12.09.2016   von rowohlt

«In Wirklichkeit war man nur der Knecht eines abstrakten Begriffs»

«Anders als viele aus der Studentenbewegung hat sich Bahman Nirumand nicht angepasst. Ein Außenseiter mit Charme.» (Stern)

© Anna Weise
© Anna Weise

Bahman Nirumands erstes Buch machte ihn auf einen Schlag berühmt: «Persien, Modell eines Entwicklungslandes», erschienen im Frühjahr 1967 bei rororo. Der wütende  Aufschrei gegen die Diktatur in seiner Heimat wurde zum Fanal der Anti-Schah-Proteste. Nirumand gehörte fortan zu den führenden Köpfen der Studentenbewegung; Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Peter Schneider und Ulrike Meinhof gehörten zu seinen engen Freunden. Aber Bahman Nirumand war mehr als nur eine Galionsfigur der 68er, auch sein Leben davor und danach steckt voller aufregender Geschichten, wie seine Autobiographie «Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste» zeigt. 


Anlässlich seines 80. Geburtstags am 18. Septtember publizieren wir noch einmal das Interview, das wir mit Bahman Nirumand zum Erscheinen seiner Autobiografie im Juli 2011 geführt haben.

Das Interview

Auf Wunsch Ihres Vaters haben Sie 1961, im Alter von 15 Jahren,  Iran verlassen, um in Deutschland ein Internat zu besuchen. Wie verkraftet man als junger Mensch den Transfer in eine völlig fremde Welt? Ist damals in Ihnen etwas zerbrochen, unwiderruflich verloren gegangen?
Es war ein Schock, der natürlich tiefe Spuren hinterlässt. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Ich hatte viel Gutes über Deutschland und Europa gehört, umso enttäuschender waren die ersten Eindrücke: die verheerenden Folgen des Kriegs, Ruinen, zerstörte Häuser, ärmlich gekleidete Leute, zahlreiche Invaliden. Es war im Monat November, die Stadt Stuttgart lag im Nebel, mir kam alles so dunkel und fremd vor. Die ersten Tage und Wochen waren nahezu unerträglich. Ich hatte Heimweh, wusste aber keinen Ausweg. Ich weiß nicht, ob diese Zeit etwas in mir zerbrochen hat, aufgerüttelt hat sie mich schon. Vielleicht hat der Titel, den ich für meine Autobiographie gewählt habe, etwas damit zu tun. Zeit meines Lebens bin ich auf der Suche nach dem Ort, am dem ich sein müsste.


1968 erschien in der Reihe rororo aktuell Ihr Buch «Persien. Modell eines Entwicklungslandes»: ein ungeheurer Erfolg und Initialzündung eines wütenden Protests, der sich beim Besuch des Schahs in Berlin am 2. Juni 1967 entlud. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Das Buch und die damit verbundenen Ereignisse haben mein Leben stark verändert. Innerhalb weniger Wochen wurde ich in ganz Deutschland bekannt. Diese unerwartete Popularität war eine große Herausforderung, für die ich zunächst nicht vorbereitet war. Bei den ersten Fernsehauftritten und Rundfunkinterviews zitterten mir die Beine. Mich wundert es aber, wie rasch man sich daran gewöhnt. Die Bekanntheit bot mir natürlich große Chancen für meine politische Arbeit. Sie schuf mir eine weit größere Akzeptanz auch unter meinen Landsleuten. Ich hatte nun Zugang nicht nur zu den Medien, sondern auch zu Persönlichkeiten, die ich bislang aus der Ferne bewunderte.


Es ist schwer nachvollziehbar, welche Hoffnungen die iranische Linke in den vom Klerus um Ayatollah Chomeini gelenkten Aufstand gegen das Terrorregime des Schahs anfänglich setzte. Sie zitieren selbst den von den USA gestürzten Premier Mossadegh, der am 15. Juli 1951 im Interview mit einem französischen Journalisten vor einer Diktatur der Kleriker warnte: «Sollten die schiitischen Kleriker mit all ihren Möglichkeiten an die Macht gelangen, werden Sie uns eine blutige Revolution bescheren. (…) Irgendwann werden unsere Straßen voll sein von Leichen und Blut.» Ein visionärer Blick in die Zukunft, oder?


Niemand im Iran konnte sich vorstellen, dass die Revolution uns eine klerikale Diktatur bescheren würde. Denn im Iran gab es schon damals eine intakte und moderne Zivilgesellschaft, die auf eine lange Tradition zurückblicken konnte. Zudem waren die Iraner nicht besonders fromm, so dass die Religion im Vergleich zu den arabischen Nachbarländern im öffentlichen Leben eine weitaus geringere Rolle spielte. Als Ayatollah Chomeini und seine Gefolgschaft dann doch die Macht übernahmen, führte die Frage, wie man sich gegenüber der neuen Macht verhalten sollte, zur Spaltung der Linken. Die traditionelle, Moskau-orientierte Linke ging von der irrigen Annahme aus, die erklärte Feindschaft der schiitischen Geistlichkeit gegen die USA und den Westen stärke die antiimperialistische Front und die Sowjetunion und damit den Sozialismus! Die unabhängige Linke ging in die Opposition. Ich war der Meinung, dass wir den in den fünfziger Jahren von Mossadegh begonnen Weg zur Demokratisierung fortsetzen müssten und gründete daher gemeinsam mit anderen Weggefährten die Nationaldemokratische Front, die erste große oppositionelle Organisation gegen die sich bereits in den ersten Monaten abzeichnende klerikale Diktatur.


