03.05.2016   von rowohlt

Müssen wir da auch noch hin? Nee, wirklich nicht!

Schloss Neuschwanstein und Kölner Dom, Bodensee und Schwarzwald … 99 deutsche Orte voll zum Knicken. Von führenden Reiseleitern empfohlen

iStockphoto.com
iStockphoto.com

Deutschland ist schön – wer glaubt das denn? Deutschland, behauptet Dietmar Bittrich, ist voller scheußlicher Sehenswürdigkeiten; sie getreulich abzuarbeiten lässt Hunderttausende ausländischer Touristen durchs Land cruisen. Wir müssen das nicht, dank eines zeitsparenden Schonprogramms: Bittrich hat sich die Top 99 der vermeintlichen  touristischen «Kleinode» angeschaut: schwülstige Schlösser, die in Filzpantoffeln durchschlurft werden müssen, eingerüstete Kirchtürme,  verhunzte Altstädte. Mit Witz und Bosheit legt er dar, warum man sie alle knicken kann. «Dieses Buch ist frech bis unverschämt.» Das schon und noch vieles mehr, nur eines nicht: zum Knicken.


Wie kann man nur so miesepetrig sein, denkt man sich. So schlimm ist es doch gar nicht. Ist es nicht? Ist es doch! Lesen Sie selbst – 20 geknickte resp. knickbare Orte in der Kurzfassung der Kurzfassung:


Zwischen Botox Island (Sylt) und München

Sylt: «Jahrelang lautete die Regel: Pensionierte Lehrer fahren nach Amrum, Inklusionsklassen nach Föhr. Wer noch Spaß am Leben hat, begibt sich nach Sylt. Dieses Bild wandelt sich. Es wird schwieriger mit dem Spaß.» Frozen Faces auf Botox Island, Depressionen am Nacktbadestrand (Romy Schneider: «In jeder Welle hängt ein nackter Arsch»). Ansonsten: Schietwettertee, Wattwürmer und Westerland als älteste & größte Plattenbausiedlung Norddeutschlands.


Heidelberg: Wer vom «malerischen» Philosophenweg die Hotspots der Stadt beschauen will, erlebt eine böse Überraschung: Mountainbiker, «die den Philosophenweg als Parcours nutzen und störende Wanderer auch schon mal umnieten, nicht selten für immer.» Macht aber nichts: Rein zufällig ist das Universitätsklinikum auf Organtransplantationen spezialisiert. Häufigste Events in der Altstadt: Knöchelbruch, Hörsturz, Schlaganfall.


Rügen «… gehört zu den unglücklichen Inseln, von denen keiner merkt, dass es eine ist. Die Rapsfelder und die Maisfelder und die Gehölze und Dörfer wirken wie eine weitere überflüssige Fortsetzung von Mecklenburg-Vorpommern. Lediglich die Fahrt über die Brücke von Stralsund weckt Verdacht. Wer sie hinter sich hat, steht im Stau. Wer sie vor sich hat, steht ebenfalls im Stau. Der Engpass ist die Hauptverkehrsader Rügens, die gefürchtete Bundesstraße 96.»


Lutherstadt Wittenberg: Paar Dutzend Thesen hin oder her – zu Wittenberg nur dies (von Martin Luther himself): «Ich weiß nicht, wohin Gott mich führt, aber wenn er diese Richtung beibehält, schlage ich vor, dass er allein weitergeht.»


München: «In anderen Städten bemühen sich Yogaschulen, Meditationskreise, Lichtarbeiter, Hochpotenzler, Mantrensänger, Rebirther um das spirituelle Lifting der Stadt. Sie errichten esoterische Schulen, schimmernde Kuppeln, richten Landeplätze ein für Besucher aus fortgeschrittenen Welten. München braucht das alles nicht. München hat das Hofbräuhaus», eine Touristenfalle mit der ruppigsten Massenabfertigung ever. Wie schrieb Karl Valentin so treffend: «Es gibt etwas, das allen blüht, die München nicht gesehen haben: ein langes, gesundes und erfolgreiches Leben.»

