09.04.2019   von rowohlt

«Sie sagen, dass Untätigkeit grausam, abstoßend und kriminell ist. Und sie haben recht.»

Nathaniel Rich im Interview über «Losing Earth»

Wir alle wissen, welche desaströsen Folgen die Erderwärmung bereits hat und noch haben wird. Aber dass es vor vierzig Jahren einen Zeitpunkt gab, an dem wir alles hätten ändern können, die Chance jedoch verspielt haben, und nicht zuletzt, wie und warum wir sie verspielt haben – das zeigt Nathaniel Rich in seinem Buch. «Losing Earth» basiert auf seiner großartigen historischen Reportage, für die die New York Times im vergangenen August ihr komplettes Magazin, von der ersten bis zur letzten Seite, freigeräumt hat – mit immenser Resonanz. Spiegel Online kommentierte: «Es gibt Geschichten, die verändern die Art und Weise, wie man die Welt sieht und versteht, und ‹Losing Earth› von Nathaniel Rich ist so eine: Mit einem Knall wird deutlich, was es bedeutet, im Zeitalter der Katastrophe zu leben.»

DAS INTERVIEW


Welche Maßnahmen sah der Weltklimavertrag von 1989 vor, um die Klimakatastrophe zu verhindern?

Bei der Klimakonferenz in Noordwijk, über die ich in Losing Earth schreibe, hofften die Verhandlungsführer 1989 lediglich, die Vertragsbedingungen für die erste Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen abzustecken, die drei Jahre später in Rio verabschiedet werden sollte. Es wurden also keine konkreten Maßnahmen diskutiert. Ziel war, die Ausarbeitung eines verbindlichen Vertrags zu unterstützen, der die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1989 hält. Wenige Monate zuvor hatten Vertreter von 46 Nationen auf der Weltklimakonferenz in Toronto noch dem von US-Senator Timothy Wirth vorgelegten ehrgeizigeren Plan zugestimmt, die Emissionen bis 2005 um 20 Prozent zu reduzieren.
Es gab viele Vorschläge, wie das zu erreichen sei. Die meisten von ihnen waren seit über einem Jahrzehnt im Umlauf: Investitionen in erneuerbare Energien, CO2-Steuern, Senkung der Öl- und Gassubventionen, stärkere Förderung von Energieeffizienz-Programmen – die ganze Maßnahmenpalette, auf die man heute noch setzt.


Was hat letztlich zum Scheitern des Vertrags geführt? Und was geschah seitdem?
Die US-Delegation von Präsident Bush, unter Leitung seines wissenschaftlichen Beraters Allan Bromley und des Stabschefs John Sununu, lehnte es ab, einen verbindlichen Vertrag zur Stabilisierung der Emissionen zu schließen. Sie überredeten Russland, Japan und Großbritannien, ihrem Widerstand zu folgen. Seitdem waren wir nie wieder so nah dran an einer verbindlichen internationalen Vereinbarung. Während dieser Monate begann die fossile Brennstoffindustrie, eine sinnvolle, steuernde Klimapolitik mit großem finanziellem Aufwand zu unterwandern; sie propagierte Falschinformationen, bestach Politiker und eine Handvoll Wissenschaftler, beschritt aber auch den traditionellen Weg der politischen Lobbyarbeit. Diese Bemühungen fingen bescheiden, fast planlos an, gewannen jedoch an Nachdruck und Dreistigkeit – und nahmen Fahrt auf, wann immer neue Richtlinien ernsthaft in Erwägung gezogen wurden. Die Erwartung der Industrie, so lediglich die Kosten einschneidender Regulierungen zu mildern, wurde übertroffen. Stattdessen brachte es die Perversität des Klimawandelleugnens mit hervor und trug maßgeblich zur öffentlichen Verwirrung bei. Heute sind die Vereinigten Staaten weltweit das einzige Land mit einer Volkspartei, zu deren Grundsätzen die Phantasie gehört, der Klimawandel sei nicht real.


Wie kamen Sie auf die Idee, 30 Jahre nach dem Scheitern des Vertragsschlusses ein Buch über das vergangene Jahrzehnt zu schreiben?
Sie erwuchs aus der Frustration über die begrenzte Art, in der über den Klimawandel geschrieben und diskutiert wird. Wir sind hinlänglich vertraut mit der politischen, der technologischen, der ökonomischen und der industriellen Geschichte des Klimawandels. Deren Aspekte wurden von Journalisten und Wissenschaftlern ausführlich und fachkundig erzählt, und sie tragen alle entscheidend dazu bei zu verstehen, wie wir an diesen Punkt gelangen konnten. Doch was ist mit der menschlichen Geschichte? Wie lebt ein fühlendes Individuum, wie leben wir alle mit dem Wissen, dass die menschliche Zukunft weit weniger einladend sein wird als die Gegenwart – wo die Klimaerwärmung jetzt schon über ein Grad beträgt, ein weiteres halbes Grad unvermeidlich ist und die Emissionen unvermindert ansteigen? Selbst wenn wir heute über Lösungen nachdenken: Wie können wir unser bisheriges Versagen erklären?
Die beste Methode, die ich kenne, um menschliche Dramen zu verstehen – und es gibt kein drängenderes menschliches Drama als den Klimawandel –, ist das Erzählen. Ich war überrascht, dass bisher niemand über den Klimawandel in Form einer historischen Erzählung geschrieben hat. Ich dachte, ich könne einen Ausweg aus dem rhetorischen Morast finden, in dem wir feststecken, wenn ich über das Jahrzehnt schreibe, in dem die wissenschaftlichen Grundlagen unstrittig waren und die Aufmerksamkeit sich weg von der Diagnose und hin zur politischen Lösung wandte. Es ermöglichte mir, über die Menschen zu schreiben, die das Ausmaß des Problems als Erste erfassten und die großen Fragen stellten, auf die wir noch immer Antworten suchen.


