02.01.2016   von rowohlt

Pleiten, Pech und Pannen in der Musik

Stargeiger Daniel Hope über zerschmetterte Stradivaris. Beethovens legendäres Wiener Konzert – und einen leibhaftigen Esel bei einem Barenboim-Konzert in Caracas

© Felix Broede/DG
© Felix Broede/DG

Kleine Pannen, mittelschwere Aussetzer, große Katastrophen. Zwischenfälle, Unglücksfälle, Todesfälle. Die Geschichte der Musik ist voll davon, wie dem wunderbar unterhaltsamen Buch «Toi, toi, toi» von Stargeiger Daniel Hope und Wolfgang Knauer zu entnehmen ist. Wie nirgendwo sonst scheint sich Murphys Gesetz hier aufs Lustvollste auszutoben: «Alles, was schief gehen kann, geht auch schief.»

Pleiten, Pech und Pannen

Eigentlich beginnt die Pannengeschichte der Musik bereits im Augenblick ihrer Geburt. Der thrakische Sänger Orpheus sang wie ein Gott, «schöner und strahlender als Farinelli, Caruso und Pavarotti zusammengenommen». Um seine geliebte Eurydike aus dem Reich der Toten zurückzuholen, hatte er den Grenzfluss zur Unterwelt überschritten, den Höllenhund Zerberus betört und auch Hades vor der Macht der Musik kapitulieren lassen – unter einer Bedingung: Orpheus dürfe sich beim Weg aus dem Schattenreich kein Mal nach seiner Frau umsehen. Das Ganze endete, wie wir wissen, tragisch.


Bei Ludwig van Beethovens legendärem Wiener Konzert zwei Tage vor Weihnachten 1808 hatte nur das Publikum etwas zu lachen. Beethoven hatte zwischenzeitlich schlicht vergessen, dass er bei diesem Auftritt in dreifacher Funktion agierte, als Komponist, Dirigent und Solist am Klavier. Als er aufsprang und zum Dirigieren schritt, konnte der Pianist schwerlich zum Solo ansetzen. Aufgebracht von den Schwierigkeiten «schleuderte er beim ersten Sforzando die Arme so weit auseinander, dass er beide Leuchter vom Klavierpult zu Boden warf.» Das Publikum lachte, Beethoven tobte, er ließ das Orchester aufhören und neu beginnen, bis dieses so konfus war, dass der Dirigent sich in lauten Beschimpfungen erging. Stille Nacht, heilige Nacht!


Es gibt so gut wie nichts, was nicht schon passiert ist im Reich des Wohlklangs. Eine Violinensaite reißt und zerschneidet dem erschrockenen Solisten (Daniel Hope!) die Lippe; beim Versuch, sich hinter der Bühne das blutverschmierte Gesicht zu reinigen, macht er die Bekanntschaft eines streunenden Straßenköters. Ein Esel stapft auf die Bühne eines Theaters in Caracas, um dem Pianisten Daniel Barenboim bei seinem Solo-Klavierabend Gesellschaft zu leisten. Ein Tenor erwacht aus seinem Sekundenschlaf und beginnt sofort mit seinem Rezitativ – leider zum völlig falschen Zeitpunkt. Einige der schönsten Madrigale verdankt die Welt dem Fürsten Carlo Gesualdo, Principe di Venosa; dass der edle Fürst vor rund 400 Jahren seine junge Frau eigenhändig umbrachte und ihren Geliebten, einen Herzog, von einem Diener meucheln ließ, hat der Vollkommenheit seiner Musik offenbar nicht geschadet. 


