03.09.2014   von rowohlt

Mit Paul Auster im Sunset Park

«Paul Austers feinfühliger Roman über Schicksal, Freundschaft und falschen Stolz beweist erneut, dass er einer der ganz großen Autoren der Gegenwartsliteratur ist.» (Cosmopolitan)

© Lotte Hansen
© Lotte Hansen

Paul Austers Roman Sunset Park spielt 2009, zur Zeit der Präsidentschaftswahl Barack Obamas: in einem Amerika der Rezession, der Desillusionierung, der sozialen Verwerfungen. Erzählt wird von vier Endzwanzigern, die ein leerstehendes Haus im abgehalfterten Brooklyner Hafenviertel Sunset Park besetzen; sie wollen ein Zeichen setzen, ihrem Leben eine andere Richtung geben, Vergangenes vergessen. Während Hunderttausende Amerikaner in der Immobilienkrise Haus und Hof verlieren und soziale Gemeinschaften vor die Hunde gehen, gelingt es Miles, Ellen, Bing und Alice, ein Stück Heimat auf Zeit zu etablieren … Ein mitreißender Roman, fesselnd, warmherzig, nah am Puls der Zeit.


Selten hat Auster mit einem solchen Ensemble starker, interessanter Figuren operiert. Neben den vier Besetzern stehen Miles' Patchwork-Eltern im Fokus des Romans. Nach der Trennung von seiner ersten Frau, der Schauspielerin Mary-Lee Swann, lebt Morris Heller mit der Dozentin Willa Parks zusammen. Heller leitet seit mehr als zwanzig Jahren Heller Books, einen unabhängigen, von der Rezession arg gebeutelten Kleinverlag. «Wenn der Verlag eingeht, wirst du ein Buch schreiben», sagt er sich in seinem Wüten gegen die ‹Idiotenkultur›: Vierzig Jahre in der Wüste: Literatur verlegen in einem Land, dessen Bewohner Bücher hassen.

Im Land der aufgegebenen Dinge

Miles Heller hat New York damals Hals über Kopf verlassen. In Florida hält er sich mit Aushilfsarbeiten über Wasser; für eine Immobilienfirma entrümpelt er zwangsgeräumte Wohnungen. Während seine Arbeitskollegen sich viele der Sachen unter den Nagel reißen, fotografiert er mit obsessiver Energie die tristen Hinterlassenschaften. Seine Fotografien sind Stilleben des Verfalls – und Spiegelbilder seines eigenen inneren Aufruhrs. «Jedes Haus eine Geschichte des Scheiterns – Bankrott und Zahlungsverzug, Schulden und Zwangsvollstreckung … In einer zusammenbrechenden Welt, in der wirtschaftlicher Ruin und privates Elend erbarmungslos um sich greifen, ist die Entrümpelungsbranche eine der wenigen, die in dieser Gegend noch florieren.»
Florida ist sein selbst gewähltes Exil, seine Zufluchtstätte weitab aller familiären Bindungen. Hier findet er endlich seine Ruhe – und auch sein Glück: Er verliebt sich in die kubanischstämmige Pilar Sanchez, eine Siebzehnjährige, die nach dem Tod der Eltern mit ihren drei älteren Schwestern zusammenlebt. Bei ihrer ersten Begegnung führt, wie so oft bei Auster, die «Musik des Zufalls» Regie: Miles bemerkt, dass die junge Frau auf der Parkbank gegenüber die gleiche Taschenbuchausgabe von F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby liest wie er selbst.
Für Miles ist Pilar ein Geschenk, ein Wunder. Pilar, die Kluge, die Wissbegierige, die Begeisterungsfähige, die Sinnliche. «Vielleicht ist es die Art, wie sie ihn ansieht, die Wildheit ihres Blicks, das verzückte Strahlen ihrer Augen, wenn sie ihm zuhört, das Gefühl, dass sie vollständig anwesend ist, wenn sie zusammen sind, dass er der einzige Mensch ist, der auf der ganzen weiten Welt für sie existiert.»

Das Haus am Green-Wood-Friedhof

Weil die Beziehung mit der minderjährigen Pilar Miles im bigotten Florida ins Gefängnis bringen kann, beschließt er, bis zur Volljährigkeit seiner Freundin nach New York gehen. Zurück dorthin, wo alles begann – sieben Jahre nach dem tragischen Unfalltod seines Stiefbruders Bobby, an dem er sich schuldig fühlt. Von dem, was damals wirklich zwischen ihm und Bobby geschah, hat er niemandem je ein Wort erzählt.
Das Angebot von Bing Nathan, einem Kumpel aus Schultagen, kommt ihm da gerade recht: Er könne zu ihm, Alice und Ellen in das besetzte Haus in Sunset Park ziehen: an den Rand jenes bunten Viertels, das als «Brooklyns Little Latin America» galt, bevor in den 1980er Jahren Massen chinesischer Immigranten entlang der 8th Avenue Sunset Park asiatisierten.
Bing Nathan ist der Freak unter Miles' Mitbewohnern, «der Großmeister der Empörung, der Champion der Unzufriedenheit, der militante Entlarver des zeitgenössischen Lebens, der davon träumt, aus den Ruinen einer gescheiterten Welt eine neue Realität zu schmieden.» Seine Leidenschaft gilt einer Band namens Mob Rule, spezialisiert auf «harten, misstönenden, improvisierten Sound». Da man von Mob Rules Auftritten beim besten Willen nicht leben kann, betreibt er an der Fifth Avenue in Park Slope eine winzige Reparaturklinik für kaputte Dinge, die buchstäblich aus der Zeit gefallen sind.

«Die besten Jahre unseres Lebens»

Alice Bergstrom arbeitet an ihrer Doktorarbeit über das amerikanische Kino der 1940er Jahre; für sie ist das Leben im besetzten Haus ein Glücksfall, stand sie doch kurz vor dem Rauswurf aus ihrer kleinen Wohnung in Morningside Heights. Ellen Brice versucht ihr Unglück als Malerin krasser erotischer Fantasien zu sublimieren. Jeder der vier trägt schwer an der Last der eigenen Geschichte, einer Geschichte, die von Scheitern, Schuld und Versagen erzählt. Und doch gibt allen ihr Zusammenleben unter den prekären Bedingungen einer illegalen Hausbesetzung Kraft, Energie und Sinn. Sie tun einander gut, kümmern sich umeinander, statt jeder für sich zu verkümmern.
Nie schlägt der Ton in Austers Roman ins Bittere, Düstere, Trostlose um. Auch dann nicht, wenn von Miles' Vater erzählt wird, der in seinem Freundeskreis ständig all das erlebt, was ihn selbst ängstigt: Alter, Krankheit, Verfall, Tod. Am Ende nimmt Sunset Park eine überraschend versöhnliche Wendung. Alte Wunden können sich schließen – wenn Menschen die Kraft finden, über Vergangenes zu sprechen, möge es noch so sehr von Schuld und Scham überwuchert sein.
«Von jetzt an, sagt er sich, wird er auf nichts mehr hoffen und nur noch für das Jetzt leben, für diesen Moment, diesen einen vergänglichen Moment. für das Jetzt, das hier und dann nicht mehr hier ist, das Jetzt, das für immer verschwunden ist.»

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