04.10.2018   von rowohlt

Billig, billiger – zerstört

Natur, Geld, Arbeit, Fürsorge, Nahrung, Energie, Leben: Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen

Wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem der Mensch verschwinden könnte – und mit ihm die Welt, die er so gnadenlos ausbeutet. Denn was ist heute für uns nicht billig und schnell zu haben – auf Kosten der vielen Menschen, die weniger privilegiert sind als wir? Wir ruinieren unsere Erde, wenn wir nicht schleunigst kooperative Wege des Zusammenlebens und Wirtschaftens finden und den westlichen Raubtierkapitalismus bändigen – ein zerstörerisches Wirtschaftsprinzip, das sich über Jahrhunderte herausgebildet hat. Das ist die Botschaft des Ökonomen Raj Patel und des Historikers Jason W. Moore. In sieben Kapiteln widmen sie sich jeweils einem Aspekt dieser Entwertung der Welt.


Naomi Klein:
«Patel und Moore haben mit ‹Entwertung› einen brillanten und originellen Zugang gefunden, der es uns erlaubt, die drängendsten Krisen unserer Zeit zu verstehen.»


Uns, ganz sicher aber den kommenden Generationen stehen dramatische Zeiten bevor. Wir sind im 21. Jahrhundert mit «‹abrupten und irreversiblen› Veränderungen im Netz des Lebens» konfrontiert, die fatal sein werden – falls nicht die in Keimen vorhandenen Gegenbewegungen an Gewicht und politischer Wucht gewinnen, um unsere Zivilisation nachhaltig in Richtung fairer Handel, sozialer Ausgleich, Weltökologie und Frieden zu drängen. Die aufrüttelnde Studie von Raj Patel und Jason W. Moore endet mit diesen Sätzen: «Das also sind unsere Vorstellungen davon, wie wir die Welt der billigen Dinge hinter uns lassen könnten, um ohne die realen Abstraktionen Natur und Gesellschaft zu leben und ohne die Strategien, die die kapitalistische Ökologie hervorgebracht hat. Sollten sie revolutionär klingen – umso besser.»


Hier ein Blick auf jene «sieben billigen Dinge», über die wir und alle zukünftigen Generationen um den Preis der Selbsterhaltung werden nachdenken müssen:

Wir müssen die Welt der billigen Dinge hinter uns lassen


Billige Natur.
«Dass das Wirken der Natur eine Reihe von Dingen hervorbringt, ist nur möglich durch reale Abstraktionen, seien sie kultureller, politischer oder wirtschaftlicher Art. Das Netz des Lebens ist für sich genommen genauso wenig billig, wie es böse, gut oder downloadbar ist. Dies sind lediglich Attribute, die ihm durch den Kapitalismus zugeschrieben wurden. Das Netz des Lebens wurde verbilligt und in Prozesse von Tausch und Profit gezwängt, mit Namen versehen und unter Kontrolle gebracht. (…)
Drei Prozesse kultureller Ausgrenzung standen im Mittelpunkt der kapitalistischen Strategie einer billigen Natur: Aufklärung, Proletarisierung und die Privatisierung von Eigentum. Menschliche und nichtmenschliche Arbeit wurden damit gleichermaßen in billige Dinge verwandelt. Aber nichts kann eine Zivilisation nachdrücklicher daran erinnern, dass die Natur in Wirklichkeit niemals billig ist, als eine ökologische Krise. Der Klimawandel macht es immer schwerer, die planetaren Veränderungen im Alltag weiter zu ignorieren. Die Intensität und Häufigkeit ‹extremer Wetterereignisse› in den letzten Jahren sprechen eine zu deutliche Sprache. (…) Zweifelsohne haben auch frühere Zivilisationen ihre Umwelt verändert. Aber keine ließ sich dabei von einer Strategie der billigen Natur … leiten und beherrschen.»