«Unser Verständnis von Politik», schreiben Sie, «war so abstrakt und so global, dass wir uns kaum noch um das Leben selbst kümmerten, um das Leid und die Freuden der Menschen. (…) Man redete von Freiheit und war in Wirklichkeit nur der Knecht eines abstrakten Begriffs, Knecht der Revolution.» Ist der Begriff Revolution für Sie ein für allemal denunziert?
Nein, der Begriff „Revolution“ ist für mich nicht denunziert. Aber die Erfahrung, die wir seit der französischen Revolution gemacht haben, zeigt doch, dass keine Revolution ihre proklamierten Ziele verwirklicht hat. Im Gegenteil, Revolutionen haben stets zu neuen Diktaturen geführt. Ich denke, dieser tragische Umstand lässt sich damit begründen, dass die Gesellschaften zu grundlegenden Veränderungen viel Zeit benötigen, während die Revolution gewaltsam diese Zeit zu überspringen versucht. Das zwangsläufige Scheitern führt dann zur Fortsetzung der Gewalt und zur Etablierung einer neuen Diktatur. 


Sie haben ein bewegtes Leben geführt: mit manchen Höhen, aber auch vielen Tiefen. In Ihrer Autobiographie schreiben Sie über «meine, unsere Irrtümer» – viel gewollt, viel versucht, oft gescheitert. Gibt es einen Irrtum, den Sie selbst mit «altersmildem Abstand» noch bedauern?
Der größte Fehler, den ich in meinem politischen Leben beging, war meine Teilnahme an dem Bündnis mit den Volksmodjahedin. Dieses Bündnis, das etwa drei Jahre nach der Revolution geschlossen wurde, sollte eine demokratische Alternative bilden zu der neuen Macht. Daran waren einige linke und liberale Organisationen ebenso wie einflussreiche Persönlichkeiten wie der erste Staatspräsident der Islamischen Republik, Abolhassan Banisadr, beteiligt. Die Volksmodjahedin, die damals noch über eine breite Basis im Land verfügten, dominierten im Bündnis. Wohl wissend, dass die Organisation trotz verbaler Bekundungen zur Demokratie von stalinistischen und islamistischen Ideologien geprägt war, nahm ich an dem Bündnis teil. Vielleicht weil ich zu optimistisch war, vielleicht auch weil mich die Aussicht auf eine politische Karriere reizte. Damals waren noch nicht alle Würfel gefallen und die Aussicht auf einen raschen Machtwechsel war nicht so gering. Zumindest hegten wir diese Illusion. Ich war Jahrzehnte lang politisch aktiv gewesen, war aber stets in der Opposition. Die Chance, endlich einmal Verantwortung zu übernehmen und Ideen durchsetzen zu können, war natürlich sehr verlockend. Heute bin ich der Meinung, dass dieses Bündnis, in dem die Volksmodjahedin ausschlaggebend waren, im Falle einer Machtübernahme auf keinen Fall zur Demokratie geführt und uns vermutlich eine noch schlimmere Diktatur beschert hätte.


Wie würden Sie – sagen wir vierzehn-, fünfzehnjährigen deutschen Schülern –  erklären, was für ein Land Iran heute ist?
Das Bild, das von den hiesigen Medien vom Iran vermittelt wird, ist von der Realität weit entfernt. Die iranische Gesellschaft ist jung, lebendig, kreativ und vielfältig. Einen Hauch von dieser Gesellschaft spürte man bei den Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen 2009. Trotz Gewalt und unsagbarer Brutalität, ist es den Islamisten in den dreißig Jahren ihrer Herrschaft nicht gelungen, den Menschen im Land, erst recht nicht den Jugendlichen, ihre rückwärts gerichtete Ideologie aufzuzwingen. Die iranische Zivilgesellschaft hat sich kontinuierlich weiterentwickelt und durch die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, Kultur und nicht zuletzt Religion Erkenntnisse gewonnen, die sie für ein demokratisches System reif gemacht haben. Wenn deutsche Jugendliche einen genaueren Blick auf die iranische Gesellschaft werfen würden, würden sie feststellen, dass ihre Gleichaltrigen dort genauso Spaß haben am Leben wie sie und nach ähnliche Zielen und Idealen streben. 


Was bedeutet Heimat für einen Menschen wie Sie, der weit mehr als sein halbes Leben jenseits des Landes zugebracht hat, wo er geboren wurde?
Was Heimat bedeutet, kann ich schwer beschreiben. Sicherlich spielt die Kindheit eine große Rolle. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an die Berge im Norden von Teheran denke, an die hohen Felsen, den Wasserfällen, den exotische Bäumen und Pflanzen um einen Brunnen. Selbstverständlich verklärt sich das Bild im Verlauf der langen Jahre im Exil, um so stärker wächst aber die Sehnsucht, nach einer Welt, die vermutlich längst nicht mehr existiert. Ich habe das große Glück, ein Stück Heimat im Exil gefunden zu haben. Ohne Sonia, meine Frau, hätte ich die Niederlage der Revolution und die erzwungene Flucht aus dem Iran wohl kaum überwinden können.           

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