11.09.2015   von rowohlt

Nachttankstelle Berlin-Schöneberg, guten Abend!

«Manchmal geschehen Dinge, und dann muss man es ihnen auch erlauben»

© Felicitas Horstschäfer, www.felicitas-horstschaefer.de
© Felicitas Horstschäfer, www.felicitas-horstschaefer.de

Uwe Fiedler, der Name ist Programm. Uwe ist 38 Jahre alt, chronisch migränekrank, ewiger Student und alles in allem ein netter Typ. Seine Karriere, wenn man das denn so bezeichnen kann, geht nicht über ein unvollendetes Psychologie- und Kunstpädagogik-Studium hinaus («Man könnte genauso gut Albanisch und Planwirtschaft studieren») – sieht man einmal vom Job an der Nachttankstelle in Berlin Schöneberg ab. Krasser Losertyp? Könnte man denken. Muss man aber nicht …

Jessy, Nette, Matuschek

«Ich war Uwe Fiedler, der einen blöden Namen, eine blöde Haarfarbe und einen erhabenen Leberfleck hatte, der an einer Tankstelle arbeitete, seine Magisterarbeit vor sich herschob und versuchte, sich auf die Vorteile des Prinzips ‹Stagnation› zu konzentrieren. Dessen beste – einzig gute – Zeit fast zwanzig Jahre zurücklag, als er für ein paar Monate Schlagzeuger der mittelerfolgreichen Punkband Lädsda Ville gewesen war.»


Wie gesagt: Beziehungs-Aus mit Ulrike. Eine neue Wohnung muss her, die auch schnell gefunden wird: In Neukölln. Das ist der Wendepunkt in Uwes Leben! Er lernt Jessica kennen, die schöne Unbekannte aus «Nette’s Eck», der netten Eckkneipe neben seiner neuen Wohnung. Außerdem Matuschek, den lässigen Porschefahrer, der vor Coolheit nur so strotzt. Bei letzterem fragt Uwe sich zeitweise ernsthaft, warum sich ein brutal nach Erfolg aussehender Typ wie Matuschek mit einem penetrant nach Desorientierung aussehenden Typen wie ihm abgibt.


Wie das Leben so spielt, stirbt bald darauf Uwes Tante – irgendwas ist immer. Auf ihrer Beerdigung, läuft er einer «alten Bekannten» über den Weg, die ihn anschließend kurzerhand verklagt. (Weshalb? Das ist eine Geschichte für sich …) Uwe wird der gefeierte Held von Berlin und trifft seinen alten Bandkumpel Pocke wieder. Hätte man nicht gedacht – Uwe Fiedlers langweiliges Loserleben ist eigentlich verdammt ereignisreich.


Es kommt, wie es kommen muss: In Jessy verliebt er sich, und Matuschek wird sein bester Kumpel. Und blöderweise bald auch sein Rivale.

Langweiligster Held Berlins?

Mit seiner hinreißend peniblen Ausleuchtung all der absurden Details und Macken, die den Kerl von der Nachttankstelle aus- und  nach und nach schwer sympathisch machen,  verschafft uns Tom Liehr ein paar höchst vergnügliche Lesestunden. So  lustig hat noch niemand über Zwangsneurosen und Perspektivlosigkeit  geschrieben.


Bereits in der 7. Klasse zeigte sich Tom Liehrs literarisches Talent: auf einer Wandzeitung mit dem prosaischen Namen «Rauhfaser quer». Später belegte er bei Literaturwettbewerben schon mal gleichzeitig die Plätze eins und drei, noch später veröffentlichte Romane mit Titeln wie «Idiotentest», «Geisterfahrer» und «Leichtmatrosen». «Tom Liehr erzählt mit Hingabe, leidenschaftlich, mit Liebe zum Detail und emotionalen Wendungen.» (WAZ)


Autorin: Susan Brauer

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