18.10.2015   von rowohlt

Messeimpressionen, Tag 5 und 6

Das war sie: die Frankfurter Buchmesse 2015

iStockphoto.com
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Eigentlich sind es zwei Buchmessen. Von Mittwoch bis Freitag dominiert das Fachpublikum – am Wochenende dann ein ganz anderes Bild. Alles wird bunter, jünger lauter, hektischer. Väter, die ihren im Gewusel verlorengegangenen Kids hinterherrennen; verkleidete Teenager, die aussehen wie einem Horror-Manga entsprungen; vor Energie sprühende Möchtegern-Autoren, die in strengem Ton den «rororo-Cheflektor» zu sprechen verlangen – vermutlich soll der Buchvertrag gleich hier und heute unterzeichnet werden. Diese zweite Buchmesse macht uns Verlagsleuten genauso viel Spaß wie die erste – vorausgesetzt, wir sind am Messewochenende kräftemäßig nicht schon völlig am Ende. Aber es sind ja nur noch ein paar Stunden ...

Miteinander gegeneinander: Krimi-Speeddating!


Zu den reizvollsten Präsentationsformen von Literatur bei der Frankfurter Buchmesser zählt das Krimi-Speeddating.  In prominenter Runde las am Samstag die Wiener Autorin Ursula Poznanski aus ihrem gemeinsam mit Arno Strobel verfassten Thriller «Fremd». Hinreißend die Mienen der Mitkombattanten Petra Reski, Ulrich Wickert und Oliver Bottini (nicht im Bild) ... Alles so schön fremd hier! 


Zwölf auf einen Streich


Eine der meistgestellten Fragen an die KollegInnen am Rowohlt-Messestand: Wo sind eigentlich die Romane von (zum Beispiel) Paul Auster? Die Antwort liegt auf der Hand: In der Regel können nur die frisch erschienenen Bücher am Stand präsentiert werden  und zwar exakt so, wie auf dem Bild zu sehen: Immer gleich zehn oder zwölf auf einen Streich, damit das messemüde Auge sie überhaupt erspäht und einen Moment dort verweilt. Merke: Zwölf «Sekundenschafe» sieht man besser als eins! Würden wir aus Reinbek ALLE AutorInnen mit ALL ihren Büchern nach Frankfurt schaffen, müssten wir grob geschätzt eine ganze Messehalle anmieten. Das würde niemandem Spaß machen. Und uns finanziell so was von ruinieren.


Gimme dat ding, und zwar pronto!


Warum nur kommt einem in Frankfurt immer wieder das Spaßlied der Pipkins «Gimme dat ding» in den Sinn? Wer zur Buchmesse geht, kommt nicht mit leeren Händen nach Hause: niemand, niemals. Während sich die Literaturfreaks Tüten, Taschen &  Rucksäcke mit Verlagsvorschauen, Feuilletons und Leseproben aller Art vollstopfen, sind die als Einzeljäger oder in Horden umherstreifenden Kids deutlich pragmatischer. Hauptsache bunt, lecker und lustig. Kurzer Checkerblick, dann zuschlagen: Gimme dat ding! Unter dem skeptischen Blick von Comic-Star Ralf König («Pornstory»), dem Mann mit dem kessen Hütchen im Hintergrund, werden die Goodies am Rowohlt-Stand inspiziert. Die Streichhölzer mit dem Motiv des Rachel-Kushner-Romans «Flammenwerfer»: Krass geil!  Die Gangsta-Drops (zu David Walliams’ hinreißendem Kinderbuch «Gangsta-Oma»): Will ich haben! Das an einer Leseprobe (Sara Gruens: Die Frau am See) klebende Tütchen mit köstlichen Karamellbonbons: Her damit! Gimme dat ding, und zwar pronto!


Ich bin ein einzlkind, ich bin ein einzlkind ...


Keiner kann von 9 Uhr bis 18 Uhr pausenlos am eigenen Stand sein, auch wir Rowohlt-Menschen nicht. Natürlich lassen wir uns auch von dem inspirieren, was andere machen, wie sie ihre Bücher/Themen/Autoren inszenieren. Wer mit offenen Augen durch die Gänge streift, findet immer wieder witzige, coole Sachen. Zum Beispiel: einzlkind und «Billy», ein Buch mit rätselhaftem Autorenname. Ein Krimi, in dem laut Süddeutsche Zeitung Magazin «viel herumgefahren und noch mehr herumgeballert» wird. Anders gesagt: «Fucking cool!» (1Live Klubbing) Für Frankfurt haben sich die Marketing-Leute von Insel was Flottes einfallen lassen: #ElwisLebt, Selfies mit Elwis, dem Impersonator. Auch wenn wir uns normalerweise kein w für ein v vormachen lassen (oder war’s umgekehrt?), wir haben Blut geleckt. Und bleiben Elvis, pardon: Elwis, von jetzt an auf den Hacken.


