19.02.2020   von rowohlt

Reise ins Vaterland

Ein Vater auf der Flucht, eine Tochter auf der Suche: In ihrem autofiktionalen Roman «Dad» bricht Nora Gantenbrink auf in die Welt eines Abwesenden, füllt Worte in die Leerstellen ihrer Kindheit und merkt: Nichts im Leben ist egal. Ein Buch über nachträglich gestellte Fragen und eine späte Versöhnung.

Ein paar alte Postkarten und Fotos, ein Elefantenhaarring aus Indonesien und die eigenen Kindheitserinnerungen sind das Einzige, was Nora Gantenbrink lange Zeit von ihrem Vater hatte. Ihre Eltern trennten sich, als sie vier Jahre alt war. «In meiner Erinnerung war mein Vater sehr lange nicht da, bis zu dem Zeitpunkt, als er krank war und da sein musste. Dann ist er relativ schnell an Aids gestorben», erzählt die 34-Jährige. Damals war Gantenbrink 18. Sie sagt: « «Dad» ist mein erster Roman und das Buch, das ich schreiben musste. Ich habe sehr lange so getan, als sei mir meine Vergangenheit egal. Doch irgendwann musste ich mir eingestehen, dass nichts im Leben egal ist.» 
Durch das Schreiben begann sie, die Leerstelle ihres Lebens mit Worten zu füllen. Ein Prozess, der vier Jahre brauchte – auch weil Gantenbrink «Dad» neben ihrem Vollzeitjob als Journalistin beim Stern schrieb. Ihr war es wichtig, ein Buch zu schreiben, in dem es nicht nur um sie selbst geht: «Ich glaube, dass Sprachlosigkeit in Familien und das Füllen identitärer Leerstellen Themen sind, die auch andere Menschen bewegen.»  Ursprünglich arbeitete Gantenbrink bereits an einem anderen Buch. Ein Kneipenkammerspiel, dessen Protagonisten am Tresen sitzende 60-jährige Männer sein sollten. «Je länger ich daran schrieb, desto klarer wurde mir, dass ich keine Ahnung von 60-jährigen Männern hatte.» Währenddessen kam ein anderer Stoff an die Oberfläche – die Geschichte ihres Vaters. 

Leben in der Leerstelle

Die inhaltlichen Eckpfeiler des Romans stimmen. «Dad» enthält autobiographisch inspirierte Passagen, aber auch eine Erzählebene, die komplett fiktional ist. Mit ihrem Roman geht Gantenbrink den Fragen ihres eigenen Lebens nach: «Kann man sich spät versöhnen, und lassen sich Fragen im Nachhinein beantworten?»
Genau wie Gantenbrink selbst, begibt sich Marlene, die Protagonistin in «Dad», auf die Spuren ihres abwesenden Hippie-Vaters. «Das Problem an abwesenden Vätern ist ja, dass man in der Zeit, in der sie abwesend waren, wenig Informationen über sie hatte. Diese Leerstellen wollte ich mit meiner Recherche füllen», sagt Gantenbrink. Sie sprach  mit alten Freunden ihres Vaters, erfuhr, an welchen Orten er sich während seiner Reisen aufhielt, und reiste nach Marokko, Thailand und Indien. «Auf diesen Reisen habe ich gelernt, dass Erinnerung nichts ist, woran man sich festhalten kann.» Während der Recherchen verschwammen für Gantenbrink oftmals Dichtung und Wahrheit, insbesondere bei den Goa Freaks in Indien, denen sich ihr Vater einst anschließen wollte.

Graue Heimat 

Was diese Reisen ihrem Vater bedeuteten, kann Nora Gantenbrink nur vermuten. «Darüber haben wir leider nie gesprochen. Ich glaube, er hat versucht, der Enge seines Elternhauses und des väterlichen Wurstwarenladens im Sauerland zu entkommen, den er übernehmen sollte.» Ein Gefühl, dass sie selbst gut kannte. Als Jugendliche arbeitete sie in einer Schraubenfabrik. «Die Menschen dort sortierten den ganzen Tag Schrauben, und gefühlt hatten sie auch die Gesichtsfarbe von Schrauben. Wäre ich dort geblieben, wäre ich wahrscheinlich einfach grau angelaufen. Jedes Mal wenn ich diese Fabrik verlassen habe, dachte ich, man müsste sich eigentlich aufs Moped setzen und bis nach Spanien fahren.»