Zwischen Garmisch und Wolfsburg

Garmisch: Kleine Gemeinde vor großer Kulisse. Die Zugspitze ist ein klassischer Versagerberg: Auch wenn er vom Standortmarketing als Dreitausender annonciert wird – die zugige Spitze ist und bleibt nur 2961-63 Meter hoch (je nach Vermessungsinstitut). Kurz: der höchste Flop Deutschlands. Drei der wichtigsten zehn Ereignisse: 1908 – Erste Nacktbesteigung durch drei Nudisten (zwei Männer, eine Frau). 1995 – Eröffnung eines Ausstellungsraumes für Künstler; die unten keinen Erfolg haben. 2008 – Erstmals nur zwei Tote beim Zugspitzenextremlauf.


Lüneburger Heide: «Diese Landschaft war und ist immer noch so, wie Heinrich Heine sie zum Vergleich heranzog, in seiner Schilderung der Freifrau von Hohenhausen: ‹Ihr Busen war so flach und trostlos öde wie die Lüneburger Heide.›» Und sonst, jenseits aller topografischen Besonderheiten? Lehm und Sand, Bier und Korn, Heidschnucken und Kutschfahrten, Gelee aus Kalbsfüßen und kompostierbare Urnen. Herausragende Bauwerke: die Container für Weiß-, Grün- und Braunglas am Ortsausgang.


Rothenburg ob der Tauber: Geburtsstadt des Komasaufens. Dessen Erfinder, der einstige Bürgermeister Georg Nusch – liebevoll Nuschel genannt – driftete im Jahr 1631 mit sagenhaften 13 Schoppen Wein ins Delirium. Heutigen Nachahmern genügt oft schon die Hälfte». Vorherrschende Besuchergruppe: Menschen der Generation aktiv. Häufigstes Ereignis: Bandscheibenvorfall. 


Autostadt Wolfsburg: «Völlig zu Unrecht wird Wolfsburg immer wieder als grau, einförmig und ereignislos beschrieben. (…) Wolfsburg hat zum Glück noch vieles andere zu bieten. Zum Beispiel eine Fußgängerrzone, in der es neben Penny Aldi und einen Schnäppchenmarkt gibt sowie mehrere Länden zum Ankauf von Zahngold. Diese Fußgängerzone erscheint Besuchern oft etwas zu lang und auf jeden Fall zu breit. Das liegt daran, dass es sich um eine stillgelegte vierspurige Straße handelt.» 

Zwischen Dresden und Hamburg

Dresden: Was ist nur aus den Ambitionen der Barockplauze August der Starke geworden, Dresden zur «Stadt der schönen Täuschungen» zu machen? Nicht viel, obwohl: «Besonders bitter ist die Enttäuschung beim Zwinger. Liberalen Paaren aus angelsächsischen Ländern und aus Polen werden von Reiseunternehmen immer wieder Abenteuer im Zwinger Club angedreht.» Auszeichnungen: Kompliziertestes Ticketsystem 2015. Unfreundlichstes Personal 2007–2016.


Trier: «Verhaltensauffällige Gymnasiasten schickt man nach Trier. Es ist die Höchststrafe, die deutschen Pädagogen zur Verfügung steht, seit die Prügelstrafe abgeschafft wurde.»  Hinter der Porta Nigra beginnt das Absturzviertel Trier Nord. Wer noch kann, schleppt sich ins Geburtshaus von Karl Marx. Oder zum Heiligen Rock (das genaue Gegenstück zu Rock am Ring). Oder in die Kaiserthermen. Oder zum Bus zurück in die Heimat.


Rüdesheim: Nichts anderes als ein dreihundert Meter langer Besäufnistresen unter bemoosten Plastikdächern.


Schloss Neuschwanstein: Heimstatt von «Deutschlands schwulstem König». Megaeffiziente Schlosstour: in maximal 17 Minuten durch alle begehbaren Räume. Verweildauer pro Raum: 60 Sekunden. Was noch: «Der ummauerte Schlosshof gilt immer noch als Deutschlands beste Gelegenheit zur Begegnung mit unbewaffneten Angehörigen asiatischer Völker.» Little Asia Award 2011.


Hamburg: Man kann zu Speicherstadt und neuer Hafencity sagen, was man will: rekordträchtig sind die Hotspots des Nordens allemal. Nirgendwo ist der Kokainverbrauch pro Quadratmeter höher, nirgendwo werden mehr Verstauchungen, Knöchelbrüche und Bänderrisse registriert. Auf Nachfrage versichern die Hamburger, es gebe «Perspektiven, aus denen die Elbphilharmonie ganz gut aussieht». Jaja, die Elphi, immer für einen Scherz gut.

Top