20.10.2016   von rowohlt

Messeimpressionen: Frankfurt – Tag 2

Willkommen bei der Frankfurter Buchmesse, willkommen bei Rowohlt!

© iStockphoto.com
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Vom 19. bis 23. Oktober hat die Frankfurter Buchmesse wieder ihre Tore geöffnet; Ehrengast in diesem Jahr sind Flandern und die Niederlande. Mehrere hunderttausend Besucher, 7.100 Aussteller aus über 100 Ländern, rund  4.000 Veranstaltungen, fast 1.000 akkreditierte Journalisten und Blogger – imposante Zahlen für das Branchenereignis des Jahres. Wieder einmal gilt: Frankfurt ist mehr als Goethe, Römer, Städel, Schirn, Eintracht und Ebbelwoi – in diesen Tagen ist die Mainmetropole the place to be für Büchermenschen aus aller Welt.  


Martin Mosebach mit Ernst Grandits am 3sat-Stand

«Auf den Gipfeln deutscher Erzählkunst spaziert Martin Mosebach mit unnachahmlicher Eleganz und Leichtigkeit», notierte Felicitas von Lovenberg in der FAZ. Mit «Mogador» ist Mosebach das Kunststück gelungen, einen Roman zu schreiben, der Kriminalfall und marokkanisches Märchen zugleich ist. Erzählt wird von einem jungen Banker, der sich im Düsseldorfer Polizeipräsidium während eines Gesprächs, das immer stärker verhörartige Züge annimmt, mit einem Sprung aus dem Fenster (und einer slapstickartigen Flucht) in eine phantastische Parallelwelt rettet – an die  marokkanische Atlantikküste, in «die Stadt der ertrunkenen Fischer und der jungen Witwen», nach Mogador (so der alte portugiesische Name der Hafenstadt Essaouira). Dort residiert Monsieur Pereira, reich, kultiviert, mächtig. Von ihm erhofft sich Patrick die Befreiung aus seiner Notlage; ohne die Gunst dieses Mannes, fürchtet er, ist sein Weg zum Unberührbaren, zum Outlaw vorgezeichnet …


Bob Dylan oder: Ein Lob der Unerreichbarkeit

Die Reaktionen auf den Literaturnobelpreis 2016 für Bob Dylan waren gespalten. Die einen fanden die Entscheidung cool, andere merkwürdig und wieder anderen war es egal. US-Autor Joshua Cohen: «Die Entscheidung des schwedischen Komitees ist eine selbstverliebte Rechtfertigung der Babyboomer-Generation und ihrer Gegenkultur. (…) Mein Rat dazu: Lasst den Eltern ihre Sentimentalität. Dann werden sie dir eines Tages vielleicht ihr Geld überlassen.»
Die einen meinen so, die anderen so. Kurz gesagt: alles wie immer. Wobei – ein Thema hält sich hartnäckig: Wieso schweigt der große Meister? Kein Bild, keine Erklärung, nicht einmal ein karges «Danke» von His Bobness – darf der das? Ja, darf er. Auch wenn wir offenbar in einer Gesellschaft leben, in der jedermann jederzeit erreichbar zu sein hat: Noch gibt es kein Gesetz, das uns zwingt, auf alles sofort zu antworten, zurückzuschreiben oder zurückzurufen. Bob Dylan hat offenbar beschlossen, seine Songlines, Gedichte und anderen Texte für sich sprechen zu lassen. Davon gibt es nicht wenige, wie das Bild vom Messestand von Hoffmann und Campe zeigt.


Dass der großartige Dramatiker, Schauspieler und Agitator Dario Fo, Nobelpreisträger des Jahres 1997, im Alter von 90 Jahren genau an dem Tag starb, als Dylan der Preis zugesprochen wurde, am 13. Oktober 2016, passt wunderbar ins Bild. Nicht erreicht, nicht zurückgerufen, kein Mucks – das hätte dem großen italienischen Komiker gefallen. Von ihm hätte auch der Satz stammen können, den wir Kurt Tucholsky verdanken: «Was wäre der Mensch ohne Telefon? Ein armes Luder. Was aber ist er mit dem Telefon? Ein armes Luder.»


