26.01.2018   von rowohlt

«Ostjude, Westjude … Für die Nazis sind wir verfluchte Juden»

«So vermag nur ein Autor zu schreiben, der bei jedem seiner Worte weiß, was ihm wichtig ist und was nicht.» (Hubert Spiegel, FAZ)

© iStockphoto.com
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Rom im Mai 1933. Ein tätlicher Angriff des Malers Hanns Hubertus Graf von Merveldt zwingt den deutsch-jüdischen Maler Felix Nussbaum, die Villa Massimo zu verlassen. Die Rückkehr nach Deutschland ist ihm und seiner Lebensgefährtin, der polnisch-jüdischen Malerin Felka Platek, angesichts der Judenverfolgung durch das Nazi-Regime unmöglich. Es ist der Beginn einer Flucht vor den deutschen Besatzern durch halb Europa, an deren Ende die Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz steht. In unvergesslichen Momentbildern und extremer Verdichtung setzt Hans Joachim Schädlich dem jüdischen Künstlerpaar ein literarisches Denkmal. «Jeder Satz trifft wie ein kleiner Stich. In Hans Joachim Schädlichs Prosa – so zurückgenommen, lakonisch und sachlich wie Regieanwesiungen – wird das 20. Jahrhundert entschlüsselt.» (Süddeutsche Zeitung)


Hans Joachim Schädlich, 1935 in Reichenberg/Vogtland geboren, vermag wie kaum ein anderer aus der Mischung von dokumentarischem Material und Fiktion Funken zu schlagen. Schädlich hatte immer diesen «anderen Blick»: nüchtern, sperrig, unkorrumpierbar. Wer, darauf hat Jurek Becker aufmerksam gemacht, in seinen Texten «Kommando der städtischen Polizei» statt «Genossen der Volkspolizei» oder «Kraft der Lehre» statt «Kraft des Marxismus-Leninismus» schrieb, der machte sich in der DDR verdächtig. 1977 siedelte der stille Dissident, der an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin gearbeitet hatte, in die Bundesrepublik über.


Schädlichs Prosa ist unverwechselbar – das hat nicht nur Helmut Böttger in seiner Besprechung von «Kokoschkins Reise» (rororo 26877) betont: «Er treibt alles, was lakonisch genannt werden könnte, ins Radikal-Zugespitzte. Es gibt keine psychologische Innenschau, keine gefühlsmäßige Innenausstattung der Figuren, es gibt keine kommentierende Erzählhaltung, nichts Ausschmückendes, nichts bloß Atmosphärisches. (…) Eine Seite Schädlich entspricht ungefähr 20 Seiten üblicher handlungsstarker Prosa. Er ist ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht.» 

«Nach Deutschland können wir nicht zurück»


Es ist ein warmer Mai-Nachmittag im Garten der Villa Massimo in Rom. Hanns Hubertus von Merveldt, einer der deutschen Stipendiaten, beschuldigt Felix Nussmann des Plagiats einer Bildidee – und schlägt ihm ins Gesicht. Weil der rabiate Antisemit dem jüdischen Kollegen eine Entschuldigung verweigert, muss er die Villa Massimo verlassen – und mit ihm Nussbaum und seine polnische Lebensgefährtin Felka Platek. Die Deutsche Akademie Villa Massimo, so will es Reichspropagandaminister Goebbels, soll judenfrei in die Zukunft gehen. Wo Hitlers Haus- und Hofbildhauer Arno Breker ein und aus geht, da darf kein Jude wie Nussbaum sein. Am 17. Mai 1933 reisen Felka und Felix aus Rom ab. Was sie nicht ahnen: Es ist der Beginn einer Odyssee, die sie knapp elf Jahre später in den Tod führen wird.


Nein, nach Deutschland können sie nicht zurück. Bereits 1929 hatte der Osnabrücker Stadt-Wächter Hetztiraden gegen den missliebigen Maler in die Welt gesetzt: «Das Gepinsel des Juden Nussbaum hat mit Kunst nichts zu tun.» So irren Felix und Felka fortan durch Europa, plötzlich heimatlos geworden. Aber nirgendwo werden sie mehr Wurzeln schlagen: nicht in Alassio, an der italienischen Rivera, nicht in Rapallo, nicht in Ostende oder Brüssel. Eine nervliche Zerreißprobe für Felix und Felka, die – als ein trotziges Zeichen der Hoffnung – im Oktober 1937 heiraten. 


Von Fremdenpass zu Fremdenpass, ein Leben aus dem Koffer: immer bedrängt, immer bedroht. Exilstation reiht sich an Exilstation, zur Ruhe kommen sie nicht, weil Hitlers Truppen eine Grenze nach der anderen überrennen, Polen, Luxemburg, Belgien, Niederlande, Frankreich. Kein Ausweg nirgends; irgendwann können auch ihre belgischen Freunde sie nicht mehr vor der Gestapo und ihren einheimischen Schergen schützen.


Vielleicht hätte Palästina auch für Felix und Felka das rettende Ufer bedeutet. Ihr Osnabrücker Freund Fritz Steinfeld bedrängt sie, endlich das sich in das Unvermeidliche zu fügen und mit Hilfe zionistischer Organisationen Kurs auf ein neues, sicheres Leben in Palästina zu nehmen. Aber nicht nur für Felix, auch für Felka ist das keine Alternative: «Ach, Fritz. Vielleicht kommen wir ins Land. Aber was können wir dort machen. Landarbeiter im Kibbuz sein. Malen nicht.» Als belgische Polizisten Nussbaum festnehmen («feindlicher Ausländer»), ist das der Anfang vom Ende. Saint-Cyprien, Mechelen, Auschwitz …

«Mein Herz ist schwer und aller Hoffnung bar»


Schädlich montiert Briefe Nussbaums in seinem immer knapper, lakonischer werdenden Text, ein Minimalismus nahe der Schmerzgrenze. Je karger der Ton, umso spürbarer die panische Angst vor dem Abgrund, dem Ende aller Hoffnungen. Schädlichs Novelle endet mit einem Traum des Malers, kurz vor der Deportation nach Auschwitz: Felix Nussbaum träumt von einer großen Werkausstellung seiner Bilder in Paris, vom «Selbstbildnis mit grünem Hut» von 1927 bis zum «Triumph des Todes» vom April 1944. Fiebernd erinnert er sich auch an jene Bilder, die bei dem von Nazi-Fanatikern befohlenen Brand seines Berliner Ateliers in Flammen aufgingen.


Mit dem 26. und letzten Transport aus dem belgischen Sammellager Mechelen beginnt die letzte Reise des jüdischen Künstlerpaars. Insgesamt sind es 25.124 Juden und 351 Roma, die, flankiert durch willfährige belgische Behörden, in die Nazi-Vernichtungslager geschafft werden. Fast die gesamte Familie von Felix und Felka wird ermordet, die meisten im KZ Auschwitz, andere in Stutthof. Felkas Eltern Leon und Salomea Platek gelten als verschollen.


Erst 1970 kommen Felix Nussbaums Bilder aus dem Exilland Belgien nach Osnabrück zurück. Seit 1998 sind sie in dem von Stararchitekt Daniel Libeskind errichteten Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück zu sehen: als eines der beeindruckendsten Zeugnisse für das Jahrhundertschicksal Exil und Holocaust.

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