24.03.2017   von rowohlt

Martin Walser zum 90. Geburtstag

Der Autor und Literaturkritiker Jörg Magenau über Deutschlands berühmtesten zeitgenössischen Schriftsteller

Er war immer schon da – und ist es immer noch. Er ist ein Fixpunkt. Denn er ist seiner Zeit meistens ein paar Schritte voraus. Heute vor 90 Jahren wurde Martin Walser in Wasserburg am Bodensee geboren. Ein Porträt – und ein Glückwunsch.

Zwischen Wasserburg und Philippsburg


Martin Walser betrat die Bühne der Öffentlichkeit ungefähr mit der Gründung der Bundesrepublik. Damals sammelte er erste Erfahrungen als Radioreporter beim Süddeutschen Rundfunk, und vielleicht hat er da gelernt zuzuhören, Figuren zu sehen, auf Stimmungen zu achten und sie aufzunehmen. Er arbeitete fürs Fernsehen, als die Sender in den frühen 50ern gerade erst aufgebaut wurden. Dass aber kein Journalist aus ihm wurde, sondern ein Schriftsteller, hat damit zu tun, dass seine wichtigste Informationsquelle immer er selbst gewesen ist. Wie es ihm erging in der Welt, also in Deutschland, also am Bodensee, also in Wasserburg oder in Nussdorf, das war der Maßstab. Einer der «Ich» sagt, muss schreiben, denn ohne Sprache ist er nichts. Seine literarischen Selbstentfaltungen sind aber etwas Anderes, Größeres, Reicheres und Vielstimmgeres als einfach nur ein kleiner Punkt im Universum, der «ich» zu sich sagt. 


Walsers Romane – angefangen bei «Ehen in Philippsburg», über die Anselm Kristlein-Trilogie und die Zürniaden der 80er Jahre, bis hin zu den späten Variationen über die Liebe und das Alter – ergeben aneinandergelegt eine Geschichte der Bundesrepublik als eine Chronik des Gefühls. Ihn als einen Intellektuellen zu betrachten, einen «engagierten» oder «kritischen» gar, wäre ein großes Missverständnis. Das liegt aber deshalb nahe, weil er sich stets lautstark eingemischt und es geschafft hat, immer wieder das jeweils schlimmste Etikett der Epoche angeheftet zu bekommen: ob als Gesellschaftskritiker in der Adenauerzeit, als Kommunist in den späten 60ern, als Nationalist in den 80ern, als einer, der angeblich den Schlussstrich unter Auschwitz propagiere mit der Paulskirchenrede 1998, oder gar als Antisemit mit dem Skandal um «Tod eines Kritikers» 2002. Für einen, der sich selbst als «harmoniesüchtig» bezeichnet und der sich nach Zustimmung sehnt, ist das eine erstaunliche und schmerzvolle Karriere. 


Die heftigen politischen, aber auch moralischen und ästhetischen Aversionen, die ihm immer wieder entgegenschlugen, haben mit seiner Vor-Läufigkeit zu tun, damit, dass er als Stimmungsavantgardist oft nur das gesagt hat, was ein paar Jahre später Konsens werden sollte. Das gilt womöglich sogar für die Paulskirchenrede als lautstarkes Leiden an einer zum Ritual oder gar zur Religion gewordenen historischen Schuld, die eben nicht mehr empfunden, sondern bloß noch zelebriert wird. Es gilt mit Sicherheit für sein Leiden an der deutschen Teilung und die Wiedervereinigungssehnsucht in den 80ern. Und es gilt für sein immer deutlicher werdendes Unwohlsein gegenüber dem Prinzip der Kritik, das er durch die liebende Kunst der Zustimmung ersetzt. 


Seine Aufsätze über Literatur tragen nicht zufällig den Titel «Liebeserklärungen», denn er schreibt nicht kritisch «über» bestimmte Bücher und Autoren, sondern mit ihnen und an ihnen entlang hin zu neuen Einsichten. Ob Hölderlin, Nietzsche, Kafka oder Robert Walser oder einer seiner jüngeren Kollegen, die er immer wieder protegierte, er nähert sich ihnen stets aus einer Haltung des Einvernehmens heraus. Der «liebende Mann», als den er im gleichnamigen Roman Goethe porträtierte, ist ja vor allem er selbst. Die Liebe, die Zustimmung und die Stimmungsverhaftetheit – das sind die Qualitäten, die sein Schreiben und sein In-der-Welt-sein fundamental ausmachen. Dass die Liebe in ihren konkreten Verläufen, ihren Konstellationen und Geschichten immer wieder höchst problematisch ist, macht den Stoff der Romane aus. 