Nicht alle Episoden in «Toi, toi, toi» gehen gut aus, in manchen regiert der nackte Schrecken. So berichtet der amerikanische Geiger Isaac Stern, wie während des ersten Golfkriegs bei seinem letzten Auftritt mit Zubin Mehta und dem Israel Philharmonic Orchestra am 23. Februar 1991 in Jerusalem plötzlich Bombenalarm gegeben wurde. «Ich wusste, dass zwischen der ersten Warnung und dem Augenblick, wo die irakischen Scud-Rakete einschlug, zwischen vier und sieben Minuten vergingen. Die Ich ging ohne Gasmaske auf die Bühne, machte ein paar beruhigende Gesten, sagte: ‚Hört zu’ und fing an, die Sarabande aus Bachs d-Moll-Partita zu spielen. Alles wurde ruhig. Es war gespenstisch und vollkommen bizarr, das Publikum in Gasmasken dasitzen zu sehen und zu spüren, wie die Leute unter der Wirkung der Musik allmählich ruhig wurden, während alle auf das Rumsen des Raketeneinschlags warteten. (…) Es war einer der beklemmendsten Augenblicke meines Lebens. Aber ich spielte trotzdem immer weiter.» 

Reinhard Meys U-Boot-Event

Hope erzählt aber auch von Beinahe-Bühnenkatastrophen, die dank kluger Vorausschau und gesundem Menschenverstand erst gar nicht eintrafen. Als Rolf Liebermann Massenets «Don Quichotte» 1974 in Paris auf die Bühne zu bringen gedachte, fragte er Salvador Dalí, ob er Lust habe, das Bühnenbild zu entwerfen. Der spanische Exzentriker hatte Lust. Als Liebermann dann aber hörte, wie sich Dalí das Ganze vorstellte («Besorgen sie mir 40 lebende Schaft, die ständig auf der Bühne bleiben. Und dazu natürlich die Rosinante und einen Esel. Die Inszenierung mache ich per Telefon»), da wusste Liebermann, was er zu tun hatte: das Angebot an den verrückten Spanier umgehend einkassieren. 


Eine der lustigsten Anekdoten steuerte Reinhard Mey bei, der als Liedermacher in Deutschland wie Frankreich gleichermaßen heimisch ist. Nach ausverkauften Konzerten im Olympia in Paris trat er kurz darauf in Brest, der Hafenstadt am westlichsten Zipfel von Frankreich, vor gespenstisch leerer Kulisse auf. Exakt 39 zahlende Zuschauer, für Mey kein Problem: «Solange ein Zuschauer mehr im Saal als Personal auf der Bühne ist, sage ich kein Konzert ab.» Reinhard Mey warf sich für sein Minipublikum ins Feuer, sang mit Liebe und Leidenschaft – und viel auf Französisch. Keine Reaktion. Bis er zögernd den Klassiker «Diplomatenjagd» zum Besten gab. Jubel brandete auf, Also griff Reinhard Mey weiter in seine deutsche Hitkiste. Was er da noch nicht wusste: Vor ihm saß eine komplette U-Boot-Besatzung auf Werkstattfahrt von Eckernförde nach Brest … 


Schwund ist immer – das erfuhr David Garrett kurz nach Weihnachten 2007 in London auf doppelt schmerzhafte Weise. Nach dem Konzert war er auf einer Steintreppe so unglücklich ausgerutscht, dass er mit voller Wucht auf seinen Geigenkasten stürzte; «seine unbezahlbare Guadagnini von 1772 war nahezu Kleinholz». Hope erzählt von einer Stradivari, die einen Tag lang in einem New Yorker Taxi spazieren fuhr. Und von einer anderen kostbaren alten Geige (seiner eigenen), die er unter dem Tisch eines Lübecker Restaurants stehen gelassen hatte. Und von dem Steinway-Flügel des polnischen Pianisten Krystian Zimerman, der in seiner Riesenfrachtkiste das Misstrauen der Kontrolleure am New Yorker Kennedy-Airport erregte. Und da sich das Ganze nicht lange nach 9/11 zutrug, wurde der Steinway kurzerhand in die Luft gesprengt. Holzstaub bist du, und zu Holzstaub kehrst du zurück …

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