31.08.2015   von rowohlt

Oliver Sacks ist tot

Der große Arzt, Seelenforscher und Geschichtenerzähler starb im Alter von 82 Jahren

© Dirk Reinartz
© Dirk Reinartz

1933 als Sohn eines jüdischen Ärztepaares in London geboren, war Oliver Sacks der Weg in einen naturwissenschaftlichen Beruf früh vorgezeichnet. Als Kind versenkte er sich in seinem chemischen Labor in die verborgenen Zusammenhänge der Welt – und wäre am liebsten selbst ein großer Chemiker geworden, zur Not auch Meeresbiologe. Aber als er vierzehn war, stand fest, dass auch er Arzt werden würde. Mit 27 Jahren verließ er Großbritannien; nach wilden Jahren in San Francisco und Los Angeles fand er schließlich an der Beth-Abraham-Klinik in der New Yorker Bronx zu seiner Bestimmung. Die Hollywood-Verfilmung seines Erstlings  «Awakenings – Zeit des Erwachens» (1991) mit Robert de Niro und Robin Williams machten ihn berühmt, seine neurologischen Fallgeschichten zu einer medizinisch-literarischen Institution.

Aus den Nachrufen

Süddeutsche Zeitung: «Der menschenfreundlichste Arzt seit Sigmund Freud. Er erforschte seltene Krankheiten, experimentierte mit LSD und erfand den Roman in Pillenform. Oliver Sacks war als Arzt wie als Schriftsteller ein Wunderkind und Menschenfreund.»


Der Tagesspiegel: «Für Oliver Sacks war alles Wissenschaft, alles liebevolle Beobachtung der menschlichen Existenz. (…) Der Neurologe und Schriftsteller führte ein Leben voller Gegensätze. Einsam und gesellig, gelehrt und körperbetont, analytisch und poetisch, zurückhaltend und übersprudelnd.»


taz. die tageszeitung: «Was Sacks von anderen Autoren aus der Medizin unterschied, war sein verblüffend fesselndes Talent zum Erzählen.» 

«Ich würde gern den Himmel sehen, wenn ich sterbe»

Als Neurologe machte Sacks sich auf die Suche nach den Kunstwerken und Partituren in den Köpfen der Menschen; geistige Störungen, das Abweichen von der Norm faszinierten ihn. Aus seinen Texten spricht die Ehrfurcht vor der Krankheit, Toleranz und Einfühlungsvermögen – jene Empathie, die er auch in seinen Therapien an den Tag legte. Sacks rückte den ganzen Menschen in den Mittelpunkt, der seine Krankheit unter Umständen braucht und dessen Heilung fatal wäre. In den Gegensätzen von krank und gesund, normal und verrückt zu denken war ihm fremd.


Seine Neugier konnte sich auf alles und jedes richten: Er forschte, wie Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung berichtet, über Migräne ebenso wie über Farne in Mittelamerika, Zwillinge, Vulkane, vorkolumbianische Siedlungsformen: «Ich sehe mich als Naturalist und Entdecker.» Er liebte das Schwimmen und war jahrelang ein wilder Motorradfahrer und leidenschaftlicher Gewichtheber. Seine Selbstexperimente mit LSD und Amphetaminen waren, wie er in seiner Autobiografie eindrucksvoll beschreibt, ein Ritt auf der Rasierklinge.


Ihm war nichts Menschliches fremd, und doch stand er erst in seiner vor wenigen Monaten erschienenen Autobiografie «On the move – Mein Leben»  öffentlich zu seiner Homosexualität. Am 30. August 2015 ist der große Arzt und Menschenfreund in New York an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben. Sein letzter Wunsch: «Ich würde gern den Himmel sehen, wenn ich sterbe.»

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