02.01.2016   von rowohlt

Mein großer Traum

Was tun, wenn das eigene Kind plötzlich zu einem kommt und sagt: «Mama, Papa, ich werd' Fußballprofi!»

© iStockphoto.com
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Na klar, Fußballprofi, welcher Junge hat nicht schon davon geträumt? Fritz, der Sohn des Journalistenpaares Ursula Engel und Bernd Ulrich, hat schon als Baby gegen alles getreten, was auch nur entfernt nach einem Ball aussah. Seitdem er laufen kann, spielt der kleine Engel Fußball, mit fünf im Verein, am Ende für Hertha BSC in der B-Jugend-Bundesliga. Auf welche Dinge darf ein Kind verzichten für den Traum vom Profisport? Müssen seine Eltern es nicht schützen vor zu hohen Erwartungen und zermürbendem Leistungsdruck? Was macht die immer rigorosere Ausrichtung auf das «Hobby» des Kindes mit dem Rest der Familie? Ein kluges, ermutigendes Buch über Eltern und die Träume ihrer Kinder.


Wir verfolgen den Weg des Jungen vom verspielten Ballkind in den kleinen Kreis der vielversprechenden Talente des Berliner Traditionsvereins Hertha BSC aus nächster Nähe. Dreizehn der vierzehn Kapitel hat die Journalistin Ursula Engel verfasst, nur das letzte (Titel: «Von mir hat er das nicht») kommt aus der Feder ihres Mannes Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur und Leiter der Politikredaktion der ZEIT. Das ist nur konsequent; als Mutter dreier Kinder und Freiberuflerin hat sie die Hauptlast der fußballerischen Ambitionen ihres Sohnes zu tragen. Außerdem tut die Mutterperspektive dem Buch ausgesprochen gut.

«Kinder sind Anarchie. Sie werfen immer zwei Leben über den Haufen …»

«Der Vater und ich, wir haben uns nicht gewünscht, dass unser Sohn Fußballprofi wird», heißt es im Vorwort. Aber was sollten sie machen? Erstes Spielobjekt des Knaben ist Siggi, eine Kugel mit weicher Füllung in einer Frotteehülle, zweifellos ein Ball. Kurz vor seinem ersten Geburtstag macht Fritz die ersten Schritte, ein Ball ist da nie weit. Nach dem Umzug aus dem kleinen Dorf zwischen Eifel und Mosel nach Berlin erobern Bälle die gesamte Wohnung. Auf dem Spielplatz, beim Einkaufen: immer ist ein Ball dabei. Weihnachten: das erste Trikot von Schalke 04 (die Ulrichs sind Schalke-Fans in der vierten Generation!). 


Nächste Station: Spielen im Bolzkäfig. (Kennt man auch von den Boateng-Brüdern in Berlin-Wedding …) Dann: der erste Verein, der SC Charlottenburg. Der erste Trainer, der die Steppkes mit dem Satz «Hallo Männer» begrüßt. «Innerhalb eines Tages waren aus Kindergartenkindern Männer geworden.» Bei den Minis geht es um Spaß an der Bewegung. Kein Abseits, kein Einwurf, viele der Kleinen wissen nicht einmal, dass der Ball nicht mit der Hand gespielt werden soll (dieses Unwissen seiner «Kollegen» empört den kleinen Fritz maßlos). Für die Eltern ist das wilde Treiben auf dem Platz entzückend: Spielpause wegen Gänseblümchen, Eichhörnchen oder Geschwisterchen, was auf dem Rasen rumkrabbelt, Spielabbruch wegen Froschbesichtigung. Wie viele Tore fallen, wer sie geschossen hat, ob Selbsttor oder Knipsertor: völlig egal. Was für eine Gaudi!

