09.10.2017   von rowohlt

«Neunauge ist nicht tot»

Till Raethers virtuoser neuer Adam-Danowski-Krimi: «Kaum jemand in diesem Genre schreibt so klug, so menschlich, so schön» (Brigitte)

© iStockphoto.com
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In Kellern von Hamburger Schulen werden mumifizierte Tote entdeckt. Zur Unterstützung der lokalen Ermittler wird der bayerische Star-Fallanalytiker Martin Gaitner angefordert – sehr zum Leidwesen von Hauptkommissar Adam Danowski.  Er kann Gaitner nicht ausstehen und zweifelt auch an der Theorie des Kollegen – ein zu Schulzeiten traumatisierter Einzeltäter? Danowskis  Gefühl sagt ihm etwas anderes. Alles wird nicht gerade einfacher dadurch, dass seine alte Kollegin Meta Jurkschat früher mit einem der Opfer liiert war. Währenddessen macht sich in der Stadt Panik breit: Keller werden durchsucht, Schüler ¬beurlaubt, die Senatsverwaltung erwägt Sonderferien, quasi «Leichenfrei». Am Ende steht eine Entdeckung, die die Ermittler in einen Abgrund blicken lässt.



Bernhard Aichner: «Dieser Ermittler hat so viel Gefühl, dass es einem beinahe wehtut – Adam Danowski ist eine herausragend Figur im Krimi-Dschungel.»
Der Tagesspiegel: «Danowski ist eine ausgesprochen interessante Type. (…) Da merkt man dem Journalisten Raether den trainierten Blick für interessante Leute an.»
Stern: «Raethers Krmi liest sich wunderbar, weil er in lakonisch-souveränem Stil Menschen beschreibt, in deren Gefühlswelt wir uns trotz aller Verfehlungen gut wiederfinden können.» (über Fallwind)
NDR: «Spannend, wunderbar dicht geschrieben, mit vielen interessanten Einblicken in die Abgründe der Psyche.» (über Fallwind)


«Und dann mache ich dich fertig ...»


Es ist Abneigung auf den ersten Blick. Als Martin Gaitner zu seinem Antrittsbesuch ins Büro der Operativen Fallanalyse (OFA) am Landeskriminalamt Hamburg kommt, ist für Adam Danowski klar: Mit diesem selbstherrlichen «Arschloch aus München», Fallanalytiker und gefeierter Sachbuchautor (Spezialgebiet: Mobbing) würde er am liebsten nichts zu tun haben – eigentlich. Geht aber nicht, schließlich wurde bereits der zweite mumifizierte Tote ans Tageslicht befördert (eine dritte kommt kurze Zeit später noch dazu). Aber Danowski, der Dünnhäutige, der «Hypersensible», will und darf sich nicht mehr aufregen – eigentlich.


«Nach seinem Zusammenbruch vor zwei Jahren hatte Danowski sich vorgenommen, sich vor allem darauf zu konzentrieren: Zufriedenheit. Und die Arschlöcher Arschlöcher sein zu lassen, so egal, wie sie waren. (…) Danowski hatte sich neu erfunden, er lernte gerade, sich auf das Positive zu besinnen, jeden Tag. Aber daran, dass er sich immer wieder sagen musste, dass er sich neu erfunden hatte, merkte er, dass es bisher nicht so ganz geklappt hatte. Die These der Therapeutin war, dass er möglicherweise weniger hypersensibel war, sondern eher leicht depressiv. Er störte sich am Attribut ‹leicht› vor ‹depressiv›: Konnte er nicht einmal ganz regulär bekloppt oder okay sein, ohne weitere Einschränkungen?» 


Adams Wiedereingliederung nach dem langen Aufenthalt in der Kurklinik hatte gedauert. Viele fanden, Adam sehe entspannter aus, gelassener. Und deutlich grauer. Der neue Adam machte Sport und Selbstverteidigung, führte auf Anraten seiner Therapeutin ein Glückstagebuch, kurz: Er achtete sorgsam auf sein inneres Gleichgewicht; um es mit einem genialen Buchtitel zu sagen: «Immer schön die Ballons halten». Und noch etwas hat Adam entschieden: Um nicht Tag für Tag auf dem Weg zur Arbeit von Finkenwerder in die Innenstadt im Stau festzustecken, hatte er in Präsidiumsnähe eine kleine Wohnung angemietet. Sein Zweitdomizil brachte zwar mehr Ruhe in Adams Leben – cool fanden seine «Mädels» das Arrangement aber nicht.


