22.01.2019   von rowohlt

Irgendwann ist jetzt

Wie aus einer verwegenen Idee ein Traumauto wurde: Mathis Ochsenmeiers Bulli-Projekt

© FinePic, München
© FinePic, München

Vom eigenen VW-Bus träumte Mathis Ochsenmeier zuerst im Lateinunterricht in der zehnten Klasse. Zwei Stunden Übersetzung lagen vor ihm, und er überlegte, was er in diesen zwei Stunden Sinnvolleres machen könnte. So wuchs in ihm der Traum vom eigenen VW-Bus, von Reisen an schönere Orte. Was einfach klingt, wurde zu einem Abenteuer: den richtigen Bus finden, den Bulli nach den eigenen Vorstellungen umrüsten, ihn durch den TÜV bekommen, Pannen überstehen – und das alles, ohne Kfz-Mechaniker zu sein. Kurz bevor er nach dem Abitur endlich aufbrechen kann, trifft er auch noch seine große Liebe. Mathis Ochsenmeier erzählt vom Suchen und Finden, vom Entdecken und Basteln, und vom Mut, erwachsen zu werden. Tolles Projekt!

«Nach dem Umbau ist vor dem Umbau»


Was man hier alles über fahrbare Untersätze
wie den T4-Bulli lernen kann, in den sich Mathis Ochsenmeier verschossen hat! Allein die Namen der Werkzeuge, die den Weg in Mathis' Toolbox finden … Entriegelungsschlüssel, Ölablassschraube, darunter kann selbst ich mir was vorstellen. Kriechöl: na ja. Aber Rückstellwerkzeug, Schruppscheibe, Drehstabfeder, Auspresswerkezug, Maulschlüssel, Gehrungssäge, Crimpzange, Trennrelais … Ein Buch mit sieben Siegeln! Auch wenn man als blutiger (Bulli-) Laie nicht alles versteht: das Buch macht trotzdem riesigen Spaß. Und für den Aktivwortschatz fällt auch das eine und andere ab: «Brutzel da einfach was drüber!» (Alternativ: «drüberbraten» …) Heißt so viel wie: Schweiß da einfach ein Blech drüber, da guckt kein TÜV der Welt hin.


Je weiter man liest, umso beeindruckter ist man von Ochsenmeiers Projekt. Er hat herausgefunden, was für ihn wichtig ist, unabhängig von allen Konventionen. «Es gibt so viele Möglichkeiten, wie man mit seinem Leben nach dem Abitur weitermachen kann. Der Schulabschluss ist so etwas wie eine Nulllinie, von der aus man überallhin kann. Das ist eine große Freiheit, aber auch eine große Herausforderung.» Dass Mathis Ochsenmeier seit 2017 in Karlsruhe Maschinenbau studiert und den erfolgreichen YouTube-Kanal «Mathisox» betreibt, hat ganz sicher mit seinen Erfahrungen im Bulli-Projekt zu tun.

DAS INTERVIEW


«Bastlerfahrzeug. Bremsen defekt. Keine Garantie oder Gewährleistung.» Für Sie war der Erwerb der VW T4-Schrottlaube schlicht «der beste Tag meines Lebens». Haben andere – Freunde, Eltern – Sie nicht für verrückt erklärt, als Sie mit der Klapperkiste zu Hause auf den Hof gefahren kamen?
Ein wenig Verrücktheit gehört zu dieser Aktion definitiv dazu – und verwundert waren die meisten schon, dass ich ein solche Projekt ohne Vorkenntnisse gestartet habe. Doch eigentlich erfordert das Ganze nur zwei Dinge: viel Mut und Durchhaltevermögen.