Wie können wir den Klimawandel heute noch aufhalten?
Wir können den Klimawandel nicht mehr «aufhalten», er ist bereits eine Tatsache, aber uns stehen noch eine ganze Reihe seiner Konsequenzen bevor. Diese reichen von relativ glimpflich bis hin zu apokalyptisch. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den achtziger Jahren und heute besteht darin, dass es viele technische Lösungen gibt, die wirtschaftlich aussichtsreich sind. Sie sind meist eine Kombination von CO2-Steuern, Investitionen in erneuerbare Energien, dem Ausbau der Kernenergie, Wiederaufforstung, verbesserten landwirtschaftlichen Techniken und der Entwicklung von Maschinen, die Kohlenstoff aus der Atmosphäre absaugen. Der Ökonom William Nordhaus sagte kürzlich nach der Verleihung des Nobelpreises: «Das Problem ist ein politisches viel mehr als ein wirtschaftliches oder praktisches.» Auf die Technologie und die Wirtschaft können wir vertrauen. Es ist schwerer, auf das menschliche Verhalten zu vertrauen. Grundbedingung ist, das wir ehrlich über das Problem zu sprechen beginnen: als einen Kampf ums Überleben. Sobald klar ist, was auf dem Spiel steht, liegen die moralischen Pflichten auf der Hand. Und ich denke, wir dürfen die moralische Dimension des Problems nicht ignorieren, wenn wir die bahnbrechenden Veränderungen bewältigen wollen, die notwendig sind.


Es scheint, als würde das Thema Klimawandel vom Rand der Gesellschaft in die Mitte und an die Spitze getrieben. Demonstranten fordern die Politik laut auf, aktiv zu werden, Schüler streiken weltweit. Haben wir es endlich begriffen? Oder warum rückt diese lange zurückliegende Debatte heute ins Zentrum der Öffentlichkeit?
Die politische Dynamik der letzten Monate entstand durch junge Aktivist*innen und Politiker*innen, die angefangen haben, über die moralische Dimension der Krise zu sprechen. Zum Beispiel die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die den Mächtigen der Welt in Davos sagte: «Ich will eure Hoffnung nicht. Ich will, dass ihr in Panik geratet», oder die amerikanischen Studierenden, die im Büro der demokratischen Mehrheitsrepräsentantin Nancy Pelosi für einen Green New Deal protestierten, als die Demokraten im November die Kontrolle über das Repräsentantenhaus wiedererlangt hatten. «Wir sind wütend über die Feigheit unserer Regierung» oder «Unser Leben steht auf dem Spiel» waren ihre Worte. Das sind ganz andere Argumente, als wir sie von früheren Generationen kennen, die sich zu erklären bemühten, dass Untätigkeit irrational ist. Die jungen Wortführer*innen von heute gehen weiter: Sie sagen, dass Untätigkeit grausam, moralisch abstoßend und kriminell ist. Und sie haben recht.


Was genau ist die Folge des Klimawandels, wenn wir uns nicht sofort und gemeinsam dem Klimaschutz verschreiben?
Letztendlich der Zusammenbruch der Zivilisation. Und vorher die stetige Aushöhlung von allem, was wir wertschätzen. Ich meine nicht nur unsere wirtschaftliche und geopolitische Stabilität, sondern auch unsere Überzeugungen, unsere Kulturen und unsere Sicht auf die Realität. Wer wird Ideale wie Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit, die als Fundament unserer Demokratie ausgegeben werden, in ein, zwei weiteren Generationen der Ignoranz noch ernst nehmen können?

Losing Earth

Losing Earth

Die Klimakatastrophe, die wir jetzt erleben, hätte verhindert werden können. Vor dreißig Jahren gab es die Chance, den Planeten zu retten – doch sie wurde verspielt. Nathaniel Rich schildert in dieser dramatischen Reportage, wie es zu diesem wahrhaft globalen Versagen kam. Wir folgen einer Gruppe von Wissenschaftlern, Aktivisten und Politikberatern ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 240
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0074-8
09.04.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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