psychische und physische Gesundheit von größter Bedeutung sind.


Wann haben Sie zum ersten Mal von Shinrin Yoku gehört?


Für die potenzielle Heilkraft der Bäume interessiere ich mich, seit ich als Student mit ein paar Freunden im Wald von Yakushima zeltete. Anfang der 1990er Jahre führte dann ein kleines Forschungsteam im selben Wald erste Untersuchungen durch, die gefilmt und vom japanischen Fernsehen übertragen wurden. Damals merkte ich, dass großes Interesse an diesem Forschungsfeld besteht. 2004 war ich dann Mitbegründer der Studiengruppe Waldtherapie. Erst damals begann die ernsthafte Forschungsarbeit.


Ich lebe in einer Stadt. Gibt es die Möglichkeit, Shinrin Yoku zu praktizieren, ohne dazu in den Wald zu gehen?


Ja, absolut. Sie können Shinrin Yoku überall dort praktizieren, wo es viele Bäume gibt – Stadtparks eignen sich also perfekt. Ich selbst lebe in Tokio, aber ganz in der Nähe meines Büros gibt es einen Schrein mit vielen Bäumen, und dort mache ich nach Möglichkeit jeden Mittag einen Spaziergang. Ein Experiment mit meinen Studenten, bei dem wir die innere Unruhe vor und nach einem Spaziergang in einem der Stadtparks von Tokio maßen, hat gezeigt, dass Bäume in der Stadt sich extrem positiv auswirken. Und wenn man wirklich nicht hinausgehen kann, gibt es sogar Mittel und Wege, sich den Wald nach drinnen zu holen. Ätherische Öle, zum Beispiel von Kiefer oder Hinoki-Scheinzypresse, können ebenso wie entsprechende Duftkerzen zu besserem Schlaf beitragen und die «Kampf- oder Flucht-Reaktion» reduzieren. Auch Zimmerpflanzen sind von großem gesundheitlichem Nutzen. Sie sind natürliche Luftreiniger und nehmen die toxischen Chemikalien auf, die in Farben, Zigaretten und Reinigungsmitteln enthalten sind. Außerdem reichern sie die Raumluft mit Negativionen (das sind die guten) an und kompensieren so die elektronischen Geräte, die der Luft diese Ionen entziehen. Wenn Sie können, ist es das Beste hinauszugehen – weg von aller Technik und Ablenkung, doch sie können durchaus Elemente des Shinrin Yoku in Ihren Alltag integrieren, auch wenn Sie keinen Wald in der Nähe haben.


Wie wirkt es sich aus, Shinrin Yoku zu praktizieren?


In vielfacher Hinsicht! Zeit in der Natur zu verbringen, das ist erwiesen, hilft beim Entspannen – ein unschätzbarer Gewinn in einem Zeitalter, in dem Stress sozusagen zur Epidemie geworden ist. Wenn wir gestresst sind, setzt der Kampf- oder Flucht-Mechanismus ein, der Blutdruck steigt und das Herz schlägt schneller. In akuten kritischen Situationen ist das von Vorteil, doch wenn wir ständig unter Hochspannung stehen, hat das langfristig verheerende Auswirkungen auf unseren Körper. Zeit im Wald zu verbringen senkt den Blutdruck und die Herzfrequenz. Wie bedeutsam guter Schlaf für unser Wohlbefinden ist, wurde in den vergangenen Jahren breit diskutiert. Ein weiterer Nutzen von Shinrin Yoku ist, dass man besser und länger schläft. Eine Studie hat gezeigt, dass Probanden nach einem Waldbad eine Stunde länger schlafen als gewöhnlich. Shinrin Yoku verbessert außerdem die Konzentrationsfähigkeit und hat sich bei der Behandlung von Angststörungen und Depressionen als äußerst hilfreich erwiesen.


Was macht Bäume so heilsam und gut für unsere Gesundheit?


Bäume sondern natürliche Öle ab, die Phytonzide, die sie vor Insekten und Pilzen schützen und gleichzeitig dem menschlichen Immunsystem extrem gut tun. Sich in der Nähe von Bäumen aufzuhalten erhöht die Zahl der natürlichen Killerzellen, die Krankheiten wie Krebs abzuwehren helfen und die Produktion von Stresshormonen drosseln. Zudem kommt im Boden die Mikrobe Mykobacterium Vaccae vor, die wir einatmen, wenn wir uns im Wald aufhalten. Mykobacterium Vaccae wirkt antidepressiv und kann die Stimmung effektiver heben als diverse verschreibungspflichtige Medikamente. Gibt es Bäume, die für Shinrin Yoku besser geeignet sind als andere? Zeit in der Nähe von Bäumen zu verbringen – egal welchen – ist gut für die seelische und körperliche Gesundheit, aber einige Bäume haben spezielle Eigenschaften, die sie fürs Waldbaden besonders geeignet machen. Immergrüne Bäume wie Koniferen und Zedern produzieren mehr Phytonzide, die sich absolut positiv auf das menschliche Immunsystem auswirken. Nadelbäume wie Kiefern duften besonders stark; sich in ihrer Gesellschaft aufzuhalten ist eine Art natürlicher Aromatherapie.


Wann und wo praktizieren Sie Shinrin Yoku?


Ich habe bereits den Schrein im Zentrum von Tokio erwähnt, wo ich während der Woche möglichst täglich in der Mittagspause spazieren gehe. Es hilft mir enorm, den Arbeitsnachmittag über konzentriert bei der Sache zu bleiben. Ein ganzes Wochenende im Wald zu verbringen ist wunderbar, wenn es sich einrichten lässt, und es gibt in der Umgebung von Tokio zahlreiche Wälder, in die ich flüchten kann. Unter den japanischen Wäldern habe ich durchaus Favoriten, darunter der Akasawa-Wald mit den 300-jährigen Kiso-Zypressen und die Wälder um Iijama, wo ich die allererste Waldbade-Studie überhaupt durchgeführt habe.


Wie beginnt man am besten mit dem Waldbaden?


Nehmen Sie sich einen freien Tag, gehen Sie hinaus und fangen Sie an zu ernten, was Shinrin Yoku bietet. Sie werden die Wirkung fast sofort spüren. Oft braucht es wirklich nicht mehr als einen Spaziergang im Park.

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