Normalerweise würde man annehmen, der Kauf eines alten, schrottreifen Bullis sei der wilden Idee einer Jungs-Clique entsprungen. Bei Ihnen war das ganz anders: Ihr Traum war, allein mit einem Bulli durch die Welt (oder zumindest durch attraktive Teile der Welt) zu gondeln. Wie kam es dazu? (Ganz am Anfang gab es ja Jasmin noch nicht in Ihrem Leben …)
Ich habe immer gedacht, ich wäre der geborene Einzelkämpfer. Mannschaftssport habe ich gemieden, und ich mag es immer noch nicht, von anderen abhängig zu sein. Wenn ich zum Beispiel mit der Bahn fahre und zu spät komme, weil ein Zug ausfällt, kann ich nichts daran ändern – ein Kontrollverlust. Doch wenn ich mit dem Fahrrad fahre und zu spät komme, weil ich nicht hart genug in die Pedale getreten habe, bin nur ich selbst daran schuld. Ich würde Letzteres immer bevorzugen. Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Bus: Ich wollte nach dem Abitur die neugewonnene Freiheit in vollen Zügen genießen und reisen, ohne auf andere Menschen, Fluggesellschaften, Bus und Bahn angewiesen zu sein. Ich liebe es, spontane Entscheidungen zu treffen. Und einen Reisepartner zu finden, der das Ganze mitmacht, ist nicht gerade einfach. So zumindest die Theorie – wie sich das in der Praxis bewährt hat und weshalb ich meine Ansichten auf einem Trip durch Frankreich ändern musste, habe ich Im Buch auch erklärt.


Wie entstand die Idee, die sich über Monate erstreckende Restaurierung des Bullis auch in Videos zu dokumentieren? Ahnten Sie, wie wichtig der Austausch mit anderen Schraubern & Fricklern in den sozialen Medien für das Gelingen Ihres Projekts sein würde?
Früher bin ich sehr viel Mountainbike gefahren – und in diesem Sport gehört das Filmen und Erstellen von kleinen Edits irgendwie dazu. So habe ich mit dem Filmen schon immer ein wenig am Hut gehabt. Und immer, wenn ich alte Videos von mir angesehen habe, habe ich in Nostalgie geschwelgt – wie beim Durchblättern eines Fotoalbums, nur besser. Der erste Grund, weshalb ich das Bulli-Projekt auf Film begleitet habe, war also rein zur Dokumentation. Der zweite, den ich mich zu Anfang noch kaum gewagt habe auszusprechen, war die Hoffnung, dass das Ganze tatsächlich irgendjemanden interessieren würde – und so ein wachsendes Publikum entsteht.
Ich habe immer gedacht: «Sobald du anfängst, Videos von der Reise hochzuladen – dann geht das bestimmt gut ab!» Dass das viel früher und viel größer werden würde, als ich je gedacht hätte, hat mich wirklich verblüfft.


Während Ihre Klassenkamerad*innen nach dem Abi fremde Länder erkundeten und sich auf das Studium vorbereiteten, schufteten Sie monatelang an Ihrem Bulli herum: «Mein Traum, mein Bus, meine Arbeit.» Haben Sie nie neidvoll an jene gedacht, die auf Sardinien oder in Málaga am Strand herumlungern konnten, weil sie grad nichts Besseres zu tun hatten?
2016 habe ich den ersten Schnee miterlebt, als ich unter dem Bus aus dem Kies hervorgekrochen kam und plötzlich alles weiß war – das war schon ein schöner, aber irgendwie erschütternder Moment. Da war der Gedanke an eine warme Tasse Tee vor dem Kamin deutlich näher als meine Mitschüler, die gerade auf der anderen Seite vom Globus in der Sonne brutzelten. Neid habe ich allerdings nie verspürt. Ein Flugticket nach Australien und zurück kostet fast so viel wie ein Bus – nur dass ich diesen, nachdem ich von einer Reise zurückkehre, immer noch besitze. Ich verurteile niemanden, der gerne im Urlaub einfach nur entspannt am Strand herumlungert – ab und zu finde ich das auch super, aber nach ein paar Tagen juckt es mich immer in den Fingern.


Sie haben akribisch jeden einzelnen Arbeitsschritt am Bulli dokumentiert: die verwendeten Werkzeuge, die Kosten, der Zeitaufwand. Hand aufs Herz: Wie teuer kam Pi mal Daumen der Umbau der tollen Schrottmühle, ehe endlich der TÜV sein Okay gab?
Eines auf jeden Fall: teurer als gedacht. Ich habe mir ein Budget von 2000 € für den Bus und 2000 € für den Ausbau gegeben. Als der Bus endlich fahrbereit war, war ich bereits bei den 4000€ angelangt, ohne dass auch nur ein einziges Möbelstück im Innenraum stand. Hätte ich damals nicht eines meiner geliebten Mountainbikes verkauft, für das ich jahrelang Zeitung ausgetragen habe, wäre das Ganze finanziell nicht tragbar gewesen.


