20.07.2016   von rowohlt

Pop und die Aura der Freiheit

Von den Strokes und XJapan bis Rihanna, von 18+ und Rammstein bis Kendrick Lamar – Neues vom «Popkardinal» Jens Balzer

© iStockphoto.com
© iStockphoto.com

Pop ist wie keine andere Kunstform der Gegenwart in der Lage, auf Zeit und Zeitphänomene zu reagieren. Pop ist eine Musik, die das wilde Tempo der digitalisierten Kultur spiegelt. Aber was unterscheidet guten von schlechtem Pop? Und was verrät uns das über die Zeit, in der wir leben? Jens Balzer, stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton der Berliner Zeitung und renommierter Popkolumnist, skizziert in seinem Buch Strömungen, Akteure, Trends und Konstellationen der letzten zehn Jahre. Macho-Heroen und grausame Frauen, Artefakte des monotonen Lärms und Statuspanikpop, die frivole Faulheit der neuen Diven und «Mädchen, die sich wie Männer anziehen, die sich wie Mädchen anziehen» – alles drin in «POP».


Hier einige Namen, denen man in Balzers Pop-Kompendium begegnet: The Strokes, The Libertines, Amy Winehouse, Adele, Devendra Banhart, Animal Collective, Sunn O))), Dir en grey, Burial, James Blake, Joanna Newsom, Antony and the Johnsons, Beyoncé, Lady Gaga, Justin Bieber, Lana Del Rey, Unheilig, Sting, Rufus Wainwright, Lou Reed, Céline Dion, Grimes, 18+, Kelela, FKA twigs, Flying Lotus, PC Music, Helene Fischer, Rammstein, Freiwild, Bushido, Kanye West, Drake, Kendrick Lamar … u.v.a.m.


Jens Balzer hat, kann man sagen, einen Ruf weg. Vielen gilt er als einer der großartigsten Popkenner und Popkritiker der Gegenwart, scharfzüngig und analytisch brillant. Manchmal rüpelt er seine Wut auf manche Szenestars raus, dass es eine Freude ist. Céline Dion: «paradigmatische Beknacktheit.» Sting: «Wer von Zombies spricht, darf natürlich von Sting nicht schweigen.» Balzers popjournalistische Stationen: Spex, Deutschlandradio, Literaturen, Rolling Stone; Dozent für Popkritik an der Universität der Künste in Berlin: Kurator des monatlichen Popsalons «Livekritik und Dosenmusik» an der Berliner Volksbühne (2011–2014); kuratorische Betreuung des Popsalons am Deutschen Theater in Berlin (seit 2014).


Hier 10 Balzer-Statements zum Anschmecken und Vorfreuen:

«Elektrische Schafe träumen von Céline Dion»

«Kurt Cobain war Anfang der neunziger Jahre der letzte Neuzugang in diese Gilde der heroischen Männer. Mit seiner Gruppe Nirvana und dem von ihr popularisierten Grunge-Genre brachte er noch einmal den breitbeinigen, maskulin schwitzenden Rock ins Zentrum der populären Musik; doch die Botschaften, mit denen er das Medium füllte, kündeten vor allem von einer zutiefst Rock-untypischen, rundum verunsicherten und sich selbst beschäftigten Männlichkeit. Insbesondere durch sein ausgiebig vorgetragenes Leiden an der eigenen Größe ruinierte Cobain die für den heroischen Pop-Maskulinismus wesentliche Aura der dominanten Unnahbarkeit.»


«Helene Fischer ist Ich und Nicht-Ich in einer Person. Sie tritt auf als extrem dominante Künstler-Identität, die sich noch die einander fremdesten Stile gleichmäßig gefügig macht – und als Charakterhülle, die kulturindustriell komplett kontrolliert und jeder Eigenheit beraubt ist. Sie ist ein hyperaktiver, sich unaufhörlich von einer Erscheinungsform in die nächste transformierender Organismus – und wirkt doch zumeist mechanisch und leidenschaftslos, roboterhaft desinteressiert und undurchsichtig.»


Amy & Adele. «Im Übergang von Amy Winehouse zu Adele als der jeweils prägnantesten Popfigur ihrer Zeit spiegelt sich auch der Übergang von den krisenbelasteten Nullerjahren und ihren fiebrigen Krisenfiguren in das nächste Jahrzehnt, in dem sich die Welt, der allgemeinen Instabilität müde, wieder nach Rollenmodellen sehnte, die in schwierigen Situationen Tapferkeit und Selbstbestimmtheit zeigten. Mit Adele wurde heroische Feminität zum erfolgreichsten popkulturellen Modell einer Gegenwart, der die Lust des vorangegangenen Jahrzehnts an der männlichen wie weiblichen Selbstzerstörung abhandengekommen ist.»


