11.09.2015   von rowohlt

Oakland, Ostberlin, Bolivien

Jonathan Franzens großer neuer Roman: das 800-Seiten-Panorama eines halben Jahrhunderts

© Beowulf Sheehan
© Beowulf Sheehan

Purity Tyler hasst ihren Vornamen – wer will schon «rein» sein? Pip, wie sie von allen genannt wird, weiß weder, wer ihr Vater ist, noch weshalb ihre Mutter ein Freakleben führt. Auf Umwegen lernt sie einen Deutschen kennen, von dem sie sich Hinweise auf ihre Herkunft erhofft: Andreas Wolf, abtrünniger Sohn eines DDR-Politfunktionärs, ist nach dem Fall der Mauer als Whistleblower weltberühmt geworden. Pip bricht nach Bolivien auf, von wo aus der mit Haftbefehl Gesuchte seine Enthüllungsplattform «Sunlight Project» organisiert …


«Unschuld», glänzend übersetzt von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld, ist Jonathan Franzens Opus magnum. Ein Roman über familiäre Abgründe, das Internet und den Kampf zwischen den Geschlechtern – ein Buch mit dem «Anspruch, den Geist einer Epoche einzufangen» (Berliner Zeitung).

Stimmen zum Buch

Der Spiegel: «Den neuen Roman von Jonathan Franzen nur ein ehrgeiziges Projekt zu nennen, wäre die Untertreibung der Saison. Es ist ein Wirbel aus großen Fragen, großen Themen, großen Ereignissen.»


FAZ: «‹Unschuld› ist ein komplexer Roman voller Anspielungen und Referenzen, dessen aufwendige Konstruktion fast unsichtbar bleibt.»


Der Tagesspiegel: «Franzen kann wie kaum ein anderer auf Tempo schreiben, seitenlang durch Dialogwolken rauschen, ohne die Zügel aus der Hand zu geben … Es ist Szene für Szene von einer Intelligenz, die sich sogar an Ereignisse wie den Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße 1990 herantraut. Wer hätte jemals gedacht, dass sich als erster ein Amerikaner an sie wagen würde?»


Spiegel Online: «Jonathan Franzen kann so fesselnd und scharf und klug erzählen, dass man ihm gern folgt, wohin auch immer.»


Süddeutsche Zeitung: «‹Unschuld› ist Campus-, Bildungs- und Berlin-Roman in einem, Polit-Thriller und Pamphlet, alles gleichzeitig, und nebenher auch ein Buch über den Journalismus.»


Rolling Stone: «‹Unschuld› ist ein überwältigendes Leseerlebnis.»

Unschuldig ist hier keiner

Volker Weidermann bemerkt im SPIEGEL, in «Unschuld» gehe es praktisch um alles. Um Stasi-Terror, sexuellen Missbrauch, Datenwahn im Intenet, Veganismus, WikiLeaks, Julian Assange und Edward Snowden, Feminismus und Antifeminismus, Sexsucht, Widerstand in totalitären Strukturen. Und natürlich um all das, was man in Ingmar Bergmans Film «Szenen einer Ehe» so unvergesslich und so unerträglich brillant fand. Was er zeigen wolle, erklärt der Autor im Interview, sei der «komplette Schiffbruch in all seiner Brutalität». Wie Jonathan Franzen in diesem aus sieben novellenartigen Unterbüchern bestehenden Roman all seine Figuren und Themen erzählerisch zusammenbringt, ist phänomenal:


Andreas Wolf, Jahrgang 1960.  (Fiktiver) Neffe zweiten Grades des (realen) DDR-Spionagechefs Markus Wolf. Andreas' Eltern zählten in der DDR zur Elite: der Vater Staatssekretär, die Mutter linientreue Anglistikdozentin. Wegen seines Hangs zu regimekritischen Gedichten findet er Unterschlupf in einer Kirche, wo er an seinem Dissidenten-Image feilt und reihenweise junge Mädchen verführt. Nach dem Fall der Mauer wird er mit dem weltweit operierenden «Sunlight Project» in der bolivianischen Hochebene und einer ganzen Hacker-Armada zu einem der bekanntesten Whistleblower – und zum Gegenspieler von WikiLeaks-Guru Julian Assange. Aber der «blonde Prinz der Karl-Marx-Allee» schleppt ein düsteres Geheimnis mit sich herum, das nur einer kennt:


Tom Aberant, Chefredakteur des Online-Pressedienstes Denver Independent. Damals, in Ostberlin, wurde der amerikanische Investigativjournalist zum Mitwisser einer Mordtat: Um der unnahbaren, berückend schönen Annagret zu helfen, hat Andreas ihren pädophilen Stiefvater (und Stasispitzel) erschlagen. Auch wenn die Tat unentdeckt blieb: Als Mitwisser des Mordes ist Tom Aberant ein Leben lang an Andreas Wolf gekettet.


Purity «Pip» Tyler. Die 23-jährige Pip ist klug, lustig und erfrischend aufmüpfig. Sie lebt mit einer bunten Schar von Weltverbesserern in einem besetzten Haus in Oakland, Kalifornien, jobbt als Telefonvermarkterin für Ökostrom. Das Drama, die Leerstelle ihres Lebens ist der unbekannte Vater – ihre Mutter Anabel weigert sich, den Namen ihres Erzeugers preiszugeben. Die Suche nach ihrem Vater,  dem großen Unbekannten, treibt sie in die Arme des charismatischen Deutschen. Als Praktikantin des «Sunlight Project» soll ihr Wolfs Spionagesoftware den Weg zu ihrem Vater bahnen …


Anabel  Laird: Pips Mutter, Möchtegern-Avantgardekünstlerin und Feministin von militant-moralischem Zuschnitt. Um ihrer milliardenschweren Familie zu entkommen, erzieht sie ihre Tochter in Armut. Anabels ethischer Rigorismus, ihre erdrückende Mutterliebe treiben Pip von ihr fort, in vier exzessive Collegejahre hinein, an deren Ende sie mit einem Schuldenberg von 130.000 Dollar dasteht.

Geheimnis und Verrat, Schuld und Kontrollwahn

Wer «Korrekturen» oder «Freiheit» gelesen hat, kennt Jonathan Franzen als streitbaren, temperamentvollen Geist. Bekanntlich kann der bekennende Traditionalist, der Facebook- und Twitter-Verächter Franzen mit dem Social-Media-Hype nichts anfangen, auch mit Umweltschützern, wütenden Feministinnen, Oprah Winfrey und dem Chefkritiker der New York Times hat Franzen sich angelegt.  Viel Feind, viel Ehr.  


Es stört ihn nicht, dass seine Internet-Aversion von vielen als konservative Kulturkritik attackiert wird, im Gegenteil. «Die IT-Industrie ist eine Fabrik für Idiotie und falsche Versprechen», erklärt Jonathan Franzen kurz und bündig. Überraschend kommt die These von der Wesensähnlichkeit von DDR und Internet als zwei totalitären Systemen also nicht daher: So wie die untergegangene Ulbricht-Honecker-Republik ihre Bürger eingesperrt habe, so freiheitsbedrohend sei das Netz mit seinem totalitären Datenzugriff auf unsere Existenz. Eine Analogie, so waghalsig wie faszinierend:


«Man konnte mit dem System kooperieren oder es ablehnen, aber was überhaupt nicht möglich war, ganz gleich, ob man ein sicheres, angenehmes Leben genoss oder im Gefängnis saß, war, gar nicht mit ihm in Beziehung zu treten. Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet.»

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