Die Liebe im Raum der Sprache


Es wäre die Quadratur des Kreises, herauszufinden, wie sich Familie, Ehe und Kinder auf der einen Seite, die Geliebten auf der anderen in Übereinstimmung bringen ließen. Auch deshalb musste er immer weiter schreiben und von Buch zu Buch nach einer Lösung suchen. «Kommen aber Gehen» hieß die Formel in dem um den französischen Materialisten La Mettrie kreisenden Roman «Der Augenblick der Liebe» (2004), in dem es zwar gelang, Körper und Seele aus ihrer verhängnisvollen Trennung zu erlösen. Die Geliebte aber heiratete am Ende trotzdem einen anderen. In «Die Inszenierung» (2013) kam es zur utopischen Versöhnung von Ehefrau und Geliebter am Krankenbett des männlichen Helden. Aber das war eher eine Farce und änderte nichts daran, dass es Glück nur als «Unglücksglück» geben kann und Schönheit als flüchtigen Moment in der Bewegung. In seinem letzten Roman «Ein sterbender Mann» wählten Ehefrau und Geliebte unabhängig voneinander den Tod. Nur der angeblich Sterbende überlebte, auch dieses Mal, und wohl einfach deshalb, weil schreibende Männer unsterblich sind. 


Schreiben ist für Walser ein körperlicher Vorgang wie das Atmen. Er schreibt um sein Leben, und zwar von Anfang an. Er schreibt mit der Hand, weil er den direkten, stofflichen Kontakt brauchte und weil das ein erotischer Vorgang ist. «Gutes Papier ist wie die Haut einer schönen Frau«, hieß es schon in «Halbzeit». Daran hielt er sich. Beim Schreiben hielt er die Luft an, bis er mit dem nächsten Satz fertig war. 1965 erlitt er deshalb einen Schwächeanfall am Schreibtisch, als er im «Einhorn» bei der Szene anlangte, in der die schöne Orli aus dem Bodensee steigt, im Bikini auf Anselm Kristlein zukommt und ihr nasses Haar löst. Seither übte er sich darin, kürzere Sätze zu machen und entdeckte, dass sich das Erotische direkt in jedem Wort vollzog. In seinen späten Romanen war die Liebe dann nichts anderes mehr als ein sprachlicher Vorgang. In «Das dreizehnte Kapitel» und im «Sterbenden Mann» begegnen die Liebenden sich vollkommen und ausschließlich als Schreibende, ob in Briefen oder in E-Mails. So lange die Liebe im Raum der Sprache bleibt, gelingt sie ja vielleicht doch, die Quadratur des Kreises.


Walser möchte zur Zustimmung verführen. Es wäre ihm sehr recht, das Rechthabenmüssen ein für alle Mal hinter sich zu lassen, in der Liebe genauso wie in der Politik. Er weiß, dass sein Innenleben so wie jedes Innenleben «unvorzeigbar» ist, doch er spricht darüber öffentlich. Es ist, als bringe er das Verdrängte, das Wilde, Ungezügelte zum Ausdruck, das in der öffentlichen Rede normalerweise nicht vorkommen darf. Er wird zum Sprecher des kollektiven Unbewussten, indem er den eigenen Empfindungen und Träumen lauscht. Ungeschönt, ohne moralischen Zwischenfilter. Er ist ein Differenzierungskünstler der Innenwelten. Auch deshalb ist er so leicht angreifbar. Doch auch dabei wirbt er um Zustimmung. Er will ja die Welt schöner machen, als sie wirklich ist. Das ist das Ziel all seines Schreibens. Er sucht nicht nur nach dem guten Ende einer Geschichte, sondern auch nach einer Sprache, in der die Dinge einen „weißen Schatten“ werfen können. Und wenn er in «Statt etwas oder Der letzte Rank» zuletzt zum Schweigen vordrang, dann spricht er auch darüber wortreich: Nichts mehr wissen müssen, nur noch sein. Vielleicht endet die Sprache genau da, falls sie überhaupt irgendwo endet.

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