Carla und das süße Herz der Messe


Buchmesse, das ist viel mehr als ein Marathon aus Büchern, Autoren, Interviews. Buchmesse, das heißt auch: sich an anderen reizvollen Dingen zu laben. Man kann hier die leckersten Sachen essen (Currywurst und Pasta, Sushi, vegane Kreationen und indonesisches Street Food). Hier sehen wir unsere Kollegin Carla M. (Rowohlt-Umschlagabteilung) auf dem Hof zwischen den Messehallen. Was sie in der Hand hält?  Eine, wie soll man sagen, karamellisierte Leseprobe (Sara Gruen: Die Frau am See). Sachen gibt’s - passt schon!


Indonesien, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2015


Indonesien, Land der 17.000 Inseln, das größte moslemische Land der Erde. Viele junge Autoren setzen sich in ihren Texten mit der gewaltvollen Vergangenheit ihres Landes auseinander. «Die meisten Bücher indonesischer Autoren sind extrem politisch,» so Buchmesse-Chef Jürgen Boos. Vor fünfzig Jahren, zwischen Oktober 1965 und März 1966, machten die indonesische Armee unter General Suharto und islamische Milizen Jagd auf (tatsächliche oder mutmaßliche) Sympathisanten der Kommunistischen Partei. Aus einer Verhaftungswelle wurde unfassbarer Massenmord. Am Ende waren fast eine Million Menschen tot. Kein Wunder, dass die politische und literarische Aufarbeitung der Suharto-Diktatur noch immer nicht abgeschlossen ist. 


Hot and spicy! Indonesien kocht


Über 60 indonesische AutorInnen wurden nach Frankfurt eingeladen. Sie repräsentieren die ganze literarische Bandbreite: Lyrik und Romane, Kinderbücher und Comics, Kochbücher und Reisereportagen. Unterstützt als Botschafter indonesischer Kultur werden sie von Starkoch William Wong und fünfzehn weiteren Köchen, die unter dem Motto «Spice it up» den Buchmessen-Besuchern Köstliches aus ihrer Heimat anbieten. Willkommen in der Gourmet Gallery auf dem Messegelände und an den original Street Food-Garküchen aus Indonesien!


Noch einmal rein ins Gedränge


Irgendwann hat auch der leidenschaftlichste Büchermensch genug Bücher, Stände, Plakate gesehen. Hat sich durch Menschenmassen geschoben («1000 Mal berührt, gar nichts ist passiert»), um von Punkt A nach B zu gelangen. Um dann zu merken, dass man mal wieder Halle 5 mit Halle 4 verwechselt hat. Also: zurück, raus und wieder rein. Irgendwann kann und will man nicht mehr. Zu laut, zu heiß, zu weit, zu schlechte Luft. Wohin also, bevor man nach Hause aufbricht? Es gibt sie noch, die Oasen der Stille, des Rückzugs, der Kontemplation. Zum Beispiel hier:


Stiftung Buchkunst: Hier sind sie, die schönsten Bücher


In Halle 4.1, Stand N89 schlägt das Herz jedes bibliophilen Buchliebhabers höher. Die Ausstellung von Stiftung Buchkunst zeigt die schönsten und allerschönsten Bücher des vergangenen Jahrgangs (u.a. hier zu sehen: Paul Austers «Winterjournal» und Georg Kleins Roman «Die Zukunft des Mars»). Der mit 10.000 Euro dotierte Preis der Stiftung Buchkunst 2015 geht an Michael Glawoggers «69 Hotelzimmer“ aus dem Verlag Die Andere Bibliothek (gestaltet von Andreas Töpfer, Berlin). Wir gratulieren herzlich!


Und noch eine Oase der Stille ...


Hingehen, schauen, staunen: Buchobjekte, eines hinreißender als das andere. 


Wiedersehen, Tschüss & Bye-bye!


Das waren unsere Messeimpressionen 2015 aus Frankfurt. Hat Spaß gemacht! Wir kommen wieder, versprochen. Was uns dieser Kalenderspruch sagen will? Och bitte, bleib doch noch ein bisschen! Nö, sagt das Leben. Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist.


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