19.04.2016   von rowohlt

Nachrichten aus der sexuellen Parallelgesellschaft

Leben wir in einer enthemmten Gesellschaft? Und – was heißt eigentlich «enthemmt»? Gerhard Haase-Hindenberg im Blitzinterview

© iStockphoto.com
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«Hinter den schmucken Fassaden der deutschen Gesellschaft ist schon seit geraumer Zeit die Hölle los …» Das Internet macht es möglich: Menschen treffen sich in Clubs oder auf Autobahnraststätten zum anonymen Sex; Petplay-Treffen, Gangbang- und Wifeshare-Partys – es gibt nichts, was es nicht gibt. Die ständige Verfügbarkeit von Pornografie hat Fetische zum Massenphänomen und BDSM zum Megatrend gemacht. Der Schauspieler und Publizist Gerhard Haase-Hindenberg hat das Gespräch mit Menschen gesucht, die ihre erotischen Interessen aktiv ausleben. Ein Blick in sexuelle Parallelwelten, die oft nur einen Steinwurf entfernt sind– faszinierend, irritierend.

Kirsche, Sex & Chili


Das Cover von «Sex im Kopf» ziert eine Doppelkirsche, das von «Die enthemmten Deutschen» zwei, sagen wir mal, erotisch verschlungene Chilischoten. Das neue Buch ist also noch schärfer, wilder, enthemmter …
Im Buch «Sex im Kopf» ging es um erotische Fantasien. Die können wild sein, aber nicht enthemmt. Insofern ist das neue Buch – in dem es um sexuelles Ausleben geht – tatsächlich all das.
                                                                             


Zu «Sex im Kopf» hieß es: Ist kein Porno, kein Report für die erotische Praxis, sondern – ein Sittengemälde. Welchen Typus von Leser*in haben Sie vor Augen? Wegen einem klugen Sittengemälde legt doch keiner 14,99 € auf die Ladentheke, oder?
Der Begriff «Sittengemälde» stammt nicht von mir, sondern von dem Publizisten Alan Posener. Wenn dafür keiner 14,99 € hinlegt, müssen die Leser noch was anderes gesucht haben. Immerhin war das Buch 8 Wochen in der SPIEGEL-Bestsellerliste.


Gab es für Sie als gelernten Schauspieler und Regisseur einen speziellen Anstoß, sich als eine Art Sexanthropologe mit deutscher Lust & deutschem Sex zu beschäftigen?
Ein wesentliches Motiv für darstellende wie schreibende Künstler ist die Neugier. Ich kann aber nicht genau sagen, ob der «spezielle Anstoß» vom Schauspieler oder vom Autor ausging. 


Welche Adjektive würden Sie in einer Rezension Ihres Buches «Die enthemmten Deutschen» in Alice Schwarzers EMMA erwarten?Erhoffen würde ich mir die Adjektive «aufklärerisch», «libertär» und «selbstbestimmt» – schließlich glaube ich auch an die Lernfähigkeit von EMMA-Redakteurinnen.


Glaube, Sex & Informatik


«Schweinebraten und Peitsche», «Bizepslecker», «Cock and Ball Torture», «Rape-Experiment», «Adult Babys und Windelfetisch» usw., so lauten einige der Kapitelüberschriften. Hand aufs Herz: Ist Ihr Buch was für die klassischen «Stellensucher»?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, was ein «klassischer Stellensucher» ist. Aber Romantiker kommen nur bedingt auf ihre Kosten.


Was sagen eigentlich Verwandte, Freunde, Kollegen zu den obsessiv betriebenen Studien des Herrn Haase-Hindenberg?
Da meine nächsten Angehörigen wissen, dass nicht meine Studien, sondern bestenfalls die eine oder andere beobachtete sexuelle Handlung obsessiv betrieben wurde, gab es keine Schwierigkeiten.


Verraten Sie uns in gebotener Kürze, weshalb es sich bei den Herren mit den Initialen TBL und RC um Genies handelt, Stichwort: Sex & Informatik?
Das Geniale bei den beiden Informatikern Tim Burners-Lee und Robert Cailliau ist, dass sie das World-Wide-Web entwickelt haben. Natürlich hatten sie keine Ahnung, welche Möglichkeiten das für die Verbreitung von Pornographie und die sexuelle Anbahnung bedeuten würde. Oder vielleicht doch?


Gibt es belastbare Aussagen über sexuelle Ent- oder Gehemmtheit in Relation zum religiösen Glaubensbekenntnis der Befragten (jüdisch, christlich, muslimisch, hinduistisch)?
Das war nicht Gegenstand meiner Untersuchung. Ich selbst bin jüdischen Glaubens und halte manchmal ein Seminar über «Sex im Judentum», wo schon in frühen rabbinischen Schriften den Männern die Mizwa (Verpflichtung) auferlegt wird, ihren Frauen einen Orgasmus zu verschaffen.

Kaviar, Sex & Trendsport


Sie haben sehr viele «bekenntniswilligen» Menschen zu deren sexuellen Vorlieben und Fantasien befragt: schriftlich, telefonisch, im direkten Gespräch. Gab es für Sie Momente, wo Sie am liebsten gesagt hätten:  «Bitte erzählen Sie nicht weiter, ich will das nicht mehr hören?»
Es war ein wenig ungünstig, dass ich unmittelbar bevor mir ein sächsischer Polizist seine Vorliebe für «Kaviar» und «Natursekt» (womit körperliche Ausscheidungen gemeint sind) gestand, zu Mittag gegessen hatte. Aber ich blieb tapfer!


BDSM (= Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism), schreiben Sie, sei «die sexuelle Trendsportart unserer Zeit». Haben Sie für all die «Stinos» unter uns eine Empfehlung, wie man sein erotisches Gesichtsfeld erweitern kann, ohne Trendsportler zu werden?
Sein erotisches Gesichtsfeld kann man erweitern ohne selbst Trendsportler zu werden, in dem man das Buch «Die enthemmten Deutschen» liest.


In der «Danksagung» verneigen Sie sich vor Ihrer Lebensgefährtin, danken ihr für Geduld und Nachsicht. Sie müsste sich als Thema für Ihre nächsten Buchprojekte bestimmt so etwas wünschen wie «Romantische Wanderwege in der Hocheifel», «Braunkohleförderung in der Lausitz im späten 19. Jahrhundert» oder ähnlich unverfängliches Zeug …
Die größte Freude könnte ich meiner Lebensgefährtin machen, wenn ich als Ghostwriter Mick Jaggers Autobiographie schreiben würde.


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