500 Seiten, 35 Kilo, Format 50 x 70 cm, 2.000 €

Wer ein paar Stunden durch die Hallen der Frankfurter Buchmesse läuft, pardon: geht (bzw.: schleicht), dessen Sinne werden arg strapaziert. Es ist unglaublich laut, die Augen schmerzen vor lauter Büchern, Bildern, Menschen, grellen Lichtern. Ständig wird man angerempelt (und rempelt ständig andere an), man legt Kilometer um Kilometer zurück, langsam zwar, aber stetig. Wer von Rowohlt in Halle 3.1 zu den Kolleg*innen von Hanser in 3.0 will, muss eigentlich nur ein Stockwerk runter. Aber das kann dauern – oft schwimmt man förmlich gegen Menschenmassen an, wenn man im «falschen Gang» unterwegs ist. Abends dann ist man hundemüde, lechzt nach Frischluft und einem Glas Wein. Aber – man hat auch verdammt viel gesehen. Kleine Messestände, mittelgroße, riesengroße. Und keiner sieht wie der andere aus: von minimalistisch-karg bis protzig, von edel schwarz-weiß bis knallbunt: alles dabei. Alle Formen, alle Farben, alle Designs. (Hier ein Bild vom – mittelgroßen – Stand des Frankfurter Größenwahn Verlags: bunt, originell, einladend. Und unübersehbar.)
Es gibt aber nicht nur irre große Verlagsfestungen, es gibt auch unfassbar große Bücher. Am Stand des Taschen Verlags in Halle 4.1 ist – eine Art Sonderausstellung für sich – ein Buch (oder soll man sagen: eine Buchskulptur?) des Malers David Hockney zu bestaunen: «A Bigger Book», ein Bildband von monumentalen Ausmaßen. 500 Seiten stark, 35 Kilo schwer, 50 x 70 cm groß. Faltet man eine der dreizehn Ausklappseiten komplett auseinander, ergibt das eine Spannweite von zwei Metern. Hockneys Bildband, ein «Empire State Building der Buchkunst», kostet in der sog. preiswerten, auf 9.000 Exemplare limitierten Sammler-Edition 2.000 €. Ach ja, der von Marc Newson designte Dreifuß-Buchtisch ist inklusive. Hockneys Buchsignatur natürlich auch. Aber was heißt hier schon natürlich?


Jojo Moyes: Nicht da. Doch da …

Sie muss gar nicht körperlich anwesend sein, um auf der Buchmesse unübersehbar zu sein. Mit ihren Romanen «Ein ganzes halbes Jahr» und «Ein ganz neues Leben» hat sie ein Millionenpublikum in aller Welt berührt: bittersüße Geschichten über Liebe und Freundschaft, Hingabe und Verlust, Glück und Tod – Liebesgeschichten, die man so schnell nicht vergisst. In einem Interview mit der FAZ hat Jojo Moyes von ihrer Verblüffung über den unfassbaren Erfolg ihrer Bücher erzählt: «Im deutschsprachigen Raum reagieren die Leute wie nirgendwo sonst. (…) Das ist unglaublich. Ich fühle mich hier wie ein Rockstar. Zu Hause in England, wo wir wohnen, ist das ganz anders. Die Leute kannten mich da schon, als ich noch völlig unbekannt war. Ich bin für die einfach das Mädchen, das über dem Friseurladen arbeitet. Keiner interessiert sich für mich.» Das war 2014; mittlerweile dürfte die britische Erfolgsautorin auch at home mehr sein als «einfach das Mädchen, das über dem Friseurladen arbeitet».
Jojo-Moyes-Fans können sich freuen: Ihr Roman «Im Schatten das Licht» erscheint im Januar 2017 bei Rowohlt Polaris. Strahlende Aussichten sind das.


Fotoshooting mit Simon Beckett

Lange haben wir auf Simon Becketts neuen Thriller um den forensischen Anthropologen Dr. David Hunter warten müssen. Das Warten hat ein Ende: seit einer Woche lesen Zehntausende Beckett- und Hunter-Fans «Totenfang». Dr. Hunters fünfter Fall spielt in den Backwaters, einem unwirtlichen Mündungsgebiet in Essex. Alle Beckett-Romane sind in einsamen Gegenden angesiedelt, auf der kleinen Hebriden-Insel Runa, in den Apalachen, in Dartmoor. «Ich reise gern an abgelegene Orte und schreibe auch gern darüber. Es ist mir wichtig, für jedes meiner Bücher den perfekten Schauplatz zu finden. Ich finde es faszinierend, dass bestimmte Landschaften seit wer weiß wie langer Zeit existieren und – vorausgesetzt, wir zerstören sie nicht-, noch da sein werden, wenn wir es längst nicht mehr sind.Für einen Schriftsteller sind solche Gegenden ein Geschenk, sie haben eine ganz besondere Atmosphäre. Und sie zeigen, wie schnell die Natur sich gegen uns wenden kann …»


