08.08.2019   von rowohlt

Toni Morrison (1931–2019)

«Hätte Amerika eine Nationalschriftstellerin, so wäre es Toni Morrison.» (The New York Times)

© Timothy Greenfield-Sanders
© Timothy Greenfield-Sanders

Toni Morrison war die bedeutendste und einflussreichste US-amerikanische Schriftstellerin der Gegenwart – und die erste schwarze Autorin, die den Literaturnobelpreis erhielt. Ihre Romane, Erzählungen und Essays machten sie zur «furiosen Epikerin des schwarzen Amerika» (FAZ). Toni Cade Bambara schrieb bereits 1981 in Newsweek über Toni Morrison: «Die Tatsache, dass sie da ist mit ihrer schlauen, gespenstischen Stimme, inspiriert andere Menschen, sich zu entwickeln, zu fliegen.» Diese Stimme wird Amerika, wird uns allen fehlen. Am 5. August 2019 ist Toni Morrison in New York im Alter von 88 Jahren gestorben.

Black, female and poor


Toni Morrison kam am 18. Februar 1931 als Chloe Ardelia Wofford in Lorain, Ohio, als zweites Kind von Ella Ramah (Willis) und George Wofford zur Welt. John Solomon Willis, der Großvater mütterlicherseits, wurde noch als Sklave geboren. Armut und Entbehrungen prägten das Leben ihrer Familie. In der Schule erkannte eine Lehrerin das Potenzial des Mädchens. 1949 schloss Chloe die Oberschule mit Auszeichnung ab, immatrikulierte sich an der Howard University in Washington, D.C., an der damals ausschließlich farbige Studenten unterrichtet wurden, für Englisch und Altphilologie. 1953 schrieb sie an der renommierten Cornell University ihre Abschlussarbeit über Virginia Woolf und William Faulkner.


1955 fand sie an der Texas Southern University in Houston eine Anstellung als Englisch-Dozentin. Es war das Jahr, als die schwarze Aktivistin Rosa Parks in Montgomery, Alabama, mit einem Akt zivilen Ungehorsams die schwarze Bürgerrechtsbewegung auslöste, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen. Busboykott und Marsch auf Washington, Sit-ins und Freedom Rides, die Ermordung von Malcolm X und Martin Luther King, die Revolte der Black Panther Party, Ku-Klux-Klan und Ghettoaufstände – in diesem politischen Klima reifte Chloe Ardelia Wofford zur Schriftstellerin, die unter dem Namen Toni Morrison Weltruhm erlangte.


Als leitende Lektorin von Random House (1965–1983) kümmerte sie sich neben Projekten wie Angela Davis' und Muhammad Alis Autobiographien intensiv um die Förderung afroamerikanischer Literatur. In der Auseinandersetzung mit der Bewegung der Harlem Renaissance (1920–1933), mit Richard Wright und Ralph Ellison, mit James Baldwin, Zora Neale Hurston und den Négritude-Autoren Léopold Sédar Senghor und Aimé Césaire, kristallisierte sich ihr eigener Ansatz immer schärfer heraus: die Frage nach den «verheerenden Folgen, welche die Negierung und Abwertung der eigenen Kultur und Geschichte auf das individuelle und kollektive Bewusstsein der kolonialisierten Menschen» hat.

Die Stimme Afroamerikas


Mit ihren Romanen, Erzählungen und Essays schrieb Toni Morrison sich in den Kreis US-amerikanischer Autor*innen von Weltrang ein. Sie war 39 (und alleinerziehend), als 1970 ihr erster von elf Romanen erschien, «The bluest eyes» (dt. «Sehr blaue Augen»). Mit «Sula», «Solomons Lied», «Teerbaby», «Menschenkind», «Jazz», «Paradies», «Liebe», «Gnade», «Heimkehr» und «Gott, hilf dem Kind» folgten Werke, mit denen sie ihr Lebensprojekt vorantrieb: eine literarische Archäologie des schwarzen Amerikas. Seit ihrem Debüt, verstärkt nach ihrer Berufung zur Professorin für Afro-American Studies an der Princeton University in 1989, beschäftigte sie sich in ihrem Werk unablässig mit «black history», mit Sklaverei, Segregation und Rassismus, mit Armut, Verwahrlosung, Gewalt und Rebellion.


