27.11.2019   von rowohlt

Ein Mädchen wie kein anderes

«Mädchenleben oder Die Heiligsprechung»: ein schwebendes, klangschönes Alterswerk von Martin Walser, das seine Rätsel bewahrt

© Karin Rocholl
© Karin Rocholl

Sirte Zürn verschwindet, um dann nach Tagen wieder aufzutauchen, ohne sich zu erklären. Sie gräbt sich in den Sand ein, rennt bei Sturm in den See. Ludwig Zürn, Sirtes Vater, ist von der Idee besessen, seine Tochter heiligsprechen zu lassen. Der Lehrer Anton Schweiger, Untermieter bei den Zürns, soll dabei helfen. Und beginnt, alles zu sammeln, was es über dieses rätselhafte Mädchen zu erzählen gibt ... «Mädchenleben», Martin Walsers neues Buch, besticht durch seine lebhaften, ungewöhnlichen Figuren, die in einer gleichsam entrückten Welt zu leben scheinen.


Stimmen zu «Mädchenleben»
Focus: «‹Mädchenleben› erzählt in unverwechselbar kraftvollen Walser-Sätzen von Sirte Zürn, die ihren eigenen Weg geht, jede Konvention mit Lust missachtet und gerade deshalb alle in ihren Bann zieht.»
Luxemburger Wort: «Walser offenbart uns eine absurde Welt, der mit streng rationalen Kriterien nicht beizukommen ist. (...) Ein kleines Büchlein nur, aber voller Sehnsucht, Schmerz, Verehrung, großen Gefühlen, Irrungen und Wirrungen.»
Süddeutsche Zeitung: «Ein weiteres Buch aus dem Zürn-Komplex. (...) Jetzt allerdings werden die Vorkommnisse entschieden aufs Übersinnliche hinzugespitzt: Wo Seltsames ist, soll Heiligkeit werden.»
Luzerner Zeitung: «(Hier kommt) eine ‹Legende› in die technologiegläubige, aber Fake-News-geplagte Welt und tritt entsprechend spektakulär in Erscheinung: wie ein Geschenk vom Himmel.»
Die Welt: «Wie muss man sich diese Märtyrerin vorstellen? (...) Die Kunst von Martin Walser ist es, all die Möglichkeiten anklingen zu lassen – und sich dann für keine eindeutig zu entscheiden.»

«Wünsche, nicht zu sein. Ich blühe vor Schmerz ...»


Anton Schweiger, Lehrer für Deutsch und Erdkunde, ist von einer kaum bezwingbaren Sehnsucht nach dem jüngeren der beiden Zürn-Mädchen ergriffen. Über die Jahre hat er, als Untermieter im Hause Zürn, der Entpuppung des Kindes zugeschaut, bis er erstaunt feststellt: «Nichts Kindliches mehr. Und mehr als ein Mädchen. Eine Schönheit.» Als Sirte wieder einmal verschwunden ist, beginnt er verzweifelt, alles über sie zu Papier zu bringen – als ginge es um sein eigenes Leben. «Wenn ich sie nicht mehr sehe, nicht mehr finde, hat das Leben für mich keinen Sinn mehr. Wenn sie nicht mehr in dieser Welt ist, will ich auch nicht mehr drin sein. Oder: Wenn sie hier nicht leben kann, kann ich es auch nicht.»


Sirte – die eigentlich Gerlinde heißt (so wie ihre Schwester Zeralda früher Karla) – ist ein besonderes Wesen. Rätselhaft, zerbrechlich, mit diffusen Konturen. Sirte liest «Woyzeck» und Dostowjewskis «Brüder Karamasow». Schreibt auf ganz altertümliche Weise Briefe. Entzieht sich immer wieder ihrer Umgebung, verschwindet für Tage, taucht plötzlich wieder auf. Genießt ihre Ungreifbarkeit, Unbegreifbarkeit. Sagt Sätze wie: «Es war ein Absprung. Ein Versuch. Sie werden es noch begreifen.» Oder: «Ich schrei nach Milde, es kann mich niemand hören.» Oder: «Abgrund, schluck mich doch ganz, anstatt bloß auf mir herumzukauen.»


Sirtes mystische Entrücktheit – ist sie Kalkül, Krankheitssymptom oder mitleiderregende Naivität? Auch Ludwig Zürn, ihr Vater, Immobilienmakler und Hobbypoet, gibt Rätsel auf. Wenn «es» über ihn kommt, schreit er wie ein Irrer. Reibt sich Kuhfladen durchs Gesicht. Schlägt auf seine Frau ein, vergewaltigt sie. Seine Mission ist es, Sirte aus der Masse der gewöhnlichen Menschen herauszuheben: «Als Sirte fort war, habe ich mir vorgenommen, sie heiligsprechen zu lassen. Ja, staunen Sie ruhig.»


Staunen, das tun auch die Fachärzte, als sie dem Mädchen eine «Anorexia mentalis et nervosa» attestieren – und keine «heilige Aura». In Sirtes Worten: «Das sei das Typische und auch das Gefährliche an meiner Krankheit, dass ich mich so gut eingerichtet hätte im System meiner Krankheit, dass ich nicht mehr merke, wie krank ich sei. Eine seriöse Charakterstörung, die man zu den schizophrenen Psychosen rechnen darf.» Aber – keine Seligsprechung ohne Martyrium, keine Heiligsprechung ohne Wunder! Da scheint Sirtes Begegnung mit dem Trunkenbold und Schläger Ludwig Proll gerade zur rechten Zeit zu kommen. «Sie will kein Wunder. Sie will einen Sinn für ihr Dasein» – ist es das, was das Mädchen sucht?

Legenda (lat.): «das, was zu lesen ist»


«Mädchenleben oder Die Heiligsprechung» ist eine neue Facette in Martin Walsers Alterswerk – er nennt den kurzen, intensiven Text eine «Legende». Nach landläufiger Definition handelt es sich dabei um eine dem Märchen, dem Mythos oder der Sage nahe literarische Gattung. Es gibt Marienlegenden, Heiligenlegenden, Märtyrerlegenden; alles, was wir von diesen kennen, findet sich auch in der Geschichte um das Mädchen Sirte.


Schon 1961 in Walsers «Tagebüchern» finden sich Eintragungen, die er nun in «Mädchenleben» zusammengeführt hat. Erfahrene Walser-Leser werden den neuen Text nicht ohne einen gewissen Aha-Effekt lesen können. Zürn – da war doch was! Da war sogar eine ganze Menge im literarischen Walser-Universum! Es gab bereits einen Chauffeur Xaver Zürn («Seelenarbeit», 1979), einen Dr. Gottlieb Zürn («Das Schwanenhaus», 1980; «Die Jagd», 1980; «Der Augenblick der Liebe», 2004) – nun also Ludwig Zürn.


«Das ist die Freiheit, die Walser sich gibt, und er geht damit virtuos um.» (Südkurier)

Mädchenleben

Mädchenleben

Für alle Walser-Leser ein Fest des Wiedersehens: Schon in seinen Tagebüchern von 1961 finden sich Eintragungen zu «Mädchenleben», und nun, fast sechzig Jahre später, hat er das dort Notierte zusammengetragen und zu etwas verwoben, das er "Legende" nennt: die Geschichte des Mädchens Sirte Zürn, das, weil es seine eigenen Wege geht - plötzlich ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 96
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00196-4
19.11.2019
Erhältlich als: Hardcover
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