Sunn O))). «Die Gitarristen von Sunn O))), Greg Anderson und Stephen O'Mallex, verbergen hingegen ihre Gesichter und Körper unter selbstgestalteten Mönchskutten, einer Art Mischung aus Burka, Kardinalskostüm und Ku-Klux-Klan-Robe. Wie zwei Priester mit lockigen Bärten kauern sie vor ihren aufgetürmten Verstärkern wie vor einem Altar; eine weihevolle Feier des reinen, elektrisch erzeugten Lärms. Das ist in mancherlei Hinsicht die schroffste, radikalste und hörerfeindlichste Musik, die man sich vorstellen kann. Den Minimalismus der Mittel verbindet sie mit dem Maximalismus der Lautstärke; die brüllende Brutalität der Geräusche wird noch durch die Härte der Monotonie und der endlosen Dauer gesteigert, mit der Sunn O))) ihr Publikum malträtieren.»


Joanna Newsom. «Die zweifellos sonderbarste weibliche Stimme, die es im Pop dieser Zeit zu entdecken gibt, gehört der kalifornischen Komponistin und Sängerin Joanna Newsom. In herzerwärmend schriller Weise singt sie lange Lieder von Vergänglichkeit, Verfall und Verrat, aber auch von unerschütterlicher, unsterblicher Liebe. Dabei klingt ihr Sopran manchmal, als hätte Newsom ihn mit einem Schlumpfmusikfilter noch höher und körperloser gemacht; dann wieder zerkaut sie die Vokale und presst die Sätze, bis sie klingen, als kämen sie aus einem Megaphon.»

«Gott wohnt in den Heuchlern und Schizos»

Céline Dion. «Der Berliner Auftritt erweckt den überwältigenden Eindruck einer bizarren Billigkeit; hier die blechernen Sounds aus den Keyboards; dort die Lieblosigkeit, mit der ganze Kinderchöre und Geigenorchester aus dem Sampler hinzugespielt werden; schließlich das schlampig choreographierte Gehampel der Tänzer, die nicht wie die angekündigte Showtruppe aus Las Vegas wirken, sondern eher wie das MDR-Fernsehballett an einem nicht ganz so straffen Tag. Dazwischen bewegt sich Céline Dion kalt und leblos wie ein Showroboter, der noch dazu schlecht angezogen ist (…) Sie bemüht sich gar nicht erst, die Verlogenheit ihrer Musik und der darin simulierten Gefühle in irgendeiner Form zu überspielen.»


Beyoncé & Rihanna. «In sonderbarer Weise paart sich hier das ausgiebige Ausstellen materiellen Reichtums mit dem arbeitsverweigernden Minimalismus der Diva, die sich für alles, aber auch wirklich für alles, zu schade ist – frei nach dem Motto: Arbeiten, tanzen, schöne Melodien singen, das sollen gefälligst andere machen, in meinem Fall muss es reichen, dass ich überhaupt da bin. Man könnte Beyoncé und Rihanna also als die Strukturalisten unter den Diven bezeichnen. Sie reduzieren das Genre aufs Nötigste und tilgen dabei alles, was über bloße Strukturen hinausgeht, insbesondere Subjektivität. Dass sie nicht singen und nicht komponieren können, dass sie kein Charisma und keine Bühnenpräsenz haben, schadet ihrem Erfolg mitnichten.»


Sting. «Wer von Zombies spricht, darf natürlich von Sting nicht schweigen. (…) Seit Beginn seiner Solokarriere im Jahr 1983 und der endgültigen Auflösung seiner Gruppe The Police drei Jahre später hat der als Gordon Matthew Sumner geborene Bassist und Sänger einige der scheußlichsten Schallplatten der Popgeschichte aufgenommen – unübertroffen in ihrer Mischung aus mittelmäßiger Musikalität und gespreiztem Hochkulturgestus, klebriger Easy-Listening-Lulligkeit und den allseits angebrachten Symbolen besonders ‹anspruchsvoller› Musik.»


18+ «spielen die sexuellste Musik, die man sich vorstellen kann, eine Art ultraverlangsamten und überdies mit allerlei klanglichen Schlieren verschleierten R 'n' B, zu dem wahlweise sinnlich oder sediert gesungen, gerappt oder gestöhnt wird. Doch soviel Paarungswilligkeit und Begehren aus den Liedern des Duos auch spricht, verströmen sie zugleich Einsamkeit und eisige Kälte; jedes laszive Locken verbindet sich mit Entsagung und Abwehr; jeder warme Ton wird von metallisch klirrenden Echos umkränzt, von einer lebensabweisenden Aura.»


Kanye West. «… Hip-Hop-typischer Größenwahn. Während die maskulinen Allmachtsphantasien von Sido und Bushido bestenfalls bis zur königlichen Herrschaft über einen Kiez, ein Ghetto oder einen Block reichen, sieht West sich als Ebenbild des Schöpfers des Universums und überdies noch als geheimer Bruder einiger der bedeutendsten Männer der Menschheitsgeschichte. So vergleicht er sich auf dem 2016er Album ‹The Life of Pablo› … unter anderem mit Pablo Picasso, dem Drogenbaron Pablo Escobar und schließlich dem in der spanischsprachigen Welt als Pablo firmierenden Begründer der christlichen Religion, dem heiligen Paulus von Taurus.»

Top