28.02.2017   von rowohlt

«Armistead Maupin lesen ist wie Schokolade essen»

Mit «Die Tage der Anna Madrigal» beendet Armistead Maupin seinen legendären neunteiligen «Stadtgeschichten»-Zyklus

© iStockphoto.com; Michael Oreal/VISUM (Auorenfoto)
© iStockphoto.com; Michael Oreal/VISUM (Auorenfoto)

Armistead Maupins «Stadtgeschichten» sind eine amerikanische Version der «Lindenstraße» – nur um Klassen besser. 1976 als tägliche Kolumne für den Chronicle begonnen, schlugen die «Tales of the City»  in San Francisco wie eine Bombe ein. An der Barbary Lane 28 mit ihren wunderbaren Bewohnern wird die Alltagschronik eines Jahrzehnts zwischen Post-Hippie-Romantik und Aidsschock aufgeblättert. Der sechsbändigen Kultserie spendierte Maupin vor einigen Jahren mit «Michael Tolliver lebt» und «Mary Ann im Herbst» noch zwei Zugaben. Nun hat er mit «Die Tage der Anna Madrigal» ein letztes Mal den Faden der «Stadtgeschichten» weitergesponnen. Die riesige Fangemeinde der Barbary-Lane-Mischpoke wird es ihm danken.

«Seifenoper im Zeitungsformat» (FAZ)


NDR: «Einmal begonnen, lassen einen die Geschichten nicht mehr los.» 
Brigitte: «Armistead Maupin schreibt mit einem hinreißenden Schnodderton – ohne dabei über menschliche Abgründe und Dramen hinwegzuplaudern.» 
Salon.com: «Mit Maupin ist es wie mit den Beatles: Jeder mag ihn und seine Geschichten.»
FAZ: «Wie beiläufig engagieren sich die Bücher gegen Dogmen aller Art, auch gegen die unausgesprochenen, die wohlmeinenden. Maupin macht sich lustig über zähnefletschende Kämpfer der political correctness, geißelt die Selbstgefälligkeit pseudomoralischer Überlegenheit in jedem Lager.» 
Der Spiegel: «Maupin suchte die Nähe von Menschen mit hohen Erwartungen und enttäuschten Träumen, die Glücksritter des verrückten kalifornischen Alltags, und machte sie zu den Helden seiner Bücher.» 
Die Welt: «Armistead Maupin lesen ist wie Schokolade essen. Die Welt seiner «Stadtgeeschichten» ist ein verlässlich schöner Ort und schon lange Teil des Mythos von San Francisco geworden.»


800 Worte täglich, das war der Stoff, auf den die in die Hunderttausende gehende Fangemeinde der «Stadtgeschichten», jene mitreißend geschriebene «Seifenoper im Zeitungsformat» (FAZ) wartete.  An der Barbary Lane 28 mit ihren Bewohnern wird die Alltagschronik eines Jahrzehnts zwischen Post-Hippie-Romantik und Aidsschock aufgeblättert. 

«Be sure to wear some flowers in your hair …»


«If you're going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair. If you come to San Francisco, summertime will be a love-in there», heißt es in Scott McKenzies Hymne  von 1967. Wo sonst als in der hügeligen Metropole der Bay Area, der Welthauptstadt der Schwulen und Lesben, hätten die Episoden um Anna Madrigal und Mary Ann Singleton, Michael «Mouse» Tolliver und Mona, D’oro und DeDe spielen sollen?  San Francisco, Stadt der Ausreißer und der Katzen, der Beatniks und Hippies, wo es nur einen Steinwurf vom Silicon Valley entfernt sogar echte Trotzkisten gab und, noch größere Sensation!, ein funktionierendes Nahverkehrssystem. San Francisco, Eldorado der ausgeflippten Künstler, der verstoßenen Söhne und Aussteigern jeder Couleur. «Es ist merkwürdig, aber von jedem, der verschwindet, heißt es, er sei hinterher in San Francisco gesehen worden.» (Oscar Wilde)


