17.05.2017   von T. A. Wegberg

Linie 17

T. A. Wegberg, Autor des Romans «Meine Mutter, sein Exmann und ich», erzählt von prägenden Erfahrungen einer Jugend am Niederrhein

© iStockphoto.com
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Wenige Wochen vor meinem zehnten Geburtstag wurde ich Fahrschüler. Meine Familie wohnte im niederrheinischen Anrath, wo ich die Katholische Grundschule besucht hatte – zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das Gymnasium jedoch war zehn Kilometer entfernt, und so stieg ich am ersten Tag des neuen Schuljahrs morgens um kurz nach sieben in die Linie 17, die mich nach Krefeld brachte.

Wie ich lernte, das Busfahren zu lieben


Lange führte die Straße durch weites, flaches Weideland. Einzelne Bauernhöfe tauchten auf und verschwanden wieder aus dem Blickfeld, dazwischen grasten schwarz-weiße Kühe. Schneller und regelmäßiger war der Rhythmus der Leitpfosten am Straßenrand, ebenso schwarz-weiß wie die Kühe, aber jeder mit einem reflektierenden Streifen. Der Bus durchquerte ein ausgedehntes Waldgebiet. Im Sommer bogen sich die belaubten Äste wie ein Kuppeldach über die Straße. Zwischen den Bäumen ragte eine steinerne Säule empor, auf der ein Adler kauert: das Denkmal für einen Sieg der Preußen über die Franzosen. Hunderte Tote als Inspiration für ein beeindruckend elegantