20.03.2018   von rowohlt

Mitten ins Herz

Catharina Junk über ihre Inspirationsquellen, Kindheitserinnerungen und den Einfluss der Drehbucherfahrung auf ihre literarische Arbeit

© Kerstin Schomburg
© Kerstin Schomburg

Im Mittelpunkt von Catharina Junks neuem Roman «Bis zum Himmel und zurück» steht die Drehbuchautorin Katja. In ihrer Arbeit hat sie kein Problem damit, andere Leben zu leben, ohne selbst große Gefühle zu riskieren. Perfekt also. Okay, manchmal kommt Ratko vorbei, aber Liebe ist das eigentlich nicht. Doch als Katja eine Familienserie entwickeln soll, klappt es mit dem Schreiben plötzlich nicht mehr. Ihre eigene Familie ist nämlich ein Trümmerhaufen. Als sich dann ihre Mutter mit einer erschütternden Neuigkeit meldet, wie aus dem Nichts eine Halbschwester auftaucht und Katja ständig an Joost denken muss, kann sie sich nicht länger vor ihrer eigenen Geschichte verkriechen. Die muss nämlich dringend neu geschrieben werden…

DAS INTERVIEW


In deinem Debüt «Liebe wird aus Mut gemacht» hast du die autobiografisch gefärbte Geschichte der Studentin Nina erzählt, die nach ihrer erfolgreichen Krebsbehandlung zurück ins Leben stolpert. In «Bis zum Himmel und zurück» geht es um die junge Drehbuchautorin Katja, die sich in ihre Arbeit verkriecht, um im wahren Leben keine großen Gefühle riskieren zu müssen. Du schreibst selbst Drehbücher – gibt es also wieder eine Parallele zu deinem eigenen Leben?
Ja, die gibt es. Da ich seit zehn Jahren Drehbuchautorin bin, habe ich in der Branche natürlich ähnlich bizarre, lustige und erniedrigende Erfahrungen gemacht, wie sie im Roman beschrieben werden. Auch kenne ich das völlige Abtauchen in den Schreibprozess und den merkwürdigen Effekt, dass man dann immer zwischen zwei Welten hin und herpendelt. Im Gegensatz zu Katja mag ich mein reales Leben allerdings sehr gern und deswegen hat es mir Spaß gemacht, meiner Heldin das Herz und die Augen dafür zu öffnen.


Neben dem vorwiegend humoristischen Erzählstrang des Drehbuchjobs geht es in deinem zweiten Roman auch um das ernste Thema Schuld. In Katjas Familie gab es in der Vergangenheit einen Todesfall, für den sich deine Romanheldin verantwortlich fühlt. Warum hast du dieses Thema gewählt?
Weil mich das Thema «Schuld» schon sehr lange beschäftigt. Wie entstehen Schuldgefühle? Wie kann man sie ablegen? Darf man das überhaupt? Je länger ich mich mit diesen Fragen auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich verstanden, dass Schuldgefühle auch eine Reaktion auf etwas Unbegreifliches sein können. Man gibt sich für die Entscheidungen anderer und sogar für Unglücksfälle die Schuld, um einen Rahmen für etwas Furchtbares zu finden. Im Sinne von: Wenn es keine logischen Antworten auf das Warum gibt, dann muss es wohl an mir liegen. So macht sich auch meine Hauptfigur Katja große Vorwürfe für ein unfassliches Ereignis und verschanzt sich in diesem Schuldgefühl. Dabei bräuchte ein anderes Gefühl dringend Raum: Die Trauer um einen geliebten Menschen.


Ein weiteres Motiv in deinem Roman ist die Raumfahrt. Katjas Vater ist Physiker, und die Kometen-Mission Rosetta bildet eine Art Klammer für die Familiengeschichte. Was hat dich dazu inspiriert?
Ich bin mit dem Thema Raumfahrt aufgewachsen, denn mein Vater ist ebenfalls Physiker und arbeitete unter anderem für die D1 und D2-Mission. Eines der tollsten Erlebnisse meiner Kindheit war ein Shuttle-Start, den meine Familie und ich live auf der Tribüne in Cape Canaveral miterleben konnten. Was da für eine Anspannung in der Luft lag! Der Countdown wurde zweimal angehalten, dazwischen vergingen Stunden, und als das Shuttle endlich abhob, warfen die Leute jubelnd ihre Basecaps in die Luft und fielen sich weinend in die Arme. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mein Vater ein Foto von mir und meinem Bruder heimlich in ein Experiment eingebaut hatte. Dieses Foto war also tatsächlich im Weltall! Darauf haben nach ihrer Rückkehr alle Astronauten unterschrieben und ich habe es immer noch.
Mir gefiel die Idee, dass sich eine Kometen-Mission als roter Faden durch Katjas Geschichte zieht und den unbegreiflichen Verlust spiegelt, den sie als Kind erleben musste.


Hast du reale Erinnerungen aus dieser Zeit in deinen Roman aufgenommen?
Ja. In einem Kapitel erinnert sich Katja an ein Abendritual, welches sie und ihr Vater früher hatten: In ihrem Elternhaus hingen an der Wand Portraits von Astronauten. Katja sagt nacheinander jedem einzelnen Gute Nacht, bevor sie ins Bett geht. Das ist eine Kindheitserinnerung von mir. Bei uns hingen auch diese Fotos auf dem Flur und ich habe ihnen auch jeden Abend eine Gute Nacht gewünscht.


Deine Erzählweise ist sehr filmisch. In deinen Geschichten wechseln sich emotionale, rührende Momente mit Passagen ab, in denen Situationskomik und schlagfertige Dialoge den Leser zum Lachen bringen. Der Ton ist bitter-sweet und am Ende deiner Romane bleibt ein ähnliches Gefühl zurück, wie man es hat, wenn man nach einem guten Film aus dem Programmkino um die Ecke kommt. Ist das der Einfluss deiner Drehbucharbeit?
Der Rhythmus, die Dialoge und wahrscheinlich auch das Timing sind sehr durch das geprägt, was ich in den Jahren als Drehbuchautorin gelernt habe. Aber am meisten lerne ich von anderen Drehbuchautoren. Ich lasse mich gerne von Lieblingsserien wie «Love», «Fleabag», «Friends from College» oder «Crashing» beeinflussen. Was das Kino betrifft, so fallen mir spontan Filme wie «Lady Bird», «Juno» und «Young Adult» ein. Das ist eine Art, Geschichten zu erzählen, die ich selbst liebe und die mich berührt.


Du schreibst weiterhin auch Drehbücher. Wann dürfen wir denn wieder etwas von dir auf dem Bildschirm sehen?
Da die Filmrechte für «Auf Null“»/«Liebe wird aus Mut gemacht» vergeben sind, arbeite ich zurzeit an dem Drehbuch. Außerdem schreibe ich im Moment an einer Thriller-Serie, die ich zusammen mit einer Produktionsfirma entwickelt habe.


Was sagen eigentlich deine Söhne, wenn sie deinen Roman in der Buchhandlung entdecken?
Mein jüngerer Sohn sagt vor allem etwas, wenn er es nicht sieht. Und zwar ziemlich laut: «Wo liegt denn hier dein Buch?» Er ist auch einmal zu einer Buchhändlerin gegangen und hat gefragt: «Warum haben Sie nicht Einen auf Null?» Er konnte sich den richtigen Titel nicht merken. Ich habe ihn dann schnell abgelenkt und beschlossen, ab sofort mit ihm immer direkt in die Kinder- und Jugendbuchabteilung zu gehen.


Interview: Gwendolyn Simon.

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