05.08.2018   von rowohlt

«Hier kommen wir nur tot raus»

«Max Annas hat eine beeindruckende Fähigkeit, schlaue Plots in konzentrierte, schlanke, fesselnde Thriller zu Packen» (Ulrich Noller)

So könnte es kommen: Die EU gibt es nicht mehr. Überall in Europa haben Nationalisten und Fremdenfeinde das Sagen. Leute ohne deutschen Pass werden aus ihren Wohnungen abgeholt, Staatsbürgerschaften aufgekündigt. Die meisten Deutschen mit fremden Wurzeln befinden sich in Übergangslagern, hoffen auf ein Abkommen mit einem Land, das sie aufnehmen wird. Doch auch die korruptesten Regimes weigern sich. In Finsterwalde, einer geräumten Provinzstadt, hat man Tausende Schwarze kaserniert, unter ihnen Marie mit ihren beiden Kindern. Da geht das Gerücht, in Berlin seien drei schwarze Kinder zurückgeblieben, vergessen von allen. Marie beschließt, einen Weg aus dem Lager zu finden, um die drei vor dem sicheren Tod zu retten …

DAS INTERVIEW


«Finsterwalde» ist deprimierend nah dran an den aktuellen politischen Realitäten Europas. Der Zerfall der EU ist keine undenkbare Option mehr. Die Hetze gegen Migranten ist in den gesellschaftlichen Mainstream eingesickert, die Segmentierung entlang ethnischer und religiöser Grenzen längst gesellschaftsfähig. Die Abschiebemaschinerie kommt auf Touren, Politiker wie Orbán, Salvini, Gauland, wie Marine Le Pen oder Alice Weidel bestimmen zunehmend den Diskurs. Wie sehr hat die Zeit im Nach-Apartheid-Südafrika Ihren Blick auf die hiesigen Verhältnisse geschärft?
Der Blick aus der Entfernung macht mitunter zu milde. Vor allem, weil ich in Südafrika sehr eng an den dortigen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gelebt habe – und oft lange Zeit nicht in Deutschland gewesen bin. Auch in Südafrika hat und hatte der Diskurs um Ausgrenzung und Vernichtung derer von jenseits der Grenze apokalyptische Ausmaße angenommen. Die Morde sind ja auch in Europa zur Kenntnis genommen worden. Im Grunde genommen gleichen sich die Verhältnisse in beiden Ländern. Es braucht nur ein paar Parolen und solche, die sie immer wieder formulieren, damit sich Leute aufmachen, ihre Nachbarn umzubringen.


Ob Moses in der gated community The Pines («Die Mauer»), Kodjo bei seiner Flucht durch halb Berlin («Illegal») oder jetzt die in Finsterwalde Eingekesselten – immer geht es um Menschen, die in eine von Ausgrenzung und Gewalt geprägte klaustrophische Situation geraten. Kann man sagen, dass die Themen Migration und Flucht der rote Faden in Ihren bisherigen Büchern sind, so wie es etwa bei Dominique Manotti die Themen Korruption und organisierte Kriminalität sind?
Sicherlich sind dies Themen, die mich dauerhaft interessieren. Vielleicht ist der Fokus allerdings das Drinnen/Draußen, das sich architektonisch artikulieren kann wie in «Die Mauer» oder sozial wie in «Illegal» oder eben gebündelt wie in «Finsterwalde», wo das Dazugehören durch politischen Ein- wie Ausschluss formuliert wird und zu einer alten wie neuen Geschichte wird von Grenzen und dem, was man im Anglophonen to other nennt, das Konstruieren von Körpern, die nicht dazugehören dürfen.


Es wird gute Gründe geben, weshalb Ihr neuer Roman den Namen einer nicht-fiktiven, südlich von Berlin gelegenen Stadt trägt (und nicht etwa Düsterwalde o. ä.). Man darf gespannt sein, was die Leute in Finsterwalde dazu sagen, wenn Max Annas zu einer Lesung in ihre Stadt kommt ...
Der Name klingt natürlich und erzählt schon aus sich heraus. Aber ich brauchte für diese Geschichte auch einen Ort, der relativ nah an Berlin liegt, denn Finsterwalde ist eben AUCH ein Berlinroman. Und da das Buch keines ÜBER den Osten ist, sehe ich der ersten Lesung in Finsterwalde gelassen entgegen.


