20.10.2016   von rowohlt

Panorama im Kopf

«John Wray ist die nächste Welle der amerikanischen Literatur» (Jonathan Lethem)

© Ali Smith
© Ali Smith

Eingeschlossen in einer Blase angehaltener Zeit sitzt der junge Waldemar Tolliver in einem vermüllten Apartment am Central Park in New York und versucht, Herr seiner Geschichte zu werden. Über hundert Jahre Familiengeschichte muss er erforschen und verstehen, um wieder in die Welt zurückkehren zu können. (Glaubt er.) Waldemars Urgroßvater, Produzent eingelegter Gurken und Hobby-Physiker aus dem k.u.k. Znaim, war dem Geheimnis menschlicher Reisen durch die Zeit auf der Spur. Leider gingen die Unterlagen bei einem dummen Unfall mit einem Automobil verloren. Die Zeit drängt, das Geheimnis zu lüften: Bald nämlich wird ein Patentamtsangestellter namens Einstein mit ganz ähnlichen Theorien Schlagzeilen machen … 


John Wrays Roman ist ein wilder Abenteuertrip, vom Wien der Jahrhundertwende bis ins Manhattan der Gegenwart, von der ersten Dimension in die vierte – ein hinreißender, mitreißender Mix aus Wissenschaft, Philosophie, Pop und Unterhaltung.

Stimmen zum Roman


Colum McCann: «Die Handlung schwingt sich munter durch ein ganzes Jahrhundert und zwei Kontinente u und landet schließlich eloquent wieder bei den zentralen Fragen, wer wir sind und warum wir existieren. Wer sagt, der Roman sei tot? Zerstört einfach die Uhren und schlagt dieses Buch auf!»
Die Welt: «Saure Gurken, Relativitätstheorie, Zeitreisen, Holocaust und autosuggestive Psychostasis – das verwildertste Ding des Jahres.»
Hamburger Abendblatt: «Ein ungemein raffinierter Mix aus Wissenschaft und Philosophie, Pop und Unterhaltung. Mit Figuren, wie man ihnen nicht an jeder Straßenecke begegnet.»
Kleine Zeitung: «Was hier vorliegt, ist eine mehrdimensionale, traumwandlerisch sicher aufbereitete Geschichte, die, Wunder der Erzählphysik, nur zwei Dimensionen besitzt: enorm viel Breite und Tiefe, aber keinerlei Längen.»
Die Presse: «Ein sprachlich virtuos erzähltes, ungemein pralles, so fantasievoll wie intelligent komponiertes und auf hohem Niveau unterhaltendes Werk.»

Das Interview


In Ihrem Roman «Das Geheimnis der verlorenen Zeit» gehen Sie aufs Ganze. Es geht um Zeit und Raum, um Wissenschaft und Mystik, um eingelegte Gurken und Relativität.  Oder in den Worten Ihres Kollegen Colum McCann: darum, «wer wir sind und warum wir existieren». Macht es Spaß, Ihr Publikum zu fordern, herauszufordern? 
Wichtiger für mich, als den Leser herauszufordern, glaube ich, ist, mir selber eine genügend große Aufgabe zu setzen – dass ich mich während der gesamten Arbeit an dem Roman vollkommen engagiert fühle, dass ich eben nie den Eindruck bekomme: «Schön, jetzt kann ich mich entspannen und den Autopiloten anschalten.» Deshalb ist mir die Vermutung, dass ich an einem Roman scheitern könnte, sogar sehr wichtig. Nur dann bleibe ich über Jahre hundertprozentig dabei. Diese Arbeitsweise beschleunigt die Sache nicht, wie man sich vielleicht vorstellen kann, aber ich finde die Vorstellung einer Reise nach Terra incognita in gleichem Maße beängstigend und spannend. Jeder Anfang eines Buches ist eben in meinem Fall ein Neustart, und meine früheren Erfahrungen helfen dabei kaum.


Die Protagonisten des Romans gehören zur Sippe der Tollivers; im Fokus: mehrere Generationen der Familie, von der k.u.k.-Ära bis heute. Als Literaturleser merkt man beim Namen Tolliver auf – hat da indirekt Michael Tolliver aus Armistead Maupins legendären «Stadtgeschichten» aus San Francisco Pate gestanden?
Witziger Zufall! Ich muss gestehen, dass ich Armistead Maupins Bücher nie gelesen habe. Der Familienname Tolliver hat mir einfach aus irgendeinem Grund immer gefallen, und ich brauchte eine Amerikanisierung des tschechischen namens Toula, der tatsächlich aus meiner Familiengeschichte stammt. Die Toulas werden bei der Einwanderung in die USA einfach umgetauft, wie es bei so vielen Immigrantenfamilien geschehen ist. Das fand ich immer schon eine (fast zu perfekte) Metapher für die gewaltigen Verluste, die bei der Emigration unvermeidlich sind.


In Ihren Romanen mischt sich viel  modernes Amerika mit einer lebhaften Prise altes Österreich. Das ist angesichts Ihrer Biografie kein Wunder: Sie wurden als Sohn einer Kärntner Onkologin und eines US-amerikanischen Leukämieforschers geboren. Fühlen Sie sich kulturell in beiden Kulturen verwurzelt?
Ich fühle mich sehr wohl in beiden verwurzelt – aber oft auch zwischen den beiden Kulturen irgendeiner Leere ausgesetzt. Man kommt sich dann wie in einem Schwebezustand zwischen zwei Sprachen vor und ist in keiner von beiden vollständig daheim. Dieses Gefühl habe ich schon seit meiner frühesten Kindheit, und obwohl es mein Leben deutlich schwieriger machte (vor allem als Teenager), bin ich davon überzeugt, dass es meiner Entwicklung als Schriftsteller sehr geholfen hat. Der Außenseiter schaut sich seine Umgebung genauer an – das ist längst schon ein Klischee, deshalb aber nicht weniger zutreffend.


Noch einmal zu Colum McCann, der über « Das Geheimnis der verlorenen Zeit» schrieb: «Wray packt in diesen spektakulären Roman seinen Calvino, seinen Murakami, seinen Mitchell und sogar seinen Joyce» – wie geht man als Autor mit solchen Einordnungen um?
Es ist selbstverständlich etwas sehr Schönes, Lob dieser Art entgegenzunehmen, und kann keinen größeren Schaden anrichten – solange der Roman schon vollendet ist, bevor das Lob ankommt. Andererseits ist die Distanz zwischen Haruki Murakami und Joyce gewaltig; einen weiteren Abstand als zwischen den beiden gibt es in der modernen Literatur kaum. Was mir dann auch eine vergleichsweise große Freiheit lässt, Columns Bemerkungen für mich selber zu interpretieren (Gott sei Dank).

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