Wie jung sie waren, Michael und Brian, Mona und Mary Ann – damals, als die schräge Barbary-Lane-Kommune unter den Fittichen der bezaubernden Transgender-Frau Anna Madrigal ihre von Cannabisdüften umwölkte Gegenwelt bewohnte. Und Männerfachgespräch unter Frauen so klingen konnten wie dieses zwischen Mrs. Madrigal und ihrer so reizenden wie naiven Mieterin Mary Ann Singleton:


Anna Madrigal: «Es gibt in dieser Stadt so viele reizende Männer.» Mary Ann: «Aber sie sind nur reizend zueinander.» Anna: «Das greift tatsächlich um sich.» Mary Ann: «Bei Ihnen hört sich das an wie eine Grippe. Ich finde es deprimierend.» Anna: «Nimm es als Herausforderung. Wenn eine Frau in dieser Stadt triumphiert, ist der Triumph total …» 

Mary Ann Singleton kehrt zurück


Es waren aber nicht nur Schwule, die es in die libertäre US-Metropole zog, auch die unschuldige Provinzpomeranze Mary Ann Singleton hatte eines Tages am Flughafen von Cleveland gestanden, um ihr Glück in der so prachtvoll unamerikanischen Stadt an der West Coast zu suchen. Genauer gesagt: in der schrillen Wohngemeinschaft in der Barbary Lane 28,  auf San Franciscos Russian Hill.


«Wo sonst sind lesbische Fernfahrerinnen mit politischer Neigung zur Reagan- bzw. Bush-Regierung denkbar, Lesben, die auch noch zuschlagen können?» (taz) Natürlich hat Maupin, zugleich Spötter wider alle Dogmen politischer Correctness und hoffnungsloser Romantiker, in all den romantischen und traurigen, belanglosen und dramatischen Episoden sein San Francisco in rosaroten Farben angepinselt: die Stadt als Dorf, das Aussteigerparadies inmitten des Hardcore-Kapitalismus, das Versuchslabor einer beschwingten Zukunft. Und doch hat er den Aids-Schock der 80-er Jahre mit dem Abgesang auf sexuellen Hedonismus literarisch gestaltet wie kaum ein anderer.


Es ist ein Schock, als Mary Ann erfährt, dass sie Gebärmutterkrebs hat und dringend fachkundiger Hilfe bedarf – das ist der Ausgangspunkt von Band 8 der «Stadtgeschichten». Zuhause in Darien, wo jeder sie kennt, hätte sie sich um keine Preis einer Behandlung unterzogen. Was liegt näher, als nach San Francisco zu gehen, die Stadt ihrer wilden Jahre: groß und anonym genug für das, was vor ihr liegt, und doch überschaubar und intim wegen all der Freunde von früher, die dort noch leben? «Damals waren wir eine Familie, dachte sie. Selbst wenn jeder von uns eine eigene Wohnung hatte.» Zurück also in die «logische» Familie der alten Freunde. Michael und Ben, DeDe und D'oro, sie alle sind älter geworden – und doch sind sie bereit, das Leben in all seinen Facetten zu genießen.

«Sei brav, mein Hase. Und mach was Schönes mit dem Geld!»


Im Mittelpunkt des neunten und letzten Bandes der «Stadtgeschichten» steht Anna Madrigal, die legendäre Transgender-Dame und Hausherrin der Barbery Lane 28. Sie ist 92 Jahre alt und wünscht sich nichts mehr als einen ladyliken Abgang. Mit ihrem früheren Mieter Brian und dessen Freundin Wren fährt sie nach Winnemucca, wo Anna Madrigal – damals noch ein 16jähriger Junge – aus dem Puff, der ihr Zuhause war, weggelaufen ist. 


Auf dieser Reise nach Winnemuca bringt sie Geheimnisse ans Licht und stellt sich lange verdrängten Konflikten. Ein Geheimnis, das ganz am Ende gelüftet wird: Annas Name hat ganu und gar nichts mit einem Anagramm zu tun, wie alle dachten. Die wahre Geschichte hinter ihrem Namen ist viel dramatischer …

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