Jens Balzer auf dem Blauen Sofa

«Wer hier sitzt, hat es geschafft. Seit 16 Jahren stellen die Partner des Blauen Sofas – Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und das ZDF – die wichtigsten Autoren der Buchmessen vor», heißt es auf der Website das-blaue-sofa.de. Jens Balzer hat es geschafft: auf dieses legendäre Sofa, mit seinem fulminanten Buch «Pop». Balzer skizziert Strömungen, Akteure, Trends und Konstellationen der letzten zehn Jahre. Macho-Heroen und grausame Frauen, Artefakte des monotonen Lärms und Statuspanikpop, die frivole Faulheit der neuen Diven und «Mädchen, die sich wie Männer anziehen, die sich wie Mädchen anziehen» – alles drin in «Pop». Balzer, stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton der Berliner Zeitung, hat einen Ruf weg. Vielen gilt er als einer der überragenden Popkenner und Popkritiker der Gegenwart, scharfzüngig und analytisch brillant. Der «Popkardinal» scheint alles im Blick zu haben, von den Strokes und XJapan bis Rihanna, von 18+ und Rammstein bis Kendrick Lamar. Manchmal rüpelt er seine Wut raus, dass es eine Freude ist. Céline Dion: «paradigmatische Beknacktheit»; Sting: «Wer von Zombies spricht, darf natürlich von Sting nicht schweigen.» So viel an dieser Stelle über Frau Dion und Herrn Sting. Und damit zurück in die Funkhäuser.


Das ist das Haus vom …

… nein, definitiv entsteht hier nicht das bei Kindern so beliebte 8-Strich-Haus-vom-Nikolaus. Nein, hier am neuen Blogger-Treffpunkt am Rowohlt-Stand entstehen Cartoons in Echtzeit. Und das funktioniert so: Klassische Werkstattsituation – Blogger schlagen ein Motiv vor, der Illustrator Oliver Kurth bringt in Windeseile das Motiv zu Papier, und David Safier erzählt eine Geschichte «drumherum». Safier & Kurth, ein brillant funktionierendes Team. Safier hat mit seinen Romanen (u.a. «Mieses Karma», «Jesus liebt mich», «Plötzlich Shakespeare», «Happy Family», «28 Tage lang») Millionenauflagen erreicht;  Oliver Kurth, gebürtiger Ostfriese, arbeitet nach seinem Kommunikationsdesign-Studium als Illustrator und Character Designer (u.a. für «Urmel auf dem Eis» und «Konferenz der Tiere»). Für David Safiers neuen Roman «Traumprinz» hat Kurth Dutzende lustiger Illustrationen beigesteuert. Zwei Könner, ein Traumprinz.


Ruhe bitte! Es reicht …

Es gibt Einfacheres, als inmitten der Buchmesse Orte der Ruhe, der Stille gar zu finden. Blödsinn – unmöglich ist das. Wer in den Messehallen Momente der Stille erleben möchte, muss sich schon nachts einschließen lassen. (Dann aber viel Spaß mit der Security – das könnte laut werden!) Und doch gibt es sie, diese Orte, die einen an das erinnern, was uns in diesem Menschengewühle am meisten fehlt: Ruhe. Alleinsein. Schweigen.  
Das Bild zeigt einen dieser seltenen, kostbaren Orte (auch wenn hier mit der Sehnsucht nach Ruhe und Rückzug nur augenzwinkernd gespielt wird). Keep calm und gönne deinen grauen Zellen endlich etwas Entspannung! Am liebsten möchte man sich auf dem langen, grauen Sofa ausstrecken, die Augen zu- und das Licht ausmachen. Und von etwas Schönem träumen, zum Beispiel einem guten Buch. Nee, das passt jetzt doch nicht hier … Ruhe bitte! Es reicht!


Wenn es Abend wird in Frankfurt …

… dann wird auch Tschick so langsam müde. Was hat er mit seinem Kumpel Maik nicht alles erlebt an diesem Tag!  Mit dem himmelblauen geklauten Lada Richtung Walachei gebrettert. Polizisten gelinkt, Mädchen kennengelernt. Und Fatih Akin kam auch noch für ein Schwätzchen vorbei, klar. Irgndwann ist aber auch für die coolsten Jungs Schicht im Schacht. Bis morgen dann!

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