24.10.2016   von rowohlt

Messeimpressionen: Frankfurt, Tag 4 und 5

Willkommen auf der Frankfurter Buchmesse, willkommen bei Rowohlt!

© iStockphoto.com
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Das war sie – die Frankfurter Buchmesse 2016; vom 19. bis 23. Oktober waren ihre Tore geöffnet. Ehrengäste in diesem Jahr: Flandern und die Niederlande mit ihrer faszinierend facettenreichen Buchkultur. Mehr als 270.000 Besucher strömten trotz eher bescheidenem Wetter aufs Messegelände, um bei dem Branchenevent des Jahres dabei zu sein. Auf Wiedersehen im Oktober 2017, dann mit Frankreich als Gastland. 

Deutscher Jugendliteraturpreis für Kirsten Fuchs

Mit ihrem hinreißenden Roman «Mädchenmeute» hat Kirsten Fuchs den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen – sehr zu Freude auch von Christiane Steen (Programmleiterin rotfuchs) und Gunnar Schmidt (Verleger Rowohlt Berlin).
Hier die Jurybegründung: «Ein Abenteuerbuch mit weiblichen Protagonistinnen, das hat in der Jugendliteratur Seltenheitswert. Hier erleben wir sieben Mädchen, die sich bei einem Sommercamp im Wald begegnen. Doch das Camp erweist sich als dubiose Angelegenheit und die Gruppe beschließt, auf eigene Faust Abenteuerurlaub zu machen. Mit ihrer Ich-Erzählerin, der 15-jährigen Charlotte Nowak, führt Kirsten Fuchs in die Wälder des Erzgebirges, eine Kulturlandschaft mit eigenen Geschichten. Sagengestalten werden lebendig, die Mädchen erleben Grusel und reale Ängste, Gemeinschaft und Auseinandersetzungen. Fuchs erzählt ihre Geschichte dramaturgisch geschickt in einer knappen, in Bildern und Konstruktion sehr lebendigen Sprache. Ein großer Reiz des Buchs liegt in der unterschiedlichen Charakterisierung der sieben Figuren. Und Charlotte, die anfangs schrecklich Schüchterne, wächst schließlich über sich hinaus. Selbstironie und Humor sowie mit fortschreitender Handlung zunehmende Reflexion gibt die Autorin ihrer Hauptfigur mit und gestaltet auch dadurch einen großartigen Spannungsbogen.»

Simon Beckett behind the walls

Hier sehen wir einen sichtlich erfreuten Autor hinter einer Mauer von – in klassischem Beckett-Schwarz-Weiß gehaltenen – Büchern. So viel «Totenfang» war selten! Kaum jemand schreibt über die Prozesse des Vergehens und Sterbens so präzise wie der britische Bestsellerautor. Auf die Frage, ob diese literarische Thematik sein eigenes Verhältnis zum Tod nicht spürbar verändert habe, antwortete er im Interview: « Eher hat meine Haltung zum Tod mein Schreiben beeinflusst als umgekehrt. Hunters Staunen über die Diskrepanz zwischen den menschlichen Überresten, die er untersucht, und der Persönlichkeit, die diesen Menschen zu Lebzeiten ausgemacht hat, ist etwas, das auch mich beschäftigt. Dieser Gedanke brachte mich damals auf die Idee für «Die Chemie des Todes», und das Thema fasziniert mich nach wie vor.»
Am Rande der Buchmesse wurde Simon Beckett eine besondere Ehrung zuteil: Für 200.000 verkaufte Hörspielfassungen von «Die Chemie des Todes» erhielt er einen Platin Award. Platin! Damit hat Beckett endgültig zu anderen Berühmtheiten seiner Heimatstadt Sheffield (wie Joe Cocker, Pulp oder Arctic Monkeys) aufgeschlossen. Wir gratulieren!

Lamya Kaddor trifft Claudia Roth

Zwei Frauen, die sich offenkundig verstehen: die Grünen-Politikerin Claudia Roth, seit 2013 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, und die Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Und zwei Bücher, die sich bestens ergänzen. Lamya Kaddor hält Roths aktuelles  (gemeinsam mit Fetsum Sebhat verfasstes) Buch «So geht Deutschland» in Händen, eine «Anstiftung zum Mitmachen und Einmischen» (erschienen im Westend Verlag), während Roth Lamya Kaddors vieldiskutiertes Buch «Die Zerreißprobe» präsentiert.
Seit dem Erscheinen ihres Buches schlägt Kaddor eine Welle von Hass entgegen. Sie wird in den sozialen Medien beschimpft, verunglimpft, bedroht, es gab Morddrohungen. Lamya Kaddor setzt sich in ihrem aktuellen Buch mit der Frage auseinander, ob «die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht». Für das Phänomen der hysterischen Reaktion auf Migranten («Überfremdungsängste») prägte sie den Begriff «Deutschomanie»; mit ihm beschreibt sie Menschen, die sich fremdenfeindlich äußern, aber «nicht typisch und merkbar rechtsextrem daherkommen». Kaddor, die an einer Sekundarschule in Dinslaken islamische Religion unterrichtet, hat sich mittlerweile vom Schuldienst beurlauben lassen – aus Sorge um ihre Sicherheit, aber auch um jene ihrer Schüler und Kollegen.

