13.04.2016   von rowohlt

Piraten, Paradieskinder und die verschwundenen Fische

Dennis Gastmanns «Atlas der unentdeckten Länder»: ein Reiseabenteuer zu den Ausläufern unserer Zivilisation

© Dennis Gastmann
© Dennis Gastmann

Dennis Gastmann hat die letzten unentdeckten Länder dieser Welt erkundet: Akhzivland, Karakalpakstan, R’as al-Chaima, Palau, Ladonien, Transnistrien, die Mönchsrepublik Athos – magische Orte, fern, unbekannt oder vergessen. An Bord eines Seelenverkäufers hat er Pitcairn geentert, einen Felsen in der Südsee, auf dem die Nachfahren der Meuterer von der Bounty leben. Er taucht mit einem Rudel Haie in Palau, gerät in Wüstenstürme, strandet tagelang in einem Flughafenterminal und wird zum letzten Kaiser von Ladonien gekrönt ...

Bildergalerie

Auf den Spuren von Marco Polo, Kolumbus und Vasco da Gama


Die Wirtschaft am Ende, das Klima kaputt, bald soll auch noch die Welt untergehen. Das hinderte 2012 einen blonden Reisereporter nicht, im Herzen Hamburgs seinen Rucksack zu schultern und loszuziehen. Um die eigenen Sünden büßen und Mutter Erde ein wenig besser zu machen, muss er über die Alpen, und zwar zu Fuß. Eine strapaziöse Büßerreise, fast 1000 Jahre nach Heinrich IV. Für alle, die Gastmanns «Gang nach Canossa» gelesen haben, gilt:  Diesem Mann, der seit 2009 für die Auslandsmagazine von WDR und NDR um die Welt reist, würden wir auch folgen, wenn er Eulen nach Athen trüge …


Die Wunden seiner Canossa-Tortur sind längst verheilt und die Reisesehnsucht ungebrochen. So ist Gastmann einfach weitergereist, dorthin, wo Touristen normalerweise nicht hinkommen. In Piratennester und weltentrückte Königsreiche, auf verbotene Berge und rätselhafte Inseln.  Hier einige Passagen aus dem Kapitel «Der geheime Garten», dem Bericht  über die bärtigen Mönche auf dem Berg Athos.


Athos hat sie gerufen – der Heilige Berg …


«An seinem Westufer, so erzählt die Legende, soll einst die Jungfrau Maria an Land gegangen sein. Sie war auf der Reise nach Zypern, um Lazarus zu sehen, als sie in einen Seesturm geriet und auf einer Halbinsel strandete, deren Schönheit sie überwältigte. Da hörte sie eine Stimme zu ihr sprechen: ‹Dieser Ort sei dein Eigentum, dein Garten und dein Paradies und überdies rettender Hafen für jene, die gerettet werden wollen.›


Heute ist Athos eine Republik aus orthodoxen Klöstern, die wie Festungen auf den Höhen des Gebirgszugs thronen. Die Mönche, die sie beherbergen, sollen ein asketisches, mittelalterliches Leben wie vor eintausend Jahren führen und streng über den abgeschiedenen Garten der Mutter Gottes wachen. Ihr allein ist er gewidmet. Daher bleibt allen anderen weiblichen Wesen der Zutritt verwehrt, sogar Kühe und Ziegen müssen draußen bleiben. Sieht man von Insekten, Wildtierweibchen und Vögeln ab, sind lediglich Katzen geduldet, in der Hoffnung, sie mögen den Schlangen, Mäusen und Ratten nachjagen.


Doch auch männlichen Wesen wird die Reise gründlich erschwert. Der Heilige Berg ist achthundertmal größer als der Vatikan, aber ebenso verschwiegen, und es ist die hohe Kunst der Bürokratie, die ihn schützt. Nur zehn berufene Fremde dürfen sich zur gleichen Zeit in diesem Gottesstaat aufhalten, und das auch nur für drei Nächte. Sie müssen volljährig sein, ein ernsthaftes religiöses, künstlerisches oder wissenschaftliches Interesse nachweisen und das Diamonitirion mit sich führen: das Visum der Gläubigen. Mindestens sechs Wochen, besser sechs Monate, am besten jedoch ein halbes Leben im Voraus empfiehlt es sich, einen servilen Bittbrief an das Pilgerbüro des Athos in Thessaloniki zu verfassen und idealerweise eine Empfehlung seiner Kirchengemeinde oder eines Konsulats beizulegen.


