02.01.2016   von rowohlt

Mensch, Wolf, Werwolf

David Monteagudos Spezialität: seinen Lesern jede beruhigende Gewissheit zu verweigern

Vollmond in der archaischen Landschaft der galicischen Berge. Eine Serie von Frauenmorden erschüttert das Dorf Brañaganda. Die Menschen, die dort immer schon im strengen Rhythmus der Natur leben, haben dafür nur eine Erklärung – ein Werwolf treibt sein Unwesen. Tradition und Legenden sind fest im Bewusstsein der Bergbauern Galiciens verankert. Nur der Waldhüter Enrique, der Mann der Dorfschullehrerin, stemmt sich gegen den bizarren Werwolf-Verdacht. Was ihn selbst in den Augen der Bewohner von Brañaganda umso verdächtiger macht ...

«Präzise Prosa, nuancenreich, höchst evokativ.» (La Vanguardia)

Schon in seinem fulminanten Bestseller «Ende» hat sich der spanische Autor David Monteagudo mit den Grenzen der Rationalität auseinandergesetzt: 25 Jahre nach ihrem letzten, von sentimentalen Erinnerungen umrankten Treffen macht sich die Clique von einst erneut auf den Weg zu der einsamen Berghütte nahe Peñahonda. Gleicher Tag, gleiche Uhrzeit – alle zurück auf Los. Das Wiedersehen endet in einer unbegreiflichen Katastrophe. <i>Irgendetwas</i> ereignet sich in jener Nacht, ein Unfall, ein Unglück, ein namenloses Unheil, keiner weiß es. Einer nach dem anderen verschwindet plötzlich auf Nimmerwiedersehen …


Schuld und Verdrängung, der Wille zur Vernunft und die zerstörerische Kraft der Leidenschaft, das sind Monteagudos Themen. In den Geschichten, die er erzählt, verliert man nach und nach den Boden unter den Füßen. Das Faszinierende an diesen Erzählungen aus einer fremden, immer rätselhafter werdenden Welt ist, dass Monteagudo den Knoten am Ende nicht  durchschlägt und uns keine einfache Erklärung für die beunruhigenden Phänomene anbietet. Was meinst du, was ist wirklich passiert – mit dieser Frage lässt Monteagudo uns, die Leser, zurück.

«Etwas würde geschehen. Und es geschah ...»

Auch «Wolfsland» beginnt als realistische Geschichte, um dann ins Phantastische zu wuchern. Erzählt wird sie von Orlando, dem Sohn vom Enrique und der Lehrerin. «Ich werde nie den Tag vergessen, an dem der Werwolf zum ersten Mal zuschlug ...» An jenem Tag «tötete, ja verschlang der Werwolf eine junge Frau aus dem Dorf, die nach Einbruch der Nacht auf dem Heimweg gewesen war», Sara de Couceiro. Ein Jahr später, in einer anderen Vollmondnacht, kommt das nächste Opfer zu Tode, mit den gleichen Spuren viehischer Gewalt – Rosalía de La Veiga. 


Die Kinder des Dorfes beginnen sich vor dem Mond zu fürchten, und auch unter den Erwachsenen in der kleinen, weit verstreuten Gemeinde wächst die Angst vor dem Unerklärlichen, Unaussprechlichen – die Angst vor dem galicischen Werwolf. Das Tal ist in Aufruhr. «Die Folge von alldem war Angst. Angst, nach Einbruch der Dämmerung das Haus zu verlassen, argwöhnische Blicke in alle Richtungen, wenn die Nacht einen Bewohner in den Bergen überraschte, fernab von seinem sicheren Zuhause. Und Misstrauen – wie könnte es anders sein –, Verdächtigungen, verdeckte Ablehnung und Heuchelei, die vor allem die Eigenbrötler trafen, die zurückgezogen lebten oder schlicht nicht sonderlich gut gelitten waren.»


Welche Rolle spielt die «Senora» in diesem Spiel mit dem diffusen Schrecken? Doña Isabel de Freire, die allein lebende, aristokratisch auftretende Frau mittleren Alters, hat sich erst vor kurzem in dem versteckten Jagdhaus am äußersten Ende des Waldes niedergelassen. Sie sei gekommen, «um der Welt zu entsagen», anders kann sich Enrique nicht erklären, weshalb die distanzierte, zum Sarkasmus neigende Doña Isabel gerade hier, in den galicischen Bergen, ihren Lebensabend verbringen möchte.  Und was ist mit Gutsherr César Besteiro, der den verzweifelten Schrei der Bauern aufgreift und bereit ist, eine Art Bürgerwehr gegen das Wüten des Werwolfs zu bewaffnen? 

Mensch, Wolf, Werwolf

Don Enrique ist der Einzige, der sich in der Dorföffentlichkeit entschieden gegen die Existenz eines Wolfsmenschen ausspricht. «Sollten nicht Tiere hinter diesen Gewaltakten stecken, würde ich am ehesten auf die aggressive Natur des Menschen tippen. Denn eines versichere ich dir, Orlando: Der Mensch ist zu den schrecklichsten Grausamkeiten fähig, dazu müssen ihm keine Haare, Nägel und Reißzähne wachsen.» Was Orlando zusehends irritiert, ist etwas anderes: die kaum versteckte Leidenschaft seines Vaters für das bezaubernde Mädchen Cándida, die Tochter Delfinas ...


Man liest atemlos weiter und weiß doch nie, wie das enden wird. Wäre «Wolfsland» ein Kriminalroman, wir könnten gewiss sein, am Ende aller peinigenden Ungewissheit ledig zu sein. Diese beruhigende Gewissheit aber verweigert David Monteagudo seinen Lesern. Und genau das macht die eigenartige Schönheit seiner Geschichten aus. 

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