25.08.2018   von rowohlt

Kein Ort, nirgends

«Wie Natascha Wodin ihre eigene Nachkriegskindheit aus Schweigen, Gewalt und Rebellion beschreibt, (…) das kann einem das Herz zerreißen»

© Privat
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In ihrem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Buch «Sie kam aus Mariupol» hat Natascha Wodin ihrer Mutter ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. «Irgendwo in diesem Dunkel», die Fortsetzung von Wodins «fikionaler Biografie», schließt an den Suizid der Mutter 1956 an. Die ältere der beiden Töchter möchte so gern zu den Deutschen gehören, sehnt sich nach einem normalen Leben. Aber der Vater, den sie immer schon gefürchtet hat, sperrt sie ein, schlägt sie, hält sie fern von der fremden Welt der Deutschen. Eine ungeheuerliche Geschichte der Ort- und Obdachlosigkeiten, erzählt in der lakonischen, nüchternen und doch von Emotion und Poesie getragenen Sprache Natascha Wodins, die ihresgleichen sucht.


Natascha Freundel, NDR Kultur:
«Wie Natascha Wodin ihre eigene Nachkriegskindheit aus Schweigen, Gewalt und Rebellion beschreibt, (…) das kann dem Leser, der Leserin das Herz zerreißen.»
Andreas Kilb, FAZ: «Natascha Wodin zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Geschehen. Aber sie holt es so nah heran, dass wir unsere eigene Geschichte darin gespiegelt sehen.»

«Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter»


Natascha Wodin kehrt zum Begräbnis ihres Vaters,
zur russisch-orthodoxen Totenmesse an den Ort ihrer Kindheit, eine fränkische Kleinstadt unweit von Nürnberg, zurück. Man schreibt das Jahr 1989. Am offenen Sarg ihres Vaters steigen die Erinnerungen wieder auf. An die dunklen Momente ihrer Kindheit, an die tote Mutter, den Vater, der ihr immer ein Rätsel geblieben ist. Fast das gesamte 20. Jahrhundert hat sein Leben überspannt, in Russland herrschte noch die Zarenfamilie, als er geboren wurde. Nie hat sie etwas über sein russisches Leben erfahren, die mehr als vier Jahrzehnte, die er in seiner Heimat verbrachte. Nie hat sie verstanden, was ihren Vater zu dem gemacht hat, als was sie ihn erlebte. Ein harter, verschlossener, verbitterter Mann, der sich bis an sein entsetzlich tristes Ende in einem deutschen Altersheim weigerte, in dem Land anzukommen, in dem er mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte.


«Die einzigen Wörter, die er in fast fünf Jahrzehnten in Deutschland gelernt hatte, waren ‹brauche› und ‹brauche nix›.» Ohne seine dolmetschenden Töchter wäre er untergegangen. 1944 war er mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau Jewgenia aus der südukrainischen Hafenstadt Mariupol Richtung Westen aufgebrochen. In Deutschland schuftete er als Zwangsarbeiter in einem Rüstungsbetrieb der Firma Flick. Es waren viele Millionen, die als Arbeitssklaven ins Deutsche Reich und in die von Hitlers Armeen besetzten Gebiete verschleppt worden waren, wo sie in der Industrie, in Handwerksbetrieben oder auf Bauernhöfen unter unmenschlichen Bedingungen Nazi-Deutschland am Laufen hielten. Als der Krieg endlich vorbei war, blieben die meisten von ihnen im kriegszerstörten Deutschland, als «displaced persons», später als sog. «heimatlose Ausländer». An eine Rückkehr in den Machtbereich des kommunistischen Regimes war nicht zu denken; viele, die den Weg dennoch zurück gingen, überlebten den Schritt nicht.


«Immer, seit ich denken konnte, war es ein Fluch für mich gewesen, das Kind meiner Eltern zu sein. Ich wollte nicht zu einer Welt außerhalb der Welt gehören, zu den Fremden, den Aussätzigen, die hinter der Stadt wohnten, von allen gemieden und verachtet, irgendein Abschaum … Ich wollte deutsche Eltern haben, in einem deutschen Haus wohnen, wollte Ursula oder Susanne heißem.»