Zwei mumifizierte Leichen in Hamburger Schulkellern – diese Nachricht hatte die Hansestadt aus ihrem behäbigen Trott gerissen. Panische Eltern, verstörte Schüler, ratlose Lehrer – eine PR-Katastrophe für die Schulbehörde. Frank Jablonski, der erste Tote war im März in Hamburgs Nordosten, in Tonndorf, an der Gesamtschule an der Pulvermühle, entdeckt worden. Merkwürdigerweise hatte Jablonskis Frau ihren nach einen Mann nie für tot erklären lassen. der zweite Leichenfund  Das andere Opfer, Thorsten Stahmer,  Fitnesstrainer und Outdoor-Freak, war zuletzt vor zwei Jahren gesehen worden. Seine mumifizierten Überreste waren in einem Kellergewölbe des Gymnasiums Klein-Flottbek gefunden worden. 


Vermutlich sei Stahmer bei einer Bergwanderung in Patagonien verschollen, hieß es nach seinem plötzlichen Verschwinden damals. Stahmer war mit Hauptkommissarin Meta Jurkschat befreundet gewesen, Danowskis Lieblingskollegin und Lebensgefährtin seines Freundes und Ex-Partners Finzi. Auch wenn Stahmer und sie längst getrennt waren – Meta bittet Adam, diese Information aus den offiziellen Ermittlungen herauszuhalten. Aber weshalb? Finzi und Adam spüren, dass sich dahinter mehr verbergen muss als der Wunsch, ihre Bewerbung für eine Leitungsstelle in der Polizeibehörde nicht zu gefährden. 

Die Waldheim-Toten


Eine erste vielversprechende Spur ist das Tattoo, das sich Jablonski hatte stechen lassen: Ex silves – Aus den Wäldern. Das Motiv verweist auf ein berüchtigtes Landschulheim, Waldheim genannt. Die Ermordeten kannten sich offensichtlich von Kindesbeinen an. Was ist damals in Waldheim passiert? Und weshalb befinden sich im Nacken der beiden Opfer winzige Bissspuren eines seltenen Fischs: Petromyzon marinus, Neunauge? «Ein kieferloses Wirbeltier … , schaut ein bisschen aus wie ein Aal, bis auf die neun Kiemenöffnungen am Rand und eben das Rundmaul mit den Hakenzähnen. Jedenfalls hat uns jemand einen Gefallen getan. Der Täter hat seine Opfer gekennzeichnet.»


Einen entscheidenden Hinweis steuern die Experten der Kriminaltechnik bei. Die Frage ist doch: In welcher Umgebung wird der der Verwesungsprozess eines Körpers außer Kraft gesetzt? Kurz: Wie ist es möglich, dass Leichen auch nach Jahren noch nicht zerfallen sind?  «Mumifizierung war eine natürliche Leichenkonservierung. die eintrat, wenn die Austrocknung des Körpers schneller voranschritt als die Leichenzersetzung durch Fäulnis. Dafür brauchte es magere Leichen in trockenem, luftigem Milieu. Dachböden. Schuppen oder Scheunen. Lüftungsschächte. Kellerräume, durch die der Wind pfiff … Schulkeller.» 


Schulkeller! Die Jagd ist eröffnet. Aber dann passiert etwas, was den Fall um die mumifizierten Toten in ein anderes Licht rückt. Tugba Schelzig, eine altgediente Lehrerin, überwindet ihre Skrupel und erzählt von einer irritierenden Beobachtung, die sie vor Jahren am Rande einer Veranstaltung in ihrer Schule gemacht hatte. Eine Beobachtung, die jetzt, wo in den Kellern von Hamburger Schulen Leichen gefunden wurden, einen ganz anderen Sinn ergibt …

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