Vom Talent zum «Rohdiamant»

Zweimal pro Woche werden die Nachmittage nun auf dem Fußballplatz verbracht. Mitten drin immer die Mama, die an ihrer Beidfüßigkeit arbeitet. Dribbeln, Stoppen, Doppelpass, Schuss, Mama lernt mit. Aber aus dem Spaß wird langsam Ernst, als sich herausstellt, dass Fritz enormes Fußballtalent in die Wiege gelegt bekam, von wem auch immer (Bernd Ulrich: «Von mir hat er das nicht!»), ein Trainer nennt ihn gar einen «Rohdiamanten». Ab der F-Jugend ist Schluss mit pädagogischem Schutzraum. Jetzt sind es Punktspiele, Gewinnen und Verlieren, Auf- und Abstieg. Rabiate Fußballväter am Spielfeld, überehrgeizige Trainer, erste Verletzungen. Und ein strapaziöses Familienmanagement: «Rückblickend hat die Bezeichnung Doppelbelastung etwas Putziges für das, was in dieser Zeit zu erledigen war.»


Aber Fritz hat Glück. Von den üblichen Fußballverletzungen bleibt er lange verschont. Und er hat das Glück, Eltern hinter sich zu wissen, die ihn in allem, was er tut und lässt, ernst nehmen. Mit welchen Fragen sich Eltern hochtalentierter Kinder herumschlagen müssen, zeigen die in diesem Buch nachzulesenden Interviews mit dem Streetworker und Ex-Hertha-Trainer Zeljko Ristic. Es geht ums Gewinnenwollen und das Wegstecken von Niederlagen, um Berater und Verträge. Und es geht um die Rolle der Eltern in diesem Geflecht, um ihre Gelassenheit, ihren Ehrgeiz, ihr Zeitmanagement. Auf die Frage, wie Eltern sich am Spielfeldrand verhalten sollen, antwortet Zeljko Ristic: «Am besten ist es, wenn die Eltern Zeitung lesen … Es ist toll, wenn Eltern ihrem Kind zuschauen. Aber wenn ich mir das manchmal angucke, frage ich mich natürlich auch, ob die nichts Besseres zu tun haben.»


Am Ende schafft Fritz es bis zur großen Hertha. Der Welpenschutz ist endgültig passé, aus dem Kind ist ein Jugendlicher geworden, der ein fast beängstigendes Größenwachstum an den Tag legt. Der härteste Einschränkungen für seinen Traum hinzunehmen bereit ist, für den vieles nicht in Frage kommt, was ein normales Schülerleben auch ausmacht, Abhängen, Partymachen, Ausgehen. Und: er will ganz nebenbei auch noch ein mehr als ordentliches Abitur hinlegen möchte, so viel Ehrgeiz darf sein. Ganz schön viel auf einmal. Dann kommt die Verletzung, eine nicht unkomplizierte Sache: Haarriss in er Wachstumsfuge des Wadenbeins. Wochenlange Reha, Krafttraining, Lauftraining; das Zurückkämpfen zu alter Stärke ist mühsam.

«Ein Weg war ihm nun versperrt, aber die Welt stand ihm offen»

Auf einmal ist Fritz dann nur noch zweite Wahl. Aussortiert bei Hertha BSC – kein Platz mehr in der U19, die Konkurrenz ist knallhart Plötzlich steht für Fritz (und seine Eltern) die Frage im Raum: Was, wenn der Traum vom Fußballprofi platzt? Wie verkraftet man das als junger Mensch, der immer fest daran geglaubt hat, dass er, genau er, einer der sehr wenigen Fußball spielender Jungs in Deutschland sein wird, die den Sprung in die erste oder zweite Liga schaffen? Gibt es einen Plan B, einen Plan C? Wie helfen ihm seine Eltern, diesen «Karriereknick» nicht als vernichtende persönliche Niederlage wahrzunehmen?


«In diesen Tagen war ich so stolz wie noch nie auf meinen Sohn, der sich nicht unterkriegen ließ und zeigte, was er neben Fußball und Wissen noch gelernt hatte in der Schule und auch bei Hertha: Haltung!» Und Fritz? Reagiert überraschend abgeklärt. Und mit erstaunlicher Klarheit und Konsequenz, was seine Zukunftsplanung betrifft …

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