Auch in «Finsterwalde» gehts nicht immer finster zu. Dem mit seinen Kumpels in Russland krachend gescheiterten Jérôme Boateng spendieren Sie immerhin einen Trainerjob beim FC Arsenal (was Alexander Gauland freuen dürfte, der dann wohl keine Angst mehr haben muss, den großen schwarzen Mann mit den schicken Designbrillen als Nachbarn abzubekommen).
Jérôme Boateng stand am Anfang der Idee, dieses Buch zu schreiben. Ganz unfreiwillig natürlich, denn er hatte ja nicht darum gebeten, derart attackiert zu werden. Aber die Aussage Gaulands und das Stillhalten viel zu vieler machten mich eben neugierig genug, ein Bild zu entwerfen, in dem diese in der Aussage Gaulands angelegte Politik von Vertreibung und Vernichtung mal einige Schritte weiterentwickelt wird.


Kann es sein, dass Sie ein spezielles (romantisches? sentimentales?) Verhältnis zu Menschen zu haben, die Kodjo und Marie heißen? Protagonisten mit diesen Vornamen tauchen nach «Illegal» auch in «Finsterwalde» auf ...
Ganz unsentimental ist die Marie in «Finsterwalde» die Marie aus «Illegal», halt 15 Jahre älter. Und dass ihr Sohn Kodjo heißt, hat – in ihrer Perspektive – starke romantische und melancholische Gründe. Es gibt noch zwei andere Figuren, die es aus «Illegal» in den neuen Roman geschafft haben. Aber darüber können wir reden, wenn ein paar Leute das Buch erst mal gelesen haben.


«Wir überschätzen unseren zivilisatorischen Standard. Töten gehört zum Alltag, und darüber haben wir zu schreiben.» Das haben Sie einem Interview mit der ZEIT gesagt. Vor diesem Hintergrund – welchen zeitgenössischen Krimi-/Thrillerautoren fühlen Sie sich nahe?
Immer wieder anderen und dann doch auch immer wieder denselben. Peter Temple und Gary Disher, Denise Mina und Dominique Manotti, Stuart Kaminsky für seine Fähigkeit, die schönsten ersten Kapitel zu schreiben, und Donald E. Westlake für seine Parker-Romane unter dem Alias Richard Stark.


Es gibt zahllose Romane, die mit dem ewigen «sagte X», «sagte Y», «sagte Z» nerven. Mir gefällt, wie Sie Dialoge strukturieren und pragmatisch klarmachen, wer da eigentlich spricht. Bei Ihnen liest sich das so: «Wie lange sind die denn schon weg?» «Nicht so lange.» Zülfü. «Ein paar Wochen?» Deniz. «Nein. Nicht so lange.» Kemal. Mussten Sie harte Kämpfe mit dem Rowohlt-Lektorat deswegen ausfechten?
Ich bin ein großer Freund des Leonard'schen Grundsatzes: «Never use a verb other than ‹said› to carry dialogue», finde also das «sagte X» gar nicht soo blöd. Ich spiele selbst damit, Leonards Knappheit zu verknappen. Niemals würde ich meine Figuren hingegen murmeln oder säuseln lassen. Ebenso bedenkenswert ist folgender Merksatz Leonards: «Never use an adverb to modify the verb ‹said›».


Der Text besteht aus 142 sehr filmischen Kapiteln, springt hin und her zwischen Finsterwalde (Marie et al.) und Berlin (Theo & Eleni), bis die beiden Perspektiven zum Finale hin zusammenlaufen. Haben Sie die Kapitel abwechselnd geschrieben oder beide Stränge mehr oder minder in einem Rutsch?
Ich habe streng im Ablauf geschrieben, Kapitel für Kapitel. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich im Schreibprozess noch viel plotte.

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