Morrisons Werk ist aus mehreren Gründen singulär. Es erzählt von Menschen, die die Geschichte der Sklaverei in sich tragen und von Generation zu Generation weitergeben. Es erzählt vom Schmerz und Zorn, in einer Gesellschaft zu leben, in der auch Jahrzehnte nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) noch immer Überreste der alten Sklavenhaltermentalität spürbar sind. Es erzählt von schwarzen Frauen, denen unermessliches Leid zugefügt wurde (von Weißen, aber auch in der eigenen Familie) und die sich mit Wut und Mut ihrem Schicksal stellen.


Bei aller Schärfe und Prägnanz ihrer Texte: agitatorische Direktheit, anklägerisches Pathos war Toni Morrison fremd. Darauf wies sie 1998 in einem Interview mit Nachdruck hin: «Das Eigenartige, das Rätselhafte ist, dass ich eigentlich nicht spreche in meinen Büchern: Ich will niemanden belehren, niemandem predigen, weder Hass noch Liebe. Ich will erzählen.» Das Schicksal ihrer unvergesslichen Frauenfiguren spricht für sich – «zumal mit einem Ton, der von brutal bis dringlich, von sanft bis voller Komik alles kann, mitunter in einem Absatz» (Anne Haeming, Spiegel Online).

«Sag, wem gehört dieses Haus? Meins ist es nicht …»


Für den aufrüttelnden Roman «Menschenkind» (im Original «Beloved») erhielt sie 1988 den Pulitzerpreis. Die Verfilmung von Jonathan Demme erschien 1998 mit Oprah Winfrey in der Hauptrolle; Leser*innen der New York Times kürten «Menschenkind» zum besten amerikanischen Roman der vergangenen 25 Jahre. 1993 dann die höchste Ehrung der Literaturwelt: Als erste schwarze Autorin erhielt sie den Literaturnobelpreis für ihre «Romankunst, geprägt von visionärer Kraft und poetischer Prägnanz». Der ehemalige US-Präsident Barack Obama nannte Toni Morrison seine persönliche Heldin – und verlieh ihr 2012 die Presidential Medal of Freedom.


Als Afroamerikanerin aber konnte Amerika Toni Morrison nie eine Heimat sein. Dem Roman «Heimkehr», den sie ihrem 2010 gestorbenen Sohn Slade widmete, sind einige lyrische Zeilen vorangestellt. Es fällt schwer, sie nicht auch auf das Amerika dieser Tage zu beziehen, auf das Land Donald Trumps, von dem sie sagte, er habe «den schrecklichsten Teil Amerikas entfesselt»:


«Wessen Haus ist das?
Wessen Nacht hält das Licht fern
Hier drinnen?
Sag, wem gehört dieses Haus? Meins ist es nicht.
Ich hab von einem anderen geträumt, wohnlicher, heller,
Mit einem Blick auf Seen, befahren in bunten Booten,
Auf Felder, weit wie Arme, ausgebreitet für mich.
Dieses Haus ist fremd.
Seine Schatten lügen.
Sag mir, warum mein Schlüssel hier passt.»


Im Alter von 88 Jahren ist Toni Morrison – die «große Schamanin», wie ihre Freundin, die Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou, sie nannte – jetzt in New York City gestorben. Barack Obama würdigte sie mit den Worten: «Ihre Texte waren eine wunderschöne und bedeutende Herausforderung an unser Gewissen und unsere moralische Vorstellungskraft. Was für ein Geschenk, dieselbe Luft zu atmen wie sie – wenn auch nur für eine Weile.»

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