29.03.2016   von rowohlt

«Meine Hölle bin ich selber»

Künstlergenie, Bürgerschreck, Borderliner: «Henning Albrechts exzellente Biografie des Künstleroriginals Horst Janssen» (FAZ)

«Heute, zwanzig Jahre nach seinem Tod, ist Horst Janssen ein nahezu Unbekannter, der Ruhm verweht, der Gefeierte fast vergessen. Der Szene und der Kunsthistorie gilt er nichts» … Grund genug, sich dem Leben und dem Werk des in Oldenburg geborenen Hamburger Künstlers mit Neugier und Offenheit zu widmen. Henning Albrechts über 700 Seiten starkes Buch ist die erste umfassende Biografie des Ausnahmekünstlers: eine detektivische Recherche, ein Lebensbild, eine große Erzählung.


Ursprünglich sollte (und wollte) Albrecht einen maximal 130 Seiten langen Janssen-Beitrag für die Schriftenreihe «Hamburger Köpfe» der ZEIT-Stiftung verfassen. Aber wie soll man einen genialisch begabten Feuerkopf und «sozialen Kretin», der sich mit Gott und der Welt anlegte, in 130 lesbare Seiten pressen? Die nach fünfjähriger Arbeit vorliegende Biografie des Hamburger Historikers umfasst, den rund 100-seitigen Anmerkungsteil mitgerechnet, 717 Seiten. «Henning Albrecht schreibt plastisch, ausdrucksstark und elegant. Ihm liegt nicht daran, eine Skandalchronik zu schreiben, geschweige denn eine Hagiographie. Er hält die nötige Distanz und verzichtet nie auf eine kritische Haltung zu Janssen.» (literaturkritik.de)

«Verflucht und begnadet zugleich»

«Er bleibt innerlich ein traumatisiertes, unentwickeltes Kind», schreibt Johannes Groschupf in seiner Besprechung auf literaturkritik.de: «verantwortungslos, unsicher, verängstigt, ungeregelt, maßlos, endlos verspielt, theatralisch, dabei auch wach und einfühlsam. Ein Egozentriker, ein klassischer Borderliner, der früh schon seine inneren Ängste mit Alkohol zu dämpfen versucht oder durch Aggressionen auslebt.» Freundschaftssüchtig, aber nicht freundschaftsbegabt; liebesbedürftig, aber nicht liebesfähig – ein Virtuose des «Verlass mich nicht!», der viele Frauen anzog, um sie dann wieder wegzujagen.


So exzentrisch, unberechenbar und unerträglich er sich als Mensch oft zeigte, so akribisch und leidenschaftlich agierte er als Künstler. Ob Holzschnitt, Bleistiftkritzelzeichnung oder Radierung, in jeder grafischen Disziplin wusste er zu brillieren. «Er erzielte Graustufen nicht durch Verreiben des Graphits, sondern durch tausende penibel gesetzte Striche – so fein, dass sie fast als geschlossene, stoffliche Flächen erscheinen. Das alles ohne jede Korrektur und ohne dass Lebendigkeit und Konzeption darunter leiden würden … Übersteigerte Präzision kippt ins Labyrinthische, Irrwitzige; Raum und Fläche fluktuieren. Wirrnis in feinster Ordnung.»


«Rainer Werner Janssen» – so hat Georg Seeßlen seine Rezension von Albrechts Studie im Freitag überschrieben. Dort beschreibt er präzise, was den großen Exzentriker Janssen zu einem großen Künstler gemacht hat: «Es gab diesen einzigartigen Strich, der einen hier an Dürer erinnerte, dort Goya zitierte, aber doch in seiner drastischen Zartheit etwas ganz Eigenes hatte, eine fließende Verbindung von Bild und Text, das Filigrane und Überfüllte, das an überraschenden Stellen ins Leere und Verschwindende übergeht. Und es war ausgerechnet die so vollkommen aus der Mode gekommene Kunst des Selbstporträts, die Janssens Eigenartigkeit zeigte.» 


