26.04.2018   von rowohlt

«Man war doch sein Lebtag im Ausweglosen unterwegs»

Wort- und Gedankensplitter, Minidramen und Aphorismen: Botho Strauß, der große Solitär der deutschen Literatur

© Ruth Walz
© Ruth Walz

Es ist die Tradition des romantischen Fragments, wie sie zwischen Hamann, Novalis und Friedrich Schlegel entstanden ist, an die Büchnerpreisträger Botho Strauß in seinem neuen Buch anknüpft. Vergleichbares hat er noch nicht geschrieben, noch nie sich so weit von Erzählung, Betrachtung und Kritik entfernt wie in diesen kurzen bildhaften Texten. Aus der formalen Neuheit ergeben sich neue Einsichten. Sie alle kreisen um das Nichtmitteilbare, um den poetischen Moment, den keine Intention hervorbringen könnte, um den Sinnentzug, bei dem sich – überraschend, entlastend – doch wieder ein Sinn herstellt. «Ein Glück für alle wagemutigen Leser, die nicht bestätigt sehen müssen, was sie ohnehin denken.» (Ulrich Greiner)

Stimmen zu «Der Fortführer»


Tobias Wenzel, SR 2 Kultur: «Was für ein schönes Buch! Man muss einfach über diesen Einband aus naturbelassenem Leinen streichen, mit den Fingerkuppen die Vertiefungen des eingeprägten Autorennamens erspüren. Und wenn man dann ‹Der Fortführer› aufschlägt, wird man gleich von Beginn an von der Sinnlichkeit der neuen und alten Worte und der Kraft der Bilder verführt.»
Alexander Kissler, Cicero: «Botho Strauß – der gegenwärtig präziseste, einfallsreichste Aphoristiker deutscher Sprache. (…) ‹Der Fortführer› taugt, in kleinen Dosen genossen, zum Ariadnefaden im Labyrinth der Gegenwart. Ein großes Buch.»
Ulrich Greiner, Die Zeit: «Eine faszinierende Komposition aus Minidramen und Traumstücken, aus Aphorismen, Maximen und Reflexionen. (…) Das Buch erfordert eine Leselangsamkeit und Leseaufmerksamkeit, wie man sie Gedichtbänden entgegenbringt.


«Der Fortführer» besteht aus zwei Teilen.  Teil 1 – «Zwischen Jetzt und Nu», die ersten knapp 160 Seiten – besteht aus vierzehn durchnummerierten, motivisch verknüpften Kapiteln: unbetitelt, im Flattersatz gehalten, wie Strophen auf locker komponierten Seiten. Teil 2, «Der Fortführer»: ein Werben für vergessene Dichter und Denker und ins Abseits geratene Begriffe und Dinge. Botho Strauß' Buch wurde von den Kritikern im April 2018 auf Platz 1 der SWR-Bestenliste gewählt. Es changiert zwischen poetischem Tagebuch und politischer Zeitkritik. Existentielle Einsamkeit und Verlust der Heimat, geschichtsblinde Taubheit der Moderne und Technikgläubigkeit, Dummheit der «liberalen Epoche» und konsumistische Massenkultur – das sind zentrale Themen dieses Buches.


Hier einige kurze Auszüge, «poetischer Blütenstaub» (SZ)und anderes:

«Nur weil du keine Wolken verschieben kannst, willst du Mäuse zählen?»


Hier und heute. «Das Jetzt ist roh. Erst den gut abgehangenen Tag möchte man kosten.»


Blick in den Spiegel. «Frühmorgens beim Blick in den Spiegel sagte er: ‹Ach du bist es, Mutter!› Der Übernächtigte verschwand in seiner Ahnin Ähnlichkeit.»


Ich? «Ich! Das klingt, als würden mir alle Haare auf einmal gespalten.»


Einst. «Nie werden wir's fassen können, das wilde Land, in dem wir einst waren, von dem nur der Schmerz noch weiß. Indem er aufbegehrt, erfahren wir allein durch ihn von der frühen Zeit – von einem jedes Jetzt durchbohrenden Ernst.»


Im Eiswald der Sachverhalte. «Menschen, die zu allem ein gesundes Urteil haben, ahnen gar nicht, wie ein Urteil beschaffen sein muß, um Bestand zu haben: daß es nämlich zuerst unter Zähneklappern, zitternd und fiebernd durch den Eiswald der Sachverhalte irren muß, um sich zu finden.»


Paare. «Die Anziehungskraft errechnet sich aus Drang mal Drehung mal Drohung.»


Gedichte auf Papier. «Man suche nur, jeder auf seinem Ödfeld, nach faustgroßen runden Steinen. Sammle so viele, wie sie mit Gedichten auf Papier sich umwickeln lassen, bis keiner mehr unverhüllt bleibt., Die karge ebene läge schließlich gefüllt mit in Poesie gewickelten steinen, wie man sie in höfischer Zeit nach und nach über eine hohe Mauer geschleudert hätte, um einem streng bewachten Burgfräulein eine Huldigung zu bringen.»


Nicht gut. «Vieles zu sagen schwer mir fällt. Nicht gut. Ich meine: Vieles fällt mir schwer zu sagen. Nicht gut. Ich will sagen: Vieles, was ich sagen will, fällt mir schwer. Ich krieg's nicht hin.»


Um Rat fragen. «Gäbe es für mich je ein Problem, würde ich sofort die Weltgemeinschaft um Rat fragen. Aber ich habe keine Probleme.»

«Die Menschen in post-panischer Zeit werden einmal nicht mehr erschreckbar sein»


Höchstmögend. «Es gibt immer eine Menge Vorlaufende und eine Menge Folgende. Dazwischen aber den einen, an den alle abgeben, Vorläufer wie Nachfolger, den Höchstmögenden.»


Cioran. «Grabt in der Vergangenheit eines Schriftstellers, vor allem eines Dichters, prüft genau die Komponenten seiner geistigen Biographie, und ihr werdet stets irgendwelchen reaktionären Prämissen finden … Bedingung der Poesie ist das Gedächtnis, das Gewesene ihre Substanz.» (Cioran, «Über das reaktionäre Denken»)


Rohes Verfluchen. «Anstelle von Kulturkritik das rohe Verfluchen wiedererlernen. Es stellt sich nicht die Frage des Fluchwürdigen, sondern allein die nach des Fluchenden Kraft und Wirkung.»


Herrliches Deutsch. «Es gibt die ebenso unwegsame wie Unterschlupf bietende Dickicht-Prosa und eine Prosa, klar und ausgesteift wie ein schön gewölbte Wandelhalle. Jean Paul oder Fontane, zweimal herrliches Deutsch.»


Große Autoren. «Wenn die Zeit der Wiederentdeckung von großen Autoren, die allgemein nicht mehr gelesen werden, über uns käme, so reichte vermutlich das nächste Säkulum, auch wenn man es ausschließlich lesend verbrächte, nicht aus, um sie alle bei sich zu versammeln.»


Skeptiker. «Wir lesen die Skeptiker nicht, weil sie mit ihren Aussagen so schön recht haben, sondern weil sie den besseren Stil schreiben. Und weil sie uns von der großen menschlichen Kraft der Negation überzeugen, dank deren uns das Denken von den Dingen befreit.»


Fortführer, Fort-Führer. «Man ist Fort-Führer – oder es gibt einen gar nicht. Der Dichter führt vorangegangene Dichter fort. Der Dichter führt aber auch Leser fort, entfernt sie aus ihren Umständen, Belangen und Geschäften. Macht ist Vermächtnis.»

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