10.04.2019   von rowohlt

Im Interview: Michael Römling über «Pandolfo»

Über Lieblingsfiguren, Mailand als Schauplatz, die Renaissance und prägende Bücher

«Pandolfo» ist ein historischer Roman, der an Umberto Eco erinnert - mit einer sanften Note von Süskinds «Das Parfüm». Michael Römling entführt uns darin an den Startpunkt unserer Modernen Welt. Im Interview erklärt uns der Historiker die Entstehungsgeschichte des Romans und was die Renaissance mit unserer heutigen Welt verbindet.

DAS INTERVIEW


Wer ist Pandolfo?

Das weiß Pandolfo zu Beginn des Buches selbst nicht, weil er mit eingeschlagenem Schädel in einem Abfallhaufen unweit der Mailänder Kathedrale liegt. Bernardino Bellapianta, einer der reichsten Männer der Stadt, findet ihn dort und nimmt ihn mit nach Hause. Langsam findet Pandolfo ins Leben zurück und entdeckt, dass er ein ausgeprägtes Zeichentalent hat. Leider kommen seine Erinnerungen nicht zurück, sodass er einen guten Teil des Buches damit verbringt, seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Und mehr will ich hier auch nicht verraten, weil das eben ein Teil der Geschichte ist.


Ihr Roman spielt in den 1490er Jahren in Mailand – was hat Sie an diesem Schauplatz gereizt?
Im Studium habe ich mich mit der spanischen Besatzung der Jahre 1525 bis 1529 in der Stadt befasst. Ich lebte eine Zeitlang in Rom und bin oft nach Mailand gefahren. In Rom wurde viel auf Mailand geschimpft (zu teuer, zu hässlich, voller Schnösel), aber ich habe die Stadt ganz anders kennengelernt.


Welche Figur liegt Ihnen besonders am Herzen?
Bernardino Bellapianta. Er ist in gewisser Weise die Hauptfigur, auch wenn Pandolfo der Erzähler ist. Denn der hat ja seine Geschichte hauptsächlich darum aufgeschrieben, weil er seinem Retter ein Denkmal setzen wollte, und das, obwohl Bernardino Bellapianta eine zwiespältige Figur ist. Er ist charmant und großzügig, aber er geht auch über Leichen; den möchte man nicht zum Feind haben. In der ersten Fassung des Buches war er übrigens gar nicht so. Der Lektor meinte dann aber, der alte Bellapianta sei zu liebenswert, der bräuchte eine dunkle Seite. Und die hat er dann bekommen. Und seitdem mag ich ihn noch lieber.


Sie sind Historiker. Was in Ihrem Roman ist recherchiert, was ist erfunden?
Bei den Schauplätzen war ich sehr genau. Wie weit war die Vierungskuppel des Mailänder Doms eigentlich im Jahr 1493 fertiggestellt? Wie sah die Audienzhalle im Sultanspalast von Konstantinopel aus? Wie kann man aus dem Castello Sforzesco ausbrechen? Einerseits habe ich sehr viel Zeit auf diese Einzelheiten verwandt; andererseits habe ich für Bernardino Bellapianta mal eben einen Palast errichtet (nein, errichten lassen, und zwar gleich von Donato Bramante), der wahrscheinlich heute noch ein Baudenkmal ersten Ranges wäre, wenn es ihn gäbe. Bei den Figuren habe ich die Prominenz (Monarchen, Aristokraten, Künstler) in ihren historischen Gestalten weitgehend unangetastet gelassen. Die Figuren aus dem Bellapianta-Universum sind erfunden. Es gibt so eine gefühlte Grenze der historischen Bekanntheit, oberhalb derer ich das Erfinden von Figuren irgendwie unredlich finde. Diese Grenze verläuft ungefähr da, wo ein Name in einem gängigen Handbuch über die betreffende Epoche oder den Schauplatz entweder fällt oder eben nicht fällt. Bernardino Bellapianta liegt da für meine Begriffe an der obersten Grenze des Zulässigen. Einen Herzog von Mailand hätte ich nicht erfunden.
Erfunden ist auch die gesamte Verschwörungsgeschichte rund um Herzog Gian Galeazzo, Cem Sultan und König Ferrante von Neapel. Allerdings kann ich nicht ausschließen, dass es am Ende vielleicht doch so gewesen ist, wie ich es mir zusammengesponnen habe. Mehr kann ich hier leider nicht dazu sagen; wer das Buch zu Ende gelesen hat, weiß, warum.
Nicht erfunden ist die Spinnmaschine. Es hat diese Maschine genau so gegeben; im Industriemuseum von Bologna steht ein beweglicher Nachbau im verkleinerten Format und in Caraglio ein maßstabsgetreues, funktionstüchtiges Modell. Man kann es sich übrigens auf YouTube in Aktion anschauen.