Vielleicht hatte ihr Vater seine Frau, die schöne Jewgenia aus Mariupol, einmal geliebt, wer weiß das schon – früher, bevor sein Leben in die Brüche ging. Ihren «Freitod» 1956 hat er Jewgenia nie verziehen, für ihn war es eine Desertion aus Verantwortungslosigkeit und Schwäche: «Seine Frau hatte ihn allein gelassen mit den zwei Kindern, sie hatte ihn zum Witwer einer Selbstmörderin gemacht, ihn, den schon gealterten, sechsundfünfzigjährigen Mann, den Fremdling, der sich mit nichts auskannte in Deutschland und keine Ahnung hatte, wie es jetzt weitergehen sollte.»


Das Mädchen ist zehn, als sich seine Mutter im Oktober 1956 in der Regnitz ertränkt. «Seit ich sie kannte, verschwand sie, unentwegt entfernte sie sich und schien überhaupt nur noch da zu sein, weil ich sie immerfort festhielt, mit meiner ganzen Kraft.» Immer wieder hatte die Mutter angedeutet, aus dem Leben gehen zu wollen, mit Sätzen wie «Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe …» Ihr Weg in den Tod vorgezeichnet – so verzweifelt und bis ins Innerste vernichtet, so seelisch zerrüttet und körperlich zermürbt, wie sie war, ungeliebt von ihrem Mann und überfordert von den Kindern.

Nicht deutsch, nicht katholisch – «meine negative Besonderheit»


Es gibt brutale, erschütternde Episoden
in Wodins Buch. Wie der Vater, ein fanatischer Schwimmer, dem Mädchen «Schwimmen beibringt» – und es dabei fast umbringt. Wie er nach der Aufgabe der Hühnerfarm den von seinen beiden Kindern geliebten Hund Ada, auch sie nun «ein Lebewesen ohne Ort», tötet und den Kindern damit das Herz bricht. Wie er dem eines Abends spät nach Hause kommendem Mädchen, mittlerweile ein Teenager, auflauert und sie prügelt, bis sie am Boden liegt. Sie dann in ihr Schlafzimmer schleift, ihr eine Kanne Wasser und einen Eimer hinstellt – und das Fenster mit dreizehn Nägeln zunagelt: Schrecken einer Kindheit.


Der Hass auf den Vater ist so groß, dass sie ihm «inbrünstig den Tod gewünscht (hatte). Ich hatte mir vorgestellt, wie ich ihn meuchlings in den Fluss stieß, in dem meine Mutter sich ertränkt hatte, wie ich ihn vergiftete oder mit einem Messer erstach, ich hatte ihn als siechen, gelähmten, alten Mann vor mir gesehen, der mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war.» Genau das ist schließlich eingetreten: Hin und her gerissen zwischen Hass und Mitleid, ist sie am Ende die Einzige, die dem gelähmten, halbblinden, verwahrlosten, zu Tode erschöpften alten Mann in den letzten Monaten seines Lebens zur Seite steht. Bis er endlich stirbt und das Martyrium ein Ende hat.


Die schönste Zeit ihrer Kindheit ist das halbe Jahr, als sie als unterernährtes, ängstliches Nachkriegskind vom Roten Kreuz zu einer Pflegefamilie nach Belgien verschickt wird. Auf dem Bauernhof der vielköpfigen Familie Evrard in einem wallonischen Provinznest erlebt sie das Glück, das ihr zu Hause nie vergönnt war – «die erste Zugehörigkeit, die erste Akzeptanz. Am Anfang kann ich noch nicht glauben, was mir geschieht. Ich kann nicht glauben, dass die Hetzjagden der Kinder auf mich ausbleiben, die verächtlichen Bemerkungen über die Russen, das Gespött und das Gelächter meiner Mitschüler … Mein Verlangen nach Zugehörigkeit kennt jetzt, da ich zum ersten Mal Entgegenkommen spüre, keine Grenzen.» Als sie danach zurückmuss, bittet und bettelt sie, bei den Evrards bleiben zu dürfen. Aber das geht nicht. Ihre Mutter holt sie am Bahnhof ab; in ihren Augen nistet das Entsetzen, das ihr die Lebenskraft raubt. Wenige Monate später ist sie tot, mit 36 Jahren.


Wie es ihrer Tochter gelingt, sich nach den Gewalterfahrungen der Kindheit einen Weg hinaus in ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu bahnen, das erahnen wir mehr als das wir es lesend erfahren. erfahren. Natascha Wodin schreibt intensiv und dicht, oft lakonisch-spröde, ganz und gar unpathetisch. Und gerade deshalb so ergreifend. Hier zwei Passagen, die zeigen, wozu Literatur in der Lage ist: eine über Russland, die andere über Deutschland im Jahr 1961.

