30.09.2019   von rowohlt

Begegnungen mit Fremden

Tagtäglich treffen wir auf Menschen, deren Herkunft, Erfahrungen und Geschichte wir nicht kennen, und doch nehmen wir an, wir könnten unser Gegenüber einschätzen – seine Gestik, seine Mimik, seine Aussagen richtig deuten. Wir sitzen einem Fehler auf! Der Journalist, Podcaster und Bestsellerautor Malcolm Gladwell erklärt, warum unsere Begegnungen mit Fremden so oft schieflaufen und im schlimmsten Fall in eine Katastrophe münden.

1519 treffen der spanische Eroberer Hernán Cortés und der Aztekenherrscher Moctezuma Xocoyotzin aufeinander. Zwei Männer aus unterschiedlichen Kulturkreisen begegnen sich und versuchen, einander zu verstehen. Cortés spricht kein Nahuatl, Moctezuma kein Spanisch – doch man weiß sich zu behelfen. Cortés spricht mit seinem Dolmetscher, der übersetzt die Worte ins Maya, das wiederum eine andere Dolmetscherin ins Nahuatl überträgt. Dort, in der fernen Stadt auf dem Wasser, Tenochtitlan, kommt es zu einer frühen Form von stiller Post. Einer sagt etwas, es wird weitergetragen, die Worte verändern sich und mit ihnen die Bedeutung des Gesagten. Der am Ende der Reihe versteht sinngemäß: Ihr seid Götter, nehmt, was immer euch gefällt! Ein fataler Fehler, der in Krieg und Zerstörung  münden sollte.

«Heute kommen wir andauernd mit Menschen in Berührung, deren Annahmen, Sichtweisen und Kontexte so ganz anders sind als unsere. … Das Bild für unsere moderne Welt sind Cortés und Moctezuma, die darum ringen, sich auf Umwegen über mehrere Dolmetscher zu verständigen. Dieses Buch handelt davon, warum wir so schlechte Dolmetscher sind.» – Malcolm Gladwell

Fast zwei Jahrzehnte nach seinem ersten Bestseller «Blink!» und vier weiteren Bestsellern, die von Millionen von Menschen rund um den Globus gelesen wurden, folgt mit «Die Kunst, nicht aneinander vorbeizureden» Malcom Gladwells lange erwarteter Nachfolger, der seit Erscheinen auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste steht.


Die Begegnung zwischen dem spanischen Eroberer und dem Aztekenherrscher, die Malcolm Gladwell neben vielen anderen Beispielen aus der jüngeren Geschichte in Die Kunst, nicht aneinander vorbeizureden unter die Lupe nimmt, zeugt davon, wie schwer es uns fällt, Fremde zu verstehen, und wie leicht wir der Illusion erliegen, wir könnten einschätzen, mit wem wir es zu tun haben.

«Ich liebe dieses Buch … es zu lesen, wird nicht nur verändern, wie sie Fremden gegenübertreten, sondern auch, wie Sie sich selbst, den Nachrichten und der Welt begegnen. Dieses Buch zu lesen, hat mich verändert.» – Oprah Winfrey

Wie kann es sein, dass Neville Chamberlain im September 1938 von einem dritten Treffen mit Adolf Hitler nach Großbritannien zurückkehrte und im Brustton der Überzeugung verkündete, es werde keinen Krieg geben? Wie kann es sein, dass gestandene Portfoliomanager auf die fadenscheinige Masche des Finanzbetrügers Bernie Madoff hereinfielen und den größten Finanzbetrug der Geschichte erst ermöglichten? Wie kann es sein, dass ein Richter die unschuldige Studentin Amanda Knox trotz Mangels an Beweisen zu mehreren Jahren Haft verurteilte? Wie kann es sein?


Malcolm Gladwell stellt in seinem neuen Buch die These auf, dass wir systematisch daran scheitern, Fremde richtig einzuschätzen, und ergründet, wie es zu diesen fatalen Fehleinschätzungen kommt  –  von Cortés und Moctezuma über Hitler und Chamberlain bis hin zu der Afroamerikanerin Sandra Bland und dem Polizisten Brian Encinia webt er ein bestrickendes Netz aus psychologischen Studien, Anekdoten und Fallbeispielen, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen, und stellt überraschende Bezüge und Verbindungen zwischen seinen Beobachtungen und aktuellen Forschungsergebnissen her. 

