14.09.2016   von rowohlt

Paris 1889 – willkommen im «globalen Dorf»

Ein Interview mit Benjamin Monferat über seinen Roman «Der Turm der Welt»

© Gil Jouin/Agentur M. Hubauer e. K.; Gaby Gerster/feinkorn.de
© Gil Jouin/Agentur M. Hubauer e. K.; Gaby Gerster/feinkorn.de

Oktober 1889: Die Pariser Weltausstellung geht dem Ende zu. Millionen von Menschen strömen in die Lichterstadt, um Zeuge des Spektakels zu werden. Die brisante internationale Lage scheint für einen Augenblick vergessen. Und doch würde gerade hier, im bunten Gewimmel der Nationen und Interessen, ein Funke genügen, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Irgendwann versammelt sich alles, was Rang und Namen hat, an der Spitze des Eiffelturms, um das Abschlussfeuerwerk zu bestaunen. Wann wäre der Zeitpunkt für einen Anschlag besser gewählt, um die Welt im Chaos versinken zu lassen? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: zu Lande, zu Wasser – und in der Luft ... 


Weshalb man  mit dem Etikett «historischer Roman» vorsichtig umgehen sollte. Und warum es kaum ein faszinierendes literarisches Setting geben kann als eine Weltausstellung wie die von 1889 – Ein Gespräch mit Benjamin Monferat.

Das Interview


Zum Erscheinen Ihres Erstlings «Welt in Flammen» haben Sie darauf hingewiesen, dass Sie diese Geschichte nicht als historischen Roman verstehen. Mit «Der Turm der Welt» gehen Sie nun ein weiteres halbes Jahrhundert in die Vergangenheit. Das ist nun aber historisch, oder?
Nun, mein Urgroßvater – Jahrgang 1845 – war zur Zeit unserer Geschichte in den besten Jahren. Meine Tante erzählt bis heute von ihm. Die Steinzeit ist das keineswegs. Doch natürlich ist das eine andere Epoche als die unsere, oder richtig müssen wir sagen, dass unsere Epoche eben mit genau jener Weltausstellung des Jahres 1889 beginnt. Damals nämlich versammelt sich die Menschheit – unter vollkommen anderen Vorzeichen als in unseren Tagen – zum ersten Mal in einer Art von «globalem Dorf». Von Europa in den Senegal nach Indochina in wenigen Schritten. Derselbe Ehrgeiz, den heute das Internet hat.


«Der Turm der Welt» könnte also ebensogut in unserer Zeit spielen?
Auf jeden Fall gehören unsere Protagonisten der ersten Generation an, die den Eindruck haben muss, dass die Zeit – die technische und gesellschaftliche Entwicklung – immer schneller voranschreitet. Der Ausbau der Eisenbahnen, das Automobil, das Telefon, die ersten Flugzeuge: alles innerhalb weniger Jahre. Was natürlich Auswirkungen auf den Menschen hat, die Schwierigkeiten haben, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Wie das frühe einundzwanzigste Jahrhundert den «BurnOut» kennt, ist in jener Zeit das Krankheitsbild der «Hysterie» in aller Munde.


Eine Krankheit, unter der eine Ihrer Figuren leidet. 
Richtig. Und solche Dinge sind mehr als Zeitkolorit. Wenn ich eine Geschichte aus einer vergangenen Zeit erzähle, dann möchte ich die Menschen in ihrer Zeit ernst nehmen. Was sie beschäftigt, was sie antreibt, was sie ängstigt.


Die Möglichkeit eines großen Krieges zum Beispiel.
Auch das. Nur dass eben nicht allein diese Angst existiert, sondern bei vielen jungen Männern auch das Gegenteil. Wie keine andere Zeit ist diese Epoche von Uniformen geprägt. Den Unteroffizier der Reserve in der Tasche zu haben, gehört – anders als heute – zum Guten Ton. Anlässe, aus denen ein bewaffneter Konflikt erwachsen kann. Argumentationen um die «Ehre» einer Nation können ohne Weiteres zum legitimen Kriegsgrund werden. Die internationale Bühne des Jahres 1889 gleicht einem Pokerspiel, bei dem sich niemand in die Karten schauen lässt. Genau in jenem historische Moment beginnt Fürst Bismarcks Bündnissystem, das dem Kontinent zwanzig Jahre lang den Frieden bewahrt hat, zu kippen, und die «Schlafwandler», die Europa schließlich in die Katastrophe der Weltkriege führen werden, übernehmen die Macht. Genau dazu aber könnte es in unserer Geschichte jetzt bereits kommen. Die exposition universelle ist voll mit spektakulären neuen Erfindungen, die von den Besuchern neugierig bestaunt werden. Doch schon damals ist der Krieg der Motor des Fortschritts.