Die neue buchboutique – mit ganz viel Herz!

Ein Hingucker am Rowohlt-Stand in Halle 3.1: die Präsentationskonsole der runderneuerten buchboutique: Treffpunkt für alle, die Bücher mit Herz lieben. Heiß begehrt waren die herzig-roten Taschenwärmer mit dem Aufdruck «Bücher mit Herz». Nun kann sie kommen, die kalte Jahreszeit.

Buchbotschaften auf der Buchmesse

Augen auf, es gibt Buchbotschaften ohne Ende! Von flinken Parolen wie «Denken hilft» und «Geist ist geil» über halbphilosophische Sentenzen wie «Some say truth is in the book» bis zu expliziten Einkaufshilfen. Jeder weiß es: Man kann seine Bücher in Amazonien kaufen. Oder in der Buchhandlung gleich nebenan. Und ist gleich nebenan mal nicht gleich nebenan, sondern eine Kleinstadt oder ein Stadtviertel nebenan weiter, gibt es auch Wege und Mittel, diese zu finden. 

Unterwegs im antiquarischen Paralleluniversum

Wahre antiquarische Buchschätze wurden auch in diesem Jahr in Halle 4.1 den Besuchern (und interessierten Käufern) der Antiquariatsmesse von 36 Antiquariaten aus dem In- und Ausland präsentiert: u.a. Inkunabeln und fru?he Schriften zu Naturwissenschaften, Theologie und Philosophie sowie alte Graphiken. Auch das 20. Jahrhundert kommt nicht zu kurz; Autographen, Pressendrucke, Bu?cher mit Originalgrafik bereichern das Angebot. Zu den Highlights zählte der Teilnachlass von Texten Ingeborg Bachmanns, die in diesem Jahr 90 Jahre geworden wäre (Vorlesungsmitschriften, Briefe, Doktorarbeit).

Ruhe nach und vor dem Sturm

Vor ein paar Tagen haben wir in den Messeimpressionen behauptet, wirkliche Orte der Ruhe, der Kontemplation, des Rückzugs könne es bei einer Buchmesse dieser Größenordnung wie in Frankfurt nicht geben. Diese neunmalschlaue Einlassung müssen wir hier offiziell revidieren. Von wegen «Kein Ort. Nirgends»! Zu den beglückendsten Momenten für alle, die nicht nur in den großen Literaturhallen unterwegs waren, zählte der Besuch dieser Installation im Pavillon der diesjährigen Buchmesse-Ehrengäste Flandern und Niederlande. Allein 2016 erscheinen über 250 Titel aus dem Niederländischen auf Deutsch, verteilt auf die Genres Romane und Erzählungen, Kinder- und Jugendliteratur, Sachbuch, Poesie, Theater sowie Graphic Novels. Wer Momente der Ruhe, des Rückzugs inmitten der visuellen und akustischen Herausforderung Buchmesse suchte: hier konnte man sie finden. 

Das Wetter? Alles eine Sache der Perspektive!

Wer kennt nicht das legendäre knallrote Plakat des SDS: «Alle reden über das Wetter. Wir nicht», eine mit den Köpfen von Marx, Engels und Lenin verzierte Persiflage auf ein Werbeplakat der Deutschen Bahn. Doch, 2016 war das Wetter durchaus ein Thema, zumindest bei der Buchmesse. Veteranen dieser Veranstaltung werden bestätigen, dass bei unglaublich vielen Messen in den letzten Jahrzehnten prachtvolles Wetter herrschte, Oktober hin oder her. Von goldenem Oktober konnte diesmal nicht die Rede sein. Es war eher neblig, kühl und regnerisch, wie dieses Bild vermuten lässt. Zumindest ist alles stehengeblieben, auch die perspektivisch schiefen Hochhäuser der berühmten Frankfurter Skyline.

Auf ein Neues!

Dieses wunderbare Bild verdanken wir unserer Kollegin Kristina Krombholz. Es zeigt … ja, was eigentlich? Einen Raben? Wenn ja – lesen Raben jetzt auch Bücher? Da wir rabentechnisch nicht besonders firm sind, delegieren wir die Antwort an einen wirklichen Vogelkenner (ein User namens supiwettert): «Raben haben in der Mythologie - vor allem in der germanischen - ihre Spuren hinterlassen und spielten im antiken Vogelorakel eine herausragende Rolle, wobei es wohl besonders auf ihre Lautäußerung ankam. Ganz rabenschwarz war es um die Zukunft bestellt, wenn die dunklen Gesellen zu krähen oder krächzen anfingen … Alle Rabenvögel beherrschen einen leisen Plauder-Gesang und haben ein großes Stimmspektrum … Die Rabenvögel werden normalerweise an die Spitze der Singvögel gestellt. Die Gründe dafür sind ihre für Vögel erstaunlichen geistigen Fähigkeiten, ihre Größe und ihr komplexes Verhalten.» Aha, da haben wir es: erstaunliche geistige Fähigkeiten, Größe, komplexes Verhalten – willkommen in der Welt der Büchermenschen. Auf Wiedersehen, bis bald bei der Leipziger Buchmesse (23. bis 26. März 2017)!

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