Billiges Geld. «Seit sechs Jahrhunderten gehorcht das Leben auf unserem Planeten der Macht des Geldes. Nicht irgendeiner Art von Geld, sondern des Geldes als Kapital, dem Leben, Arbeit und Ressourcen unterstehen. Dieses Kapital zirkuliert aus zwei Gründen: zum einen aufgrund des modernen Weltmarkts, der zu Kolumbusʼ Zeit Gestalt annahm; zum anderen aufgrund des modernen Imperialismus, der – nicht zufällig – zur selben Zeit auftauchte. Weder Weltmarkt noch Weltmacht kamen ohne das Finanzwesen aus. Es war für imperiale Ambitionen und den Güteraustausch unverzichtbar, ohne diese beiden Kräfte aber auch machtlos. (…)
Weltgeld, Weltnatur und Weltmacht bilden die sonderbare Trinität, die unsere Umwelt gestaltet und so den Kapitalismus von der Eroberung Amerikas bis zu der sich im 21. Jahrhundert abzeichnenden Katastrophe einer globalen Erwärmung geprägt hat. Seit dem Aufkommen des Kapitalismus wurde Geld zu einer Beziehung, die nicht nur die Existenzbedingungen des Menschen, sondern die allen Lebens formte. (…) Die immer weiter zunehmende Komplexität der Finanzierungstechniken ist nicht urplötzlich aufgetaucht wie ein Quantensprung, sie ist das Ergebnis von Jahrhunderten der Akkumulation, von denen jedes auf seine Weise Kapital, Macht und Natur organisiert hat.»


Billige Arbeit. «Zusammenfassend können wir festhalten, dass Arbeit, wie wir sie heute kennen, in Europa in einem bewegten Prozess der Abgrenzung entstanden ist, bei dem menschliche Beziehungen zur übrigen Natur, Tagesabläufe und sogar das gängige Zeitverständnis umgestaltet wurden. In den Kolonien eignete man sich Natur an und sorgte dafür, dass die Arbeitskraft der indigenen Bevölkerung und später der afrikanischen Sklaven streng an sie gebunden blieb. Der Kapitalismus hat dabei immer mit allen zur Verfügung stehenden Arten der Arbeiterführung gleichzeitig experimentiert. Deshalb gibt es auch heute noch Sklaverei – die im Übrigen mehr Menschen betrifft als zur Zeit der transatlantischen Sklaventransporte – und Gefangenenarbeitslager, etwa in der Demokratischen Republik Kongo, neben neuen Formen der Arbeit in der ‹sharing economy› (…) Ohne einen weiteren Faktor würde der Kapitalismus jedoch nicht einen Tag überleben: die Aneignung unbezahlter Arbeit, die jede andere Arbeit erst ermöglicht und weitgehend außerhalb des Cash-Nexus geleistet wird.»


Billige Fürsorge. «In den Anfängen des Kapitalismus wurden dieselben Strategien, mit denen man Ureinwohner in das Gehege der Natur einpferchte, auch dazu eingesetzt, eine Kategorie von Menschen aufzubauen und zu lenken, die unbezahlte Fürsorgearbeit leisten sollten: die Frauen. Menschen wurden, manchmal ärztlich, aber immer rechtlich, einer von zwei unvermeidlichen Kategorien zugewiesen, sie waren entweder Männer oder Frauen. Allgegenwärtige Dualismen wie Gesellschaft und Natur, Mann und Frau, bezahlte und unbezahlte Arbeit verengten das Denken der Menschen in der kapitalistischen Weltökologie so, dass lediglich Lohnarbeit als ‹wirkliche Arbeit› wahrgenommen wurde – ohne anzuerkennen, dass die Fürsorgearbeit all dies erst ermöglichte. (…)
Eine Geschichte der Arbeit zu schreiben, ohne die Fürsorgearbeit zu erwähnen, wäre, wie eine Ökologie der Fische zu schreiben und das Wasser wegzulassen. Von Beginn an hatte die kapitalistische Ökologie ein reges Interesse an Sex, Macht und Fortpflanzung – und es ist gerade der Umstand, dass das Wissen um dieses Interesse und seine Geschichte so gründlich unterdrückt und allzu leicht vergessen wurden, der zeigt, welche Bedeutung es hat. Diese Geschichte fängt gerade erst an, neu entdeckt zu werden.»