So nimmt er sich gemeinsam mit der Psychologin Jennifer Fugate eine Folge der beliebten Neunziger-Jahre-Sitcom Friends vor, analysiert und zerlegt die Mimik der Schauspieler, um zu belegen, dass wir ein recht stereotypes Verständnis von Gesichtsausdrücken und ihrer Bedeutung haben. Die meisten Menschen, so Gladwell, gingen davon aus, Erstaunen drücke sich über hochgezogene Augenbrauen und aufgerissene Augen aus, Freude über ein strahlendes Lächeln, Wut über zusammengezogene Augenbrauen und einen stechenden Blick. Einmal mehr sitzen wir einem Fehler auf.

Vor einigen Jahren führten die Psychologen Achim Schützwohl und Rainer Reisenzein ein kafkaeskes Experiment durch: Sie schickten die Teilnehmer ihrer Studie durch einen langen, schmalen Korridor, an dessen Ende sie in einen dunklen Raum gelangten. Dort nahm der jeweilige Teilnehmer auf einem Stuhl Platz, und eine Kurzgeschichte von Kafka ertönte. Anschließend sollte er Gedächtnisfragen zu dem Gehörten beantworten, während sich draußen unbemerkt einige Arbeiter ans Werk machten. Der Korridor, durch den der Teilnehmer den Raum betreten hatte, bestand in Wirklichkeit aus leichten Stellwänden, die nun weggeschoben wurden und einem offenen Raum Platz machten. Die Wände waren grün gestrichen, von der Decke hing eine einsame Glühbirne. Darunter stand ein roter Sessel, und auf dem Sessel saß ein Freund des Teilnehmers, der finster dreinblickte. Bei Verlassen des Raumes erwartete ihn also statt eines Korridors ein Raum, der zuvor nicht da gewesen war, und vor ihm saß ein eigentlich vertrauter Mensch in einer Szenerie, die wirkte wie aus einem Horrorstreifen. 

Wie würden Sie reagieren? fragt Malcolm Gladwell. Überrascht? Das ja. Doch Ihnen würde weder die Kinnlade herunterklappen, noch würden Sie die Augen aufreißen - stereotype Mimik, die wir mit Erstaunen assoziieren. Vielmehr würde es Ihnen ergehen wie den meisten Teilnehmern der Studie: Sie würden irritiert und wie versteinert stehen bleiben.


Ganz so wie auch Malcolm Gladwells Vater, der keine Miene verzog, als während eines Urlaubs ein Mann in den Vorgarten der bezogenen Ferienwohnung eindrang und seiner Frau ein Messer an den Hals hielt: 

«Was tat mein Vater? … Er zeigte auf den Angreifer und sagte mit lauter, fester Stimme: ‹Raus. SOFORT!› Und der Mann ging. Innerlich bebte mein Vater vor Angst. ... Er riss die Augen nicht vor Entsetzen auf, und seine Stimme überschlug sich nicht. Wenn Sie meinen Vater gekannt und ihn in Stresssituationen erlebt hätten, dann wüssten Sie, dass das ‹Angstgesicht› nicht zu seinem Repertoire gehörte. In Krisen wurde er beängstigend ruhig.» – Malcolm Gladwell

Zwei Lehren: Was wir fühlen, spiegelt sich nur selten auf unseren Gesichtern wider, und: Wenn wir glauben, wir könnten in anderen lesen wie in einem Buch, wir könnten sie deuten wie die Gesichtsausdrücke der Schauspieler einer Neunziger-Jahre-Sitcom, dann laufen wir Gefahr, Fehleinschätzungen zu treffen. Wir dürfen keine Abkürzungen nehmen, wenn es um die Beurteilung von Menschen geht, die uns fremd sind.

«Unsere Strategien für den Umgang mit Fremden sind zwar zutiefst ungenügend, doch wir können nicht auf sie verzichten. Der Rechtsstaat, das Bewerbungsverfahren und die Auswahl von Babysittern müssen menschlich bleiben. Und wenn wir menschlich bleiben wollen, dann müssen wir auch Fehler zulassen. Das ist das große Paradox im Umgang mit Fremden. Wir müssen mit ihnen sprechen. Aber unsere Fähigkeiten dazu sind begrenzt.» – Malcolm Gladwell

Mit «Die Kunst, nicht aneinander vorbeizureden» hat Malcolm Gladwell das Buch der Stunde geschrieben. In einer Zeit, in der Populisten einfache Antworten auf komplexe Fragen geben, plädiert Gladwell dafür, innezuhalten und demütig anzuerkennen, dass wir fehlbar sind. Wie so oft erweist er sich dabei als genialer Erzähler, der es versteht, aus dem Alltäglichen und dem Außergewöhnlichen seine Schlüsse und Lehren für unser Zusammenleben in einer globalisierten Welt zu ziehen. Wenn Sie Lust auf nicht nur einen, sondern auf eine Reihe von Aha-Momenten haben, dann schlagen Sie dieses Buch auf. Es wird verändern, wie Sie Fremden begegnen.

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