Erzählen Sie uns etwas zur Entstehungsgeschichte des Romans. Wann kam Ihnen die Idee dazu?
Ich habe um die Jahrtausendwende viel mit Mailand zu tun gehabt. Die Zeit, in der Pandolfo spielt, hat mich immer wieder beschäftigt und fasziniert, und das konnte auch gar nicht anders sein: Mein erster Kontakt mit Italien nach den Sommerurlauben am Gardasee als Kind war ein Aufenthalt in Urbino als Student; kurz darauf war ich in Florenz zum Sprachkurs und dann in Rom für eine Magisterarbeit über die Plünderung von 1527. Ich habe mich also sehr lange mit der Misere befasst, die für Italien mit dem Einmarsch der Franzosen 1494 begann, und ich hatte so ein Buchprojekt die ganze Zeit über im Hinterkopf. Dazu kam dann mein persönliches Interesse für die Kontakte zwischen Abendland und Orient in der frühen Neuzeit. Damit hatten wir die Zeit, den Schauplatz und ein Thema. Der Rest wurde dann nach und nach drum herumgestrickt.


Der Rowohlt Verlag bewirbt Ihr Buch mit «dem größten Neustart der Geschichte» – was ist gemeint?
Das ist doppelsinnig und bezieht sich auf Pandolfos wiedergefundenes Leben und gleichzeitig auf die Epoche. Gemeint ist der Neustart, den die Zeit um 1500 für die Welt bedeutete, mit den Umwälzungen in Kommunikation, Kunst, Religion, Wissenschaft und Handel. Als Historiker fühlt man sich dann immer bemüßigt, den Zeigefinger zu heben und darauf hinzuweisen, dass das vielschichtige Prozesse waren, die nicht über Nacht und nicht aus dem Nichts kamen und die man nicht an der runden Jahreszahl aufhängen sollte. Aber als Werbespruch ist das natürlich schön pointiert.


Sehen Sie Parallelen zwischen der Renaissance und der heutigen Zeit?
Der Begriff der Renaissance bezeichnet vor allem eine Epoche der Kunstgeschichte, und das Wesen der Renaissancekunst bestand nicht darin, um jeden Preis etwas Neues zu schaffen, sondern die verschütteten Schätze der Antike und die Natur möglichst unverfälscht zu imitieren. Heute leben wir dagegen in einer Zeit, in der die Kunst nach immer neuen Ausdrucksformen sucht, während Imitation gerade nicht geschätzt wird. Um es zuzuspitzen: Zur Renaissancezeit waren Sie ein großer Künstler, wenn Sie eine Statue aus dem Marmor meißeln konnten, die auch von Praxiteles hätte sein können. Heute können Sie die Statue auch aus Toilettenpapierrollen zusammenkleben, solange das noch niemand vor Ihnen so gemacht hat.
Die Parallele zur heutigen Zeit sehe ich auf diesem Gebiet eher in den Jahrzehnten nach der Renaissance, also im fortgeschrittenen 16. Jahrhundert. Damals hatten Raffael und einige andere Werke geschaffen, die nach dem klassischen Kunstverständnis nicht mehr steigerbar waren. Und da begann im Windschatten der strahlenden Renaissance mit dem Manierismus etwas wirklich Neues, das unserer Zeit viel näher ist: eine nervöse Suche nach individuellen Ausdrucksformen, nach Unverwechselbarkeit, eine Lust, am erstarrten klassischen Kanon zu kratzen. Meine Vermutung ist: Wenn wir heute das Gefühl haben, dass die Renaissance uns nahe oder jedenfalls näher als das Mittelalter ist, dann liegt das weniger an einer spezifischen Wesensverwandtschaft der beiden Epochen als vielmehr daran, dass aus dem schwer verständlichen Rauschen aus Frömmigkeit, Grobheit und Gesichtslosigkeit, mit dem wir das Mittelalter zu Recht oder zu Unrecht assoziieren, plötzlich erstmals wiedererkennbare Menschen entgegentreten, die scheinbar nachvollziehbare Dinge tun.