Glaube, Liebe, Hamburg

Aus der Enge ihrer Heimatstadt kam Gantenbrink mit 24 Jahren nach Hamburg, um an der Henri-Nannen-Schule zu studieren. Welche Headline sie über ihr Leben setzen würde? «Stillstand ist der Tod. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes.» Hamburg war für sie immer mit Hoffnung verknüpft. «Ich hoffte vor allem auf Platz für Gedanken, auf Raum für unterschiedliche Lebensmodelle und Sehnsüchte. Denn dort wo ich aufgewachsen bin, hatte das Leben wenig Schattierungen.» Im Sommer fährt Gantenbrink gern in ihrem alten Opel Rekord über die Köhlbrandbrücke. Manchmal steht sie am Hafen und denkt: «Wenn ich jetzt auf dieses Containerschiff aufspringen würde, könnte ich bis nach China reisen.» 
Während für ihren Vater vor allem Ausbruch und Flucht ein Leitmotiv waren, scheint es in Gantenbrinks Leben vor allem um Bewegung und Aufbruch zu gehen. Sie passt gut in diese Stadt. Ihre Stimme ist rau und sanft zugleich, die Sprache, die sie benutzt ist angenehm kantig und klar. Manchmal knallen ihre Worte wie Container vom Haken eines Hafenkrans in den Raum: «Auch wenn die Reeperbahn inzwischen sehr kommerzialisiert ist, gehe ich dort gern sonntagsmorgens spazieren. Dieser ekelerregende, widerwärtige Geruch, der an warmen Sommertagen vom Teer aufsteigt, diese Mischung aus vergorenen Caipirinhas, Kotze, Pisse und Rotz – das liebe ich.»

Phantastische Fluchten

Spricht Nora Gantenbrink über ihren Vater, bekommt ihr Erzählen etwas sanftes und vorsichtig Tastendes. Das Schreiben von «Dad» habe sie ihrem Vater nähergebracht und ihr einen anderen Blick auf ihn ermöglicht. Sie sagt: «Ich finde, er hat es übertrieben und war nicht der Vater, den ich mir gewünscht hätte. Aber auf eine gewisse Weise bewundere ich ihn für seine Phantasie, für seinen starken Willen, Dinge anders zu machen, und dafür, dass er sich gegen die Regeln der Gesellschaft gestellt hat.»
Neben den Reisen war für ihren Vater auch Literatur eine Fluchthilfe aus seinem Alltag. In Gantenbrinks Kindheitserinnerung hatte er stets ein Buch in der Hand. «Die Bücher, die er laß waren immer wahnsinnig dick. Am liebsten mochte er Literatur über fremde Welten, Drogen oder die Mafia. Aber auch Titel von Carlos Castaneda, der sich seine Erfahrungsberichte ausgedacht haben soll», erzählt sie. Einige dieser Bücher las Gantenbrink im Rahmen ihrer Recherche selbst. Was sie darin über ihren Vater lesen konnte? «All diese Bücher handeln letztendlich von Reisen und Aufbruch und irgendwie immer auch von Flucht», sagt Gantenbrink. «Ich glaube, mein Vater mochte es spannend und schmückte die Realität gern aus. Im Zweifel entschied er sich oft gegen die Wahrheit und für die gute Geschichte.»

Gantenbrinks Traum  

Es sind die Liebe zur Literatur und das erzählerische Talent, die Gantenbrink und ihr Vater gemeinsam haben. «Genauso wie er lese ich gern Bücher, genauso wie er in der Kneipe stand und sich Geschichten ausdachte, schreibe ich Literatur. Die Fähigkeit zu erzählen ist eine Sache, die uns verbindet.» So bunt und schnell wie Kolibris flattern ihre Sätze mal halb, mal ganz aus ihr heraus. Ein Mensch, mit dem man in einer verrauchten, durcherzählten Nacht am Kneipentresen gut und gerne die Zeit vergessen will. 
Könnte Gantenbrink ihrem Vater noch eine Frage stellen, würde sie gern wissen, wovor er eigentlich genau geflohen ist und warum er sich nie getraut hat, seine Träume zu verwirklichen. «Mein Vater träumte immer davon, einen Buchladen zu eröffnen – im vorderen Teil wollte er Bücher verkaufen, im hinteren Teil Gras.» Er hat diesen Buchladen nie eröffnen können. Mit ihrem Roman hat Nora Gantenbrink das Bild ihres Vaters an den Ort gebracht, von dem er immer träumte – in den Buchladen. «Das gefällt mir, und ich glaube, das hätte ihm auch gefallen.» Das Schreiben von «Dad» hat sie nachträglich mit ihm versöhnt: «Es fühlt sich okay an, an ihn zu denken. Ich mag ihn, obwohl er ein Idiot war. Und das ist ja schon gut.»

Dad

Dad

«Dad» ist ein Roman über einen Hippie-Vater, aber auch eine Reise in das Deutschland der 60er, 70er, 80er, 90er und Nullerjahre, in die Maghreb-Staaten und in viele Winkel Asiens. Die Ehe der Eltern, den Vater, die Wurstwarendynastie, aus der er stammte – das alles gibt es nicht mehr. Geblieben sind Geschichten von Drogentrips. Oder wie «Dad» als ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 240
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-02535-9
18.02.2020
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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