08.06.2018   von rowohlt

Magical Mystery Tour

«Sollten Sie David Mitchell noch nicht gelesen haben, ‹Slade House› ist die Einstiegsdroge!» (The Times)

© Jeff Nishinaka
© Jeff Nishinaka

Geh die Slade Alley hinunter. Finde das kleine schwarze Eisentor in der Mauer zur Rechten. Keine Klinke, kein Schlüsselloch, aber wenn du das Tor berührst, schwingt es auf. Tritt in den sonnendurchfluteten Garten eines alten Hauses, das dort unpassend wirkt: zu nobel für die schäbige Nachbarschaft, zu groß für das Grundstück. Zunächst möchtest du gar nicht mehr fort. Dann merkst du, dass du nicht mehr fort kannst. Denn alle neun Jahre, am letzten Sonntag im Oktober, wird ein «Gast» ins Slade House eingeladen. Doch warum wurde er oder sie ausgewählt? Von wem, zu welchem Zweck? Die Antwort findet sich dort am hinteren Ende des Flurs, oben am Absatz der Treppe … 


«Der Charme von ‹Slade House› rührt davon, dass David Mitchell alle diese Bausteinchen nicht in der Absicht eines genre-reflektiven Meta-Romans zusammensetzt, sondenr zu einer Art ‹neo-viktorianischen› Gruselgeschichte amalgamiert, die dennoch fest im Hier und Jetzt wurzelt.» (Deutschlandradio Kultur)

Das Geisterhaus in der Slade Alley


«Slade House» ist ein raffiniert komponiertes, durch und durch «mitchelleskes» Schauerstück – eine literarische Hommage David Mitchells an die großen Klassiker der fantastischen Literatur. Der Roman verfügt über eine bemerkenswerte Editionsgeschichte. Die ersten Teile veröffentlichte der seit langem mit seiner Familie in West Cork, Irland, lebende Brite auf Twitter, quasi als «Vorab-Überbleibsel» seines Erfolgsromans «Die Knochenuhren». Im Gespräch mit Wieland Freund (s. Die Welt v. 2.6.2018) begründete Mitchell das so: «Die künstlerischen Möglichkeiten einer Story auf Twitter haben mich interessiert, die Frage, wie sich dort etwas schreiben ließe, das nicht bloß ein Gimmick wäre. Ich habe dann mit winzigen Erzählfragmenten angefangen, um zu sehen, ob ich eine lineare Erzählung aus einer Reihe winziger Punkte zusammenbekäme – beinahe pointilistisch. Dann fing die Geschichte an, mir zu gefallen.»


Eine Serie von Paukenschlägen – so könnte man die Regieanweisung der fünf Teile von «Slade House» beschreiben. Jedes für sich ist ein kleines Meisterwerk sind. Während, wie es heißt, bei uns Normalsterblichen alle sieben Jahre im Leben und in der Liebe etwas entscheidend Neues passieren soll, gehen in der Slade Alley die Uhren anders. Hier geschieht alle neun Jahre etwas Dramatisches: Menschen verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Wie eine Kette des Grauens liegen diese Jahreszahlen da: 1979, 1988, 1997, 2006, 2015.

«Das Nichts rückt näher wie eine Gewitterfront»


Eigentlich müsste jedem Besucher auffallen, dass mit der alten Villa in der Slade Alley etwas nicht stimmt. Wieso versteckt sich ein solches Gebäude hinter einer schmalen Pforte, die weder Griff noch Schlüsselloch oder Türritzen hat? Ein herrschaftlich-prachtvoller Sommergarten, wie schön  – aber in dieser abgeranzten, düsteren Umgebung? Am merkwürdigsten vielleicht die Dimension des Ganzen: Wie passt dieser große graue Kasten mit der riesigen Gartenanlage in die klaustrophobe Enge zwischen Slade Alley und Cranbuy Avenue? Nathan Bishop und seine Mutter Rita kommen gar nicht dazu, über all diese Merkwürdigkeiten nachzudenken – vor ihnen steht ein Junge, der sie hineinbittet, Jonah, «das Empfangskomitee», der Sohn von Lady Grayer: «Könnte man so sagen, ja.» (Über diesen Satz könnte man arg ins Grübeln kommen, später …)


Was dann passiert, verfolgt Nathan aus einem zarten Drogennebel heraus. Er hat seiner Mutter mal wieder zwei Valium stibitzt, was dazu führt, dass «alles Rote leuchtender, alles Blaue gläserner, alles Grüne dampfiger und alles Weiße durchscheinend ist wie dünnes Klopapier». Während seine Mutter von Lady Grayer zum Debussy-Konzert ins Haus gebeten wird (auch der weltberühmte Geiger Yehudi Menuhin soll bei der Soiree anwesend sein …), führt Nathan ein merkwürdiges Gespräch mit dem Jungen. Jonah besucht offenbar keine Schule, normalen Jungsinteressen wie Fußball scheint er auch nicht zu frönen. Und er sagt Sätze, die eigenartig klingen: «Meine Schwester und ich sind eine andere Spezies. Wir gehen als normal durch, als alles, was wir wollen.» 


Schwester, welche Schwester? Andere Spezies? Hätten die beiden Besucher die tote mondgraue Katze in der Slade Alley als Todeszeichen erkennen müssen? Als die beiden Jungen das Suchen-und-Fangen-Spiel Fuchs und Hund beginnen, spürt Nathan nackte Angst in sich aufsteigen. Alles um ihn herum verändert sich, die schwarze Pforte ist verschwunden, er erkennt nichts wieder: Der Garten selber verschwindet, löst sich vor seinen Augen auf. «Da, am Ende des Dornenwegs taucht Jonah auf, zum Glück, er wird schon wissen, was zu tun ist, aber der rennende Umriss verwischt, er verwandelt sich in formlose grollende Dunkelheit mit noch dunkleren Augen, Augen, die mich kennen, und Reißzähnen, die ihr Werk beenden wollen, und das dunkle Etwas springt in lähmend langsamer Zeitlupe auf mich zu …» 

Tödlicher Tag der offenen Tür


Ist all das wirklich nur eine Valium-Halluzination? Panikartig flieht der Junge ins Haus – und kann einfach nicht begreifen, was er dort sieht. Lady Norah Grayer sieht deutlich jünger, Jonah älter aus als bei der Begrüßung. Schaut man sich die Gesichter genau an, gibt es keinen Zweifel: Norah und Jonah sind Geschwister, Zwillinge. Sie tragen lange graue Umhänge, starr wie Wachsfiguren. Das Letzte, was Nathan in seinem Leben sehen wird, ist, dass sein Bild im Spiegel verschwunden ist, ausgelöscht für immer …


Am 29. Oktober1988, fast auf den Tag neun Jahre später, macht sich Detective Inspector Gordon Edmonds von der Thames Valley Police auf den Weg in die Slade Alley. Er ist auf der Suche nach Rita und Nathan Bishop, die seit jenem 27. Oktober 1979 als verschollen gelten. Weitere neun Jahre später, 1997, ermittelt der «Club für paranormale Phänomene» in Sachen Slade Alley – auch von dem  sexbesessenen Polizisten fehlt seither jede Spur. 


Ob es jemanden gibt, der das tödliche Geheimnis des Geisterhauses in der Slade Alley lüften kann?

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