Erhält man Antwort und wird positiv beschieden, Glückwunsch, dann kontern die sakralen Paragraphenreiter mit Forderungen und Formularen. Zwingt man auch die in die Knie, begünstigt durch drei Ave-Maria oder möglicherweise eine fromme Spende, folgt nicht etwa das Diamonitirion, sondern eine erneute Notiz aus den Amtsstuben der Ordensbrüder, in der sie das weitere Prozedere erläutern. Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, und ehe man sich’s versieht, ist der Sommer auch schon vorbei. Wer einmal in die Fänge des griechischen Behördenapparats geraten ist und die Verschwiegenheit der Orthodoxie hinzuaddiert, ahnt, wie hoch die Hürden für dieses weltliche Dokument aus geistlichen Sphären sein müssen.


In den zwanziger Jahren gelang es einer französischen Schriftstellerin, als Mönch verkleidet dreißig Tage in der Obhut eines Ordens zu verbringen. Danach schrieb sie detailliert über ihr Leben unter Männern und schilderte sogar, wie sie sich der unsittlichen Avancen eines Geistlichen erwehren musste. Später jedoch erlebte sie einen bemerkenswerten Wandel. Offenbar hatte sie auf Athos zu Gott gefunden, und nun sah sie in ihrer Arbeit das Werk des Leibhaftigen. Sie versuchte, ihr Buch zurückzuziehen und alle Kopien, die im Umlauf waren, aufzukaufen.


Ihr folgte eine hellenische Miss Europa, ebenfalls in Männerkleidern, die einen Skandal provozierte und es so immerhin ins Time Magazine schaffte. Eine Lehrerin aus Ohio – sie schmuggelte sich in den fünfziger Jahren an Land – wurde schnell wieder verjagt. Etwas milder gingen die Ordensbrüder mit fünf Moldawierinnen um, die illegal über die Türkei nach Griechenland gereist waren und nicht bemerkten, dass sie verbotenes Territorium betreten hatten.

Klosterwunderwerk im Märchenwald


Athos liegt auf der Halbinsel Chalkidiki, einer Hand mit drei Fingern. Der westliche ist zum Baden da, der mittlere auch, und der östliche dient dem Gebet. Zwar befindet sich Ouranopoli ebenfalls auf diesem Betfinger, in unmittelbarer Nahe des Heiligen Berges, doch die Einreise über Land ist nicht nur untersagt, sie gilt auch als gefährlich. Nicht eine einzige Straße führt in die Mönchsrepublik, und zwischen ihrer Grenze und den ersten Klöstern erstreckt sich ein undurchdringlicher Märchenwald aus Dornbüschen und wildgewachsenen Platanen. (…)


Simonos Petras ist eines dieser Bauwerke, die daran zweifeln lassen, dass sie von Menschenhand erschaffen worden sind. Es geht auf den seligen Simon zurück, der im dreizehnten Jahrhundert nach Athos zog, um sich in Askese zu üben, wie so viele, die sich von dem sittenlosen und schändlichen Leben ihrer Zeitgenossen abwendeten. In der Weihnacht soll ihm ein Licht erschienen sein, dem er bis an eine Klippe folgte. Sie fiel steil über Hunderte von Metern in die Tiefe, und ausgerechnet hier begann er, ein Kloster zu erbauen. Bald kamen andere Geistliche zu Hilfe. Je höher die Mauern jedoch wuchsen, umso größer wurde ihre Furcht, in den Tod zu stürzen, bis sie eines Tages die Arbeit niederlegten und beschlossen, ihrer Wege zu gehen. 


Da entsandte Simon den treuen Bruder Isaias. Er möge flugs ein Tablett mit frischem Wasser holen, um die Mönche zu besänftigen. Isaias tat wie ihm befohlen, doch in seiner Eile glitt er aus, überschlug sich und fiel die Klippe hinab. Als die Männer nach ihm suchten, fanden sie ihn vollkommen unversehrt vor. Er stand aufrecht auf einem Felsvorsprung, das Tablett in den Händen, ohne einen Tropfen verschüttet zu haben. Ein Wunder war geschehen (oder ein Artist ward geboren), und so fassten die Pioniere neuen Mut.


Sieben Geschosse, bedeckt von Türmen, Kreuzen und spitz zulaufenden Dächern, wuchten sich heute über dieser Klippe empor. Sie erinnern an die Mansarden eines tibetanischen Palastes. Das Kloster wirkt wie aus dem Stein gewachsen, und dennoch, je nachdem, aus welchem Winkel man es betrachtet, scheint es zu schweben, exakt an der verschwimmenden Grenze zwischen Wasser und Himmel. Aus Simonos Petras müssen die Träume kommen, die einen Menschen dazu bringen, einen heiligen Berg zu bereisen. Wenn er ihn dann betritt, weiß er manchmal gar nicht, warum. Er sucht die Nahe der Geistlichen, um zu erfahren, weshalb ihn die Mönche ein Leben lang gerufen haben und was sie eigentlich von ihm wollen …»

Top