20.01.2015   von rowohlt

Nicht nur im Hier und Jetzt – Wolfgang Büscher in Jerusalem

«Wolfgang Büscher ist der einzige relevante Romantiker deutscher Zunge.» (Eckhard Fuhr) «Seit Jahren hat niemand in Deutschland eine solche Prosa geschrieben.» (Werner Herzog)

© iStockphoto.com
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«Vor allem danke ich Jerusalem,» schreibt Wolfgang Büscher am Ende seines wunderbaren Reiseberichts Ein Frühling in Jerusalem. «Es mag seltsam sein, eine Stadt anzusprechen wie eine Person, aber nach einer gewissen Zeit des Zögerns und der Prüfung hatte ich das bestimmte Gefühl, Jerusalem habe sich entschieden, sich mir zu zeigen. Kehrte ich je von einer Reise so reich beschenkt heim wie von dieser?»


Es ist ein einzigartiges Reiseabenteuer, geschrieben von einem der besten Stilisten der deutschen Sprache. Wer andere seiner Reisebücher kennt, Berlin – Moskau etwa,Deutschland, eine Reise oder Asiatische Absencen, der kennt diesen speziellen Büscher-Sound: sinnlich, schwebend, poetisch verdichtet, präzise in den Details.

Im Hier und Jetzt und Gestern

Büscher hat zwei Monate in Jerusalem gelebt: Erst in einem arabischen Hotel am Jaffator, dann in einem griechischen Konvent aus der Kreuzritterzeit. In diesen Wochen voller unvergesslicher Eindrücke und Begegnungen ist er in Jerusalems lebendige Gegenwart und seine einzigartige Vergangenheit eingetaucht – hier, wo Mythos und Mysterium im Stein gewordenen Neben- und Gegeneinander der großen Weltreligionen verschwimmen.
Schon am Flughafen zeigt sich, wohin die Reise geht: «die einen fuhren zum Feiern nach Tel Aviv, die anderen fuhren zum Beten nach Jerusalem.» Der deutsche Reisende wird in Jerusalem von einer irritierenden Wetterkonstellation empfangen: «schwefliges Unheilslicht … Vielleicht auch der Chamsin, versuchte ich mich zu beruhigen, der Wind aus der Wüste, der Jerusalem immer wieder in seinen gelben Dunst hüllt und das Gemüt auch, der Idiotenwind, der einen Schweif von Verrücktheit nach sich zieht.»
Von seinem kargen Zimmer am Jaffator aus erwandert sich Wolfgang Büscher die Stadt. Wandert durch die stillen Treppengassen, «in denen, während hoch am Himmel der Tag in verschwenderischen Farben verglüht, schon die Nacht steht». Kein Weg, der nicht irgendwann zu den vielen heiligen Orten führt. Eine Stadt – im Sinne eines halbwegs geplanten und planbaren menschlichen Miteinanders – ist Jerusalem damit noch lange nicht. «Ein Brot ist Jerusalem, ein hartes Brot, gebacken nach uraltem Rezept, gewürzt mit Geschichten, Geheimnissen, Prophetien.»
Aber auch das Weltliche ist mit schriller Lautstärke jederzeit präsent, nicht nur in den Souks. Die meisten Straßenhändler sind Moslems, was sie weder hindert, alle gängigen Kippa-Sorten zu führen noch T-Shirt mit wilden Kreationen, wie «Guns N' Moses». Dazu original beduinische Teppiche, garantiert russische Ikonen, und alles mit «special prize, Sir!» Jerusalem, made in China. Die Menschen müssen irgendwie leben, schließlich hat ihre Stadt wenig Monetarisierbares zu bieten. Kein Öl, keine Bodenschätze, dafür aber «Heiligkeit für den Rest der Welt».

Heiligkeit für den Rest der Welt

Golgatha und Tempelberg, Klagemauer, Felsendom, al-Aqsa-Moschee, Ölberg und Garten Gethsemane, die Religionsschulen, Klöster und Pilgerherbergen, alles auf engstem Raum gedrängt, Jüdisches und Moslemisches, Griechisches und Armenisches, Völker und Religionen Seite an Seite. Kein Wunder, dass Jerusalem vielen als der explosivste Ort der Welt gilt – Jerusalems Steine vergessen nichts. «Das Arabische ist der Mörtel des alten Jerusalem. Das, was immer da ist, der Sand in den Ritzen, der Sound in der Luft.»
Der Schlüssel zu Jerusalem – Wasif Jawharriyyeh, der legendäre Oud-Spieler und Geschichtenerzähler, glaubte ihn gefunden zu haben. Das Mysterium, das Faszinosum Jerusalem erkläre sich aus seiner natürlichen Lage als hochgelegen Stadt im kargen Judäas. «Kein Strand, keine Quelle, kein Fluß, kein Meer, kein Wald – nur Klöster, Kirchen, Moscheen und Synagogen.» Wenn man sonst nichts in die Waagschale des freien Marktes zu werfen hat: Heilige Stadt sein, das ist nicht der schlechteste USP. 
Die Araber sitzen am längeren Hebel, davon ist zumindest Charly Effendi überzeugt, Büschers armenischer Freund und Führer durch diese faszinierende, schwer zu verstehende Stadt. Christen stünden in Jerusalem auf verlorenem Posten: «Die Araber haben Zeit. Sie sind viele Millionen, darum sind sie so ruhig. Es ist die Wüste, sie kommen aus der Wüste. Sie haben die Geduld der Wüste, sie wissen, daß sie viele sind. Wir haben keine Zeit, wir sind die Letzten. Wir spielen keine Rolle mehr, keine, die unserer Geschichte entspräche. Alles, was wir haben, ist ein gewisser Stolz auf das Heilige Grab. Ich habe mein Leben lang gelesen, geforscht und geschrieben, ich wollte uns wenigstens dokumentieren, uns nicht spurlos verschwinden sehen.»

Adieu Jerusalem – Lauter Abschiede

Der Reiseschriftsteller Wolfgang Büscher beherrscht wie kaum ein anderer die Kunst, die Stimmung, die Stimmen, den Sound einer Stadt oder einer Landschaft lebendig zu machen. Und uns Menschen zu zeigen (wie den weisen Armenier Charly Effendi), die Spuren in uns hinterlassen. Als Büscher nach zwei Monaten Jerusalem sich für die Heimkehr rüstet, lässt er die Stadt mit ihren faszinierenden, verwirrenden, erschreckenden Facetten noch einmal an sich vorüberziehen – und kostet noch einmal den «Bittermandelgeschmack» der Geschichten, die Ada, Nora und Effendi preisgeben.
«Noch einmal das Jaffator zur Zeit des Abendlichts, noch einmal den Stein berühren, der die Weichheit eines lebenden Körpers haben und leuchten konnte wie liebende Haut. Täuschte ich mich, oder wehten wieder Fetzen von Klavierläufen herüber, war es der Weltenwanderer in seiner Rumpelkammer oder nur ein Radio in einem offenen Fenster?
Noch einmal die arabischen Gewölbe, in denen Männer die Nargileh rauchten, die Glut der Kohlehäufchen im Halbdunkel, die auflodernden Flammen der Gaskocher in den Höhlen der Kaffeesieder.
Noch einmal der Blick vom k.u.k. Dach auf die goldene Kuppel, die graue Kuppel, noch einmal im Vorhof der Grabeskirche in der Sonne sitzen und zusehen, wie alle Welt zur Ungeheuerlichkeit des leeren Grabes drängt. Noch einmal Abu Salomon an seinem Tisch im Trubel des Muristan …»

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