«Mütterchen Russland» und das «Wirtschaftswunderfräulein»

«Es war eines der alten Mütterchen, die ich draußen auf den Bänken gesehen hatte und die man überall in Moskau antraf. Sie sahen alle gleich aus, klein, vertrocknet, Greisinnen oder solche, die nur greisenhaft wirkten, in grauen Arbeitskitteln, die sie im Winter über den Mänteln trugen, mit Kopftüchern, die sie auch im Sommer nicht abnahmen, die verwachsen schienen mit ihrem Haar. So sah man sie überall in der Stadt die Straßen fegen, mit kurzstieligen Reisigbesen fegten sie die Moskauer Trottoirs, die Prospekte, die großen und kleinen Plätze, die Bahnhöfe, die Brücken, die Unterführungen, sie fegten die gesamte Hauptstadt der Sowjetunion. Oder sie hockten als Liftfrauen, Toilettenfrauen, als Wächterinnen, als Aufpasserinnen in schmuddeligen Gebäudeecken, im Winter eingemummt in dicke Wolltücher, in Filzstiefeln, manchmal gewärmt von den letzten noch intakten Fäden einer Heizsonne. Sie verkauften auf der Straße Pilze oder Waldbeeren, ausgebreitet auf einem Taschentuch zu ihren Füßen, sie standen vor Friedhöfen und Bahnhöfen und boten den Vorübergehenden dünne Sträußchen aus Maiglöckchen oder Astern an. Sie knieten in den letzten noch «arbeitenden» Kirchen, die letzten Beterinnen Russlands, die auf den Knien lagen oder von Ikone zu Ikone gingen und sich bekreuzigten. Wann immer ich sie sah, sah ich die im Krieg gefallenen Ehemänner und Söhne, ich sah die erschossenen, in Lagern zu Tode geschundenen Schwestern und Töchter, ich sah die Dörfer und Hütten, ich sah die Wolga, die Oster- und Pfingstfeste, ich sah die Revolution, einen apokalyptischen Sturm, der Jahrhunderte hinweggefegt und alles verwüstet hatte, ich sah die Seuchen und den Hunger, ich sah das für einen Sack Mehl verkaufte Haus meines Vaters, ich sah die russischen Straßenkinder, die nachts in Teerkesseln schliefen, um nicht zu erfrieren. Nirgendwo in Moskau erfuhr ich mehr über Russland als in den Gesichtern dieser Mütterchen, in die das alles eingegraben schien wie in die Rinde eines morschen Baums.»


«Es war das Jahr 1961: die Zeit des dunkelsten Schweigens, vor allem in der Provinz. Eine Zeit wie in einem toten Winkel, wie vom Zifferblatt der Uhren gesprungen, wie herausgefallen aus den Kalendern. Alle rannten, rafften, verbesserten, verschönerten ihre Wohnungen und Häuser, veredelten ihre Haut mit Nylon und Trevira, aber die Zeit hatte noch nie so tief und bewusstlos geschlafen. Man feierte die Prüderie, die Biederkeit der wimpernklimpernden Wirtschaftswunderfräuleins, denn die Sexualität war der zweitschlimmste Feind nach den Russen. Das herrschende Schweigen war noch ganz ohne Risse und Lücken – ein Land im Koma, aus dem es nicht erwachen konnte nach dem Grauen. Ich wusste nichts von diesem Grauen. Weder im Kloster noch in der Schule hatte man uns etwas davon erzählt, der Lehrstoff war nicht über den Dreißigjährigen Krieg hinausgekommen, näher hatte man sich an die Gegenwart noch nicht herangetraut. Die Zeit schlief, und ich schlief mit ihr, ich wusste noch nichts von mir, von meiner Herkunft und meinen Zusammenhängen, ich lebte noch im Paradies des Nichtwissens, ich hatte mich noch nie im Spiegel gesehen, hatte noch nie neben mir gestanden, in all meiner Verirrung war ich noch eins mit mir selbst. Ich lief aus einem Unheil ins nächste, aber auch das ahnte ich nicht, ausgerechnet ich lebte in der Gewissheit, dass die Welt gut war, dass es mir nur gelingen musste, bis zu ihr vorzudringen, ihrem Mittelpunkt, der für mich die Hauptstraße eines deutschen Provinzkaffs war.»

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