Ein weiteres wichtiges Motiv ist das Weben beziehungsweise das Spinnen – warum?
Jetzt wollen Sie wahrscheinlich hören, dass das eine unwiderstehliche Metapher für das Geschichtenerzählen ist. Ist es auch, und der namenlose Erzähler, der Pandolfo dann und wann unter die Arme greift, macht ja reichlich davon Gebrauch. Das ist aber nicht der Grund für die Allgegenwart dieses Motivs. Seide ist einfach dafür prädestiniert, einen im Luxuswarenhandel tätigen Unternehmer wie Bernardino Bellapianta reich zu machen. Seide ist ein Trägermaterial für die Pracht des Orients, sie verbindet kulturenübergreifend alle Liebhaber von Schönheit und Genuss, und sie ist auch eine gemeinsame Leidenschaft der Zwillinge Bernardino und Giancarlo: Der eine baut Maschinen, um sie herzustellen, der andere verkauft sie und hüllt sich darin ein; der eine lässt in seinem Saal für ein einziges Fest ein Meer aus blauer Seide aufspannen, der andere näht daraus einen Ballon und steigt in die Lüfte auf. Pandolfo ist ein Buch, in dem Pracht und Üppigkeit gefeiert werden, und nichts drückt das besser aus als diese Stoffe. Schauen Sie sich mal die Bilder von Monarchen und Großwesiren aus dieser Zeit an! Nichts ist prachtvoller als perlenbestickter Goldbrokat.


Welche Bücher haben Sie geprägt?
Das ist nicht so ganz einfach zu sagen. Als ich sehr jung war, mochte ich merkwürdigerweise die vergleichsweise schwere Kost der Nachkriegsromane von Siegfried Lenz, Günter Grass oder sogar Heinrich Böll. Ich habe damals Kurzgeschichten in diesem Stil geschrieben, von denen einige vielleicht noch auf irgendwelchen Dachböden liegen. Ein paar davon habe ich selbst auch noch, die kommen mir heute sehr umständlich, moralisierend und humorlos vor, obwohl ich damals wie heute eigentlich viel Spaß am Leben hatte. Hat mich das trotzdem geprägt? Ich weiß es nicht, jedenfalls merke ich davon nichts mehr. Heute schätze ich eher elegante und pointierte Erzähler wie William Boyd, Alex Capus, Dennis Lehane oder Antonio Pennacchi. Andererseits zieht mich bisweilen eine gewisse orientalische Üppigkeit an, ineinander verschachtelte Geschichten wie bei Orhan Pamuks Rot ist mein Name. Umberto Eco gefällt mir wegen der Überfülle an Wissen, die er ganz ungeniert in seine Bücher stopft; Das Foucaultsche Pendel ist mir im Gedächtnis geblieben, weil es zeigt, mit wie viel maliziösem Vergnügen man aus einer großen Materialmasse durch gezielte Auswahl jede beliebige Verschwörung konstruieren kann. Beim Schreiben einiger Passagen von Pandolfo klang mir Alessandro Bariccos Seide deutlich im Ohr, nicht wegen der Seide, sondern wegen der rasanten Art, am Geschwindigkeitsregler des Erzähltempos zu drehen; vor allem bei Bernardino Bellapiantas Orientreisen merkt man das. Meine Vorliebe für überhebliche Dandy-Typen mit scharfer Zunge bricht auch bei Bernardino Bellapianta manchmal durch, dann kommt es mir vor, als spräche Lord Henry Wotton aus Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray zu mir. Schließlich werden in Pandolfo Gespräche gelegentlich etwas umständlich durch indirekte Rede wiedergegeben; dieses Mittel führt Daniel Kehlmann sehr konsequent in Die Vermessung der Welt vor, um die Verschrobenheit der Sprecher und die Umständlichkeit des Gesprächs zu unterstreichen; ich habe es bei Pandolfo vor allem angewandt, wenn ein Dolmetscher im Spiel ist. Passagen, die in wörtlicher Rede steif wirken würden, lassen sich so zusammenfassen und mit einer ironischen Einfärbung versehen.

Pandolfo

Pandolfo

Ein überwältigend prächtiger, phantastisch recherchierter und ungeheuer spannender historischer Roman in der Tradition von Umberto Eco. Mailand 1493: Der junge Pandolfo wird schwer verletzt und ohne Gedächtnis von dem Seidenhändler Bernadino Bellapianta auf der Straße gefunden. Nun arbeitet er für den reichen Unternehmer und Abenteurer. Auf der ...  Weiterlesen

Preis: € 24,00
Seitenzahl: 544
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-09356-3
26.03.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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