18.12.2012   von rowohlt

Petra Oelker – Stadtführerin durchs alte Hamburg

«Petra Oelkers Roman besticht durch lebendige Protagonisten, grandiose Spannungsbögen und einen vertrackten Mordfall. Ein scharfsinniges Porträt der hanseatischen Gesellschaft, der Milieustudie, Krimi und Familiendrama in einem ist.» (P.M. History)

© Privat
© Privat

Hamburg im Sommer 1895: Nach dem Tod ihres Vaters kehrt die junge Henrietta Winfield aus Bristol an die Elbe zurück. Der alte Mann hat ihr kaum mehr hinterlassen als eine Sammlung moderner Gemälde; sein Vermögen aus dem Handel mit Chile-Salpeter, Kaffee und Kautschuk ist verschwunden. Kurz darauf wird am Rande der Speicherstadt ein Toter gefunden – Thomas Winfield, ihr englischer Ehemann. Was ist geschehen? Weshalb hielt Thomas sich überhaupt inkognito in der Hansestadt auf? Petra Oelker entführt uns in ihrem neuen Roman in eine Zeit, in der Hamburg dank seines boomenden Hafens zur pulsierenden Weltstadt, zum Tor der Welt wurde. Spannend, präzise recherchiert und hinreißend erzählt – stimmungsvoll wie Friedrich Kallmorgens berühmtes Bild der Lindenterrasse von Louis C. Jacob in Nienstedten, das das Buchcover ziert.

Trügerische Gefühle, windige Geschäfte

Der Mann, der in aller Heimlichkeit Hamburg besucht, ist Thomas Winfield. Vor wenigen Wochen noch hatte er nur zwei Optionen für seine Zukunft gesehen: «den ehrenvollen Tod mit der Pistole oder die heimliche Flucht Richtung Australien oder über den Atlantik nach Westen, von New York ging die Eisenbahn nun bis nach San Francisco am Pazifik.» Henrietta Winfield hat von den heiklen Geschäften ihres Mannes nicht die geringste Ahnung; sie wähnt ihn in Antwerpen, von wo aus er zur Beerdigung ihres verstorbenen Vaters Sophus Mommsen in die Hansestadt nachkommen soll. Aber weder die eine noch die andere Zukunftsoption ist Winfield vergönnt: In einer dunklen Nacht im Juli 1895 wird er am Meßbergbrunnen nahe der Speicherstadt von einem tödlichen Messerstich niedergestreckt.


Für Henrietta bricht eine Welt zusammen – die beiden Menschen innerhalb weniger Tage dahingerafft, die sie so geliebt hat. Der Schock und die Trauer lähmen sie so sehr, dass sie befürchtet, den Verstand zu verlieren. Das Gefühl, im Alter von 22 Jahren Waise und Witwe zu sein, bricht ihr fast das Herz. Es dauert Tage, bis Hetty, wie sie in ihrer Familie genannt wird, sich den Fragen von Kriminalkommissar Paul Ekhoff stellen kann, allzu berechtigten Fragen: Warum weilte Thomas Winfield in Hamburg und nicht in Antwerpen? Weshalb war er in einer billigen Kaschemme unter dem Namen James Haggelow abgestiegen? Wer hasste ihn so sehr, dass er ihm das Messer in die Halsschlagader rammte?

«Wir sehen, was wir sehen möchten …»

Es sind nicht die einzigen Fragen, die der jungen Witwe schlaflose Nächte in der kleinen Villa am Elbhang in Nienstedten bescheren. Eines steht fest: «Hettys edler Gatte war pleite.» Auch das Bild des honorigen hanseatischen Kaufmanns, das sie von ihrem Vater Sophus hatte, verdüstert sich zusehends. Wie konnte es sein, dass von seinem ganzen Vermögen nichts mehr übrig war – außer einer Gemäldesammlung, moderne Kunst von zweifelhaftem Wert? Anders als Alfred Lichtwark, dem legendären Direktor der Kunsthalle, sagen der jungen Frau Namen wie Max Liebermann und van Gogh nichts …


Auch die mit «Mrs. Thomas Winfield» verwandtschaftlich verbandelten Grootmann-Söhne Felix und Ernst, die männlichen Stammhalter des hanseatischen Handelshauses Grootmann & Sohn, sehen sich außerstande, Licht in das Dunkel von Sophus Mommsens Geschäften zu bringen.


Die polizeilichen Ermittlungen konzentrieren sich auf die Suche nach einem Messerwerfer – zu fachmännisch, heißt es, wurde der Schnitt ausgeführt, der Thomas Winfields Tod herbeiführte. Die Verhaftung von Sören Boje, Hauswart im Gebäude Glockengießerwall 23 und ehemaliger Messerartist, scheint des Falles Lösung zu sein. Mittlerweile aber hat es einen weiteren Mord gegeben, dieses Mal in der Holztwiete; sein Gespür sagt Kriminalkommissar Ekhoff, dass irgendwer aus dem Handelshaus Grootmann eine entscheidende Rolle in der «Affäre Winfield» spielen muss – umso mehr, als überraschend Geschäftsunterlagen auftauchen, in denen es um Gold- und Diamantenschürfungen in der Kap-Provinz geht.

Petra Oelker – Stadtführerin durchs alte Hamburg

Petra Oelkers Romane sind – ganz nebenbei – faszinierende stadtgeschichtliche Führungen. Ungeheuer viele Details müssen stimmen, um uns heutigen Lesern ein derart authentisches Bild vom Leben der Menschen unter den damaligen Bedingungen zu geben. Oelker will es genau wissen – und sie weiß es auch genau: recherchiert ist recherchiert! Wen und warum die Zöllner an den Übergängen zum Freihafen kontrollierten und was sie suchten; wie Kakaobohnen transportiert und gelagert werden mussten (und müssen), um gegen Schimmel und Wurmbefall geschützt zu sein – solchen Fragen pflegt die Autorin mit Akribie und detektivischem Spürsinn nachzugehen.


Zu großer Form läuft Petra Oelker auf, wenn es um spezielle historische Details geht: Sie lässt vor unseren Augen Pferdeomnibusse durch die Stadt fahren. Wir legen einen Zwischenstopp im Austernkeller von Streit's Hotel und in Valeska Rövers Damenmalschule ein. Wir lassen die eleganten Kontorhäuser am Neuen Wall links liegen, um endlich die Speicherstadt mit ihren tausend Gerüchen zu erreichen. Und nicht nur geschichtsbewusste Hamburger wissen nach diesem Buch ein wenig mehr über das jämmerliche Leben proletarischer Familien im Gängeviertel, die opferreiche Cholera-Epidemie und den großen Hafenarbeiterstreik.


Top