Das Kind Horst: ein Versehen. Die Mutter starb, als er 13 war. Der Vater: eine Leerstelle. Die Großeltern: überfordert. So kam der Junge nach Haselünne im Emsland in die «Obhut» fanatisch nationalsozialistischer Lehrer der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (NaPoLa) –  ein ziemlich beschädigtes, kaputtes deutsches Leben. Als Janssens Rettung erwies sich die Aufnahme an der Hamburger Kunstschule am Lerchenfeld; eine glückliche Fügung war es, dort auf einen Künstlerpädagogen wie Alfred Mahlau zu treffen, von dem er die Langsamkeit des Sehens lernte: «Ja, er öffnete im genauen Wortsinn uns allen die Augen.» 


«Eine wunderbare Tour d'Horizon durch fünf Jahrzehnte Hamburger Vergangenheit» (Die Zeit)

Janssens Verhältnis zu Hamburg («Scheißstadt») und dessen Kunstbetrieb («Parasiten») blieb bis zu seinem Tod am 31. August 1995 speziell. Er hatte Freunde und Förderer aus den patrizischen Häusern der Stadt, auch wenn diese nach Partys in ihren Villen nicht selten mit dem Verlust edlen Porzellans und teurer Gläser leben mussten. Das Gros der Kunstkritiker mochte den Berserker Janssen nicht, und er hasste sie, überzog sie, wie auch die meisten seiner Künstler«kollegen», mit Hohn und Spott, gerierte sich zum großen Unverstandenen, zum verkannten Genie.


Janssen war nicht nur ein begnadeter Zeichner, Grafiker und Radierer – und ein Erzähler von höchsten Gnaden. Er hat, grob geschätzt, zwanzigtausend Briefe hinterlassen, «ein riesiger, weithin unkartierter Steinbruch»: Viele dieser Liebesbriefe, Verzweiflungsbriefe voller Spielereien, Nörgeleien und Streitereien hat Gesche Tietjens in dem Band «Ach Liebste, flieg mir nicht weg» veröffentlicht (2004 bei Rowohlt). Auch wenn er an den über ihn kursierenden Klischees und absurden Zuschreibungen oft nach Kräften mitwerkelte (Eklektiker hier, vital-unreflektiertes Genie da), machten sie ihn doch «kindlich verzagt»: «Im Nachhinein verwirren mir die Rezensenten meine gehabten Tage; sie schaukeln mir eine Wiege, in der ich nie gelegen habe, zeichnen mir Wege in meine Wanderjahre, die ich nie gegangen bin und legen mir ein Fleisch auf den Teller, das ich nicht mag.»


Er hätte ohne weiteres auch als Schriftsteller reüssieren können; viele seiner zahllosen Briefe sind pure Literatur. Kindheitserinnerungen in wunderbar klarer Sprache, philosophisch grundierte Märchen, scharfsinnige, mit Wort- und Denkspielereien gespickte Reden, politisch-kritische Pamphlete, lyrisch-zarte Naturbeschreibungen, fiktive Dispute über die ewigen Zwistigkeiten zwischen sich und der Welt und zum Mittlermedium Alkohol – all das findet sich in den Texten, die der Hamburger Künstler hinterlassen hat.


Strichnebel, Strichbündel, Strichwirbel, Strichstrudel ...

In seinem Text «Angeber X» hat Janssen sein Verhältnis zu Alkohol so beschrieben: «Wenn ich sage: Ich trinke mir den Minderwertigkeitskomplex weg und Mut an – AUCH wahr. Wenn ich sage: ich trinke mich auf das Niveau der Leute runter – AUCH wahr. Wenn ich sage: Ich saufe mich in die Lächerlichkeit rein, in die Verblödung, weil dieses Gesocks nicht dahinterkommen soll – weil es mich nicht konsumieren soll, nicht den, der hier am Arbeitstisch sitzt – auch wahr. Daß meine Sauferei nur eine lächerliche schlechte Angewohnheit ist – schlechte Erziehung und Disziplinlosigkeit – auch wahr. WAHR.» 


Man kann den einen Janssen nicht ohne den anderen haben, das Kunstgenie mit der ewig kindlichen Seele nicht ohne den aggressiven, alkoholkranken Borderliner, der gerade seine Liebsten mit unkalkulierbaren Gewaltausbrüchen terrorisierte. «Zu zweit», bekannte Janssen, «bin ich eine Katastrophe – ich kann nicht allein sein.» Georg Seeßlen: «Dieser Horst Janssen war, je nachdem wie man es sieht, ein sehr kranker Mensch oder einfach ein Riesenarschloch.»


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