Und auf der Weltausstellung ist das ablesbar.
Eine von ganz vielen Facetten, die in diesem historischen Moment ins Bild treten. Paris ist die Weltstadt jener Epoche. Eine eigene Welt mit einer einzigartigen Atmosphäre, düsterer als heute, doch umso heller blitzen die Lichter auf, das Feuerwerk über der exposition universelle. Die Stadt der Künstler und der Halbweltexistenzen, und sie alle haben in unserer Geschichte ihren Platz. Und dazu kommt nun die Weltausstellung: Zigtausende von Ausstellern, mehr als dreißig Millionen Besucher, der größte Menschenauflauf des neunzehnten Jahrhunderts mit seinen unglaublichen Jules Verne-haften Erfindungen, mit Buffalo Bills Wild West Show, einem «Negerdorf» auf dem Kolonialgelände – und jenem Monument, das bis heute geblieben ist: dem Eiffelturm. Was bekanntlich so überhaupt nicht geplant war; er sollte wieder abgerissen werden. Zu keinem Zeitpunkt davor oder danach aber hat sich diese gesamte Zeit, diese gesamte Welt in vergleichbarer Weise auf einen Punkt konzentriert wie in jenen Herbsttagen des Jahres 1889. Es ist ein magischer Moment. Das ist es, was mich anspricht: Wenn ich einen solchen magischen Moment erkenne. Dann möchte ich ein Buch darüber schreiben. 


Das ist das Setting, mit dessen Hilfe Sie die Geschichten Ihrer Protagonisten erzählen. Was hat Sie angeregt zu diesen Geschichten, zu diesen Figuren? 
Das waren ganz unterschiedliche Dinge. Nehmen Sie eine Figur wie Albertine, die Vicomtesse de Rocquefort. Ich liebe ihre hinterhältigen Wortgefechte mit dem duc de Torteuil und muss dabei jedes Mal an die «Gefährlichen Liebschaften» denken, gerne auch an die Verfilmung mit Glenn Close und John Malkovich. Eine andere Figur ist der junge Fotograf Lucien Dantez. Er trägt das Licht ja schon im Namen, wie auch Paris die Stadt der Lichter ist. Und der Schatten. Licht und Schatten sind sein Handwerkszeug, wenn er sich der geheimnisvollen neuen Erfindung namens Fotografie bedient. Was ihn dann wieder in die finstersten Winkel der Stadt führt, in das Paris Baudelaires. Dass an einer Stelle sogar eine konkrete Blume des Bösen ins Spiel kommt, mag ich. Und bei Luciens Faszination für das «lebendige Bild» schaut schon Oscar Wilde um die Ecke. Wir sehen, wie viele überlebensgroße Namen sich aufrufen lassen in dieser faszinierenden historischen Situation. Einer von ihnen, Henri de Toulouse-Lautrec, spielt selbst einen bedeutenden Part in unserer Geschichte.


Eine Vielzahl von Geschichten also, ein Tableau voller illustrem Personal, aus dem Sie eine einzige, große Geschichte konstruieren. 
Meine Geschichten werden niemals am Reißbrett entworfen. Irgendwann tauche ich ab in ihren ganz eigenen Kosmos, und sie beginnen sich organisch zu entwickelt. Mit einem Mal steht Henri de Toulouse-Lautrec auf der nächtlichen Gasse und schmeißt mit Pferdedreck. Das muss immer möglich sein. Wobei ich mich gleichzeitig bemühe, möglichst exakt zu sein in der Fiktion, nicht alles irgendwie Greifbare zusammenzumischen.


Ein Beispiel: Eine unserer Figuren, der junge Brite Basil Fitz-Edwards, den die Leser der «Welt in Flammen» in einer späteren Phase seine Lebens als Passagier des Simplon Orient kennengelernt haben, ist Constable in der Hauptstadt des Empire. Die beiden Sensationsgeschichten der yellow press jener Tage waren die Mordserie Jack the Rippers und die Aushebung eines Männerbordells in Fitzrovia: der Cleveland Street Scandal mit Verwicklungen bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft. Ich hätte gezögert, beides in ein und derselben Figur zu fassen, doch hat tatsächlich ein und derselbe Beamte – Chief Inspector Frederic Abberline – federführend in beiden Ermittlungen mitgewirkt, und bei beiden Vorfällen wird hartnäckig eine Verwicklung der Nummer zwei der Thronfolge, Albert Victor, Duke of Avondale, genannt Eddy, kolportiert. Welcher Autor könnte da widerstehen?


Prinz Eddy war also wirklich ein Crossdresser des ausgehenden 19. Jahrhunderts?
Nein, höchstwahrscheinlich nicht. Anders als der Duke of Kent, der Onkel der aktuellen Queen, der in den 1920ern in einschlägiger Garderobe in den Straßen von Soho aufgegriffen wurde, zusammen mit Noel Coward. Aber das ist eine andere Geschichte.

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