Apropos TÜV: Wie lange haben Sie gebraucht, den «Abgelehnt!»-Bescheid des TÜV zu verdauen und ungebrochen weiter zu schrauben?
Das hat schon 'ne Weile gedauert. Ich habe es nur meinen Eltern, die mich immer wieder ermutigt haben, und Gleichgesinnten wie meinem Freund Nino zu verdanken, dass ich mich schon am nächsten Tag aufgerafft und eine Tabelle zusammengestellt habe, mit den Spalten: 1. Problem, 2. Lösung, 3. Kosten. Wenn man sein Problem so durchstrukturiert und es nicht als ein großes, erschlagendes Urteil auf sich wirken lässt, kommt einem die Sache schon viel machbarer vor. Und sobald ich das erste Ersatzteil in der Hand hatte, lag ich auch schon wieder unter dem Bus.


Sie schreiben derart begeistert über die technische Seite des Projekts, dass man den Eindruck bekommt, dies sei Ihnen wesentlich wichtiger gewesen als die Reisen selbst. Vielleicht war es kein Zufall, dass Sie die erste Bulli-Reise ziemlich früh wieder abgebrochen haben …?
Als ich das Projekt vor meinem Abitur geplant habe, war ich von beiden Aspekten gleichermaßen begeistert. Sowohl einen Bus so zu gestalten, wie ich es mir vorgestellt habe, als auch das vollkommen flexible Reisen, stellte ich mir faszinierend vor. Doch nicht immer entspricht die Vorstellung der Realität, und manchmal wird man sogar von sich selbst überrascht. Das Einzige, was man tun kann, um das herauszufinden: einfach ausprobieren.


Der T4 in allen Ehren! Dann aber diese Meldung in der Süddeutschen: «30 Jahre stand der Bulli, Sondermodell Samba (‹Nur echt mit 21 Fenstern!›), vollkommen unberührt in einer Scheune bei Hannover. Ein Sensationsfund für VW-Fans.» Schlägt da nicht das Herz eines jeden Bulli-Liebhabers höher?
Der Samba ist natürlich ein Juwel unter den VW-Bussen. Die Optik und die alte Technik sind für mich auch jedes Mal eine Augenweide, wenn ich ein solches Fahrzeug in echt sehe. Doch so sehr ich die alten Bullis liebe, haben T1 und T2 den Hippie- und Freiheitsgedanken für mich an die jüngeren Generationen abgegeben. Das liegt nicht daran, dass die neuen Autos schöner oder besser sind, sondern einfach nur daran, dass der Preis für solch einen Oldtimer viel zu hoch ist, um einfach nur den Traum von einer Reise in die weite Welt zu erfüllen. Die meisten T1 und T2, die man heute sieht, sind Sammlerobjekte und keine Nutzfahrzeuge. Aber das ist auch gut so.


Wenn Sie sich, unabhängig von allen finanziellen Erwägungen, eine Traumreise mit dem Bulli (und mit Jasmin!) zusammenstellen könnten: Welche Stationen wären in jedem Fall dabei?
Ich träume schon seit langem davon, mit dem Bulli die Färöer-Inseln zu erkunden. Nicht viel Strecke machen, einfach nur Stück für Stück durch die atemberaubende Landschaft – am besten auch mit dem Mountainbike. Eines Tages wird dieser Traum definitiv umgesetzt!

Mein Bulli-Projekt

Mein Bulli-Projekt

Der erfolgreiche YouTuber Mathis «mathisox» Ochsenmeier erzählt in seinem Buch, wie er einen schrottreifen VW-Bus zu einem abenteuertauglichen Camping-Bulli ausgebaut hat. Er verrät Tipps und Tricks, gibt Rat für den Selbstausbau und einen Kostenüberblick. Alle, die ebenfalls von einem eigenen Camping-Bus träumen, bekommen hier einen guten ...  Weiterlesen

Preis: € 10,99
Seitenzahl: 224
rororo
ISBN: 978-3-499-63341-6
22.01.2019
Erhältlich als: Taschenbuch, e-Book
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