«Die Dinge billig zu halten ist teuer»


Billige Nahrung. «Wer bei dem Begriff ‹Kapitalismus› eher an Revolutionen denkt, die von Kohle und Öl befeuert wurden, übersieht leicht, dass es davor zunächst zu Veränderungen im Ernährungssystem kam. Ohne Nahrungsüberschüsse gäbe es keine Arbeit außerhalb der Landwirtschaft. Die klassischen Hochkulturen – die Sumerer und die Ägypter, die Han Dynastie und die Römer, die Maya und die Inka – verdankten ihren Aufstieg Revolutionen, die dafür sorgten, dass weniger Menschen mehr Nahrung produzieren konnten. (…) Billige Nahrung ermöglicht einem derart teuren System, Gewinne abzuwerfen. Diese fließen wiederum durch die Infrastrukturen von Macht und Produktion und legen damit den Grundstein für eine neue Ökologie von Stadt und Land. Das so entstandene System ist, nicht anders als die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern, zutiefst ungerecht. Eine ländlich-städtische Ökologie ist mit der kapitalistischen Struktur verwoben, deren Muster sich durch atlantische Grenzräume, europäische Großstädte, den Indischen Ozean und die Gewürzroute ausgeformt haben.»


Billige Energie. «In diesem Kapitel gehen wir den Fragen nach, wie Energierevolutionen in Europa und in Amerika dazu geführt haben, dass Energie zu einem der billigen Dinge des Kapitalismus wurde, und was billige Energie für die globale Ökologie des 21. Jahrhunderts bedeutet. Energie kann insofern als ‹Ding› bezeichnet werden, als sie aus einem Teil des Netzes des Lebens in ein Gut umgewandelt wird, das verkauft und gekauft werden kann. Fossiliertes Leben wird nur durch die kapitalistische Ökologie zu etwas, mit dem man ein Feuer entfachen oder eine Maschine betanken kann. Das kapitalistische Energiesystem übernimmt mehrere Aufgaben auf einmal, es verbilligt sowohl Energie als auch Ressourceneinsatz: Billige Kohle erzeugt billigen Stahl; billiger Torf ermöglicht billige oder billigere Backsteine. Das reduziert die Kosten für Geschäftstätigkeiten und erhöht die Rentabilität. Billige Energie trägt zu niedrigen Arbeitskosten bei, indem sie einen der größten Kostenfaktoren (nach der Nahrung) im Familienbudget reguliert. (…)
Die Energiekosten zu kontrollieren war eine weitere Methode, billige Arbeit zu lenken und aufrechtzuerhalten. Energie war immer schon eine unverzichtbare Voraussetzung für das Leben.»


Billige Leben. «Die These dieses Kapitels ist, dass die kapitalistische Ökologie den modernen Nationalstaat geformt hat und umgekehrt auch von diesem geformt wurde. Entscheidend waren dabei der koloniale Grenzraum, die Interaktionen zwischen frühen Kapitalisten und ‹Wilden› sowie die Kommunikationstechniken, die der Kapitalismus zu Beginn befördert hat. Die Strukturierung und Umstrukturierung der Gesellschaft durch billige Dinge wurde mit Gewalt und Überzeugung, Zwang und Konsens vorangetrieben. Um Hegemonie aufrechtzuerhalten, müssen, wie Antonio Gramsci betont, Kräfte in der Gesellschaft gewonnen, bewahrt und gebündelt werden, die es erlauben, Rivalen beständig auszumanövrieren. Im Streben nach Ordnung und Kontrolle bekam der Staat die Idee der Nation angeheftet, was kaum vorauszusehen war und den Planeten nach wie vor prägt. (…) Wer versteht, wie der Kapitalismus ‹billige Leben› zu einer Strategie billiger Natur gemacht hat, versteht nicht nur die Kräfte, die nötig sind, damit Geld, Arbeit, Fürsorge, Nahrung und Energie billig bleiben, sondern auch, wie die ausgefeilteste und subtilste moderne Institution, der Nationalstaat, noch immer von den Grundlagen und der Naturwissenschaft der Frühen Neuzeit profitiert, um das moderne Leben zu lenken. Und was noch wichtiger ist: Je mehr die Staaten an ihre Grenzen stoßen, für die Leben zu sorgen, für die sie die Verantwortung tragen, und für Umgebungen, die einem liberalen Kapitalismus zuträglich sind, desto mehr nähern wir uns dem Ende einer Ära billiger Leben.»

Entwertung

Entwertung

Wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem der Mensch verschwinden könnte – und mit ihm die Welt, die er so gnadenlos ausbeutet. Denn was ist heute für uns nicht billig und schnell zu haben – auf Kosten der vielen Menschen, die weniger privilegiert sind als wir? Wir ruinieren unsere Erde, wenn wir nicht schleunigst kooperative Wege des ...  Weiterlesen

Preis: € 24,00
Seitenzahl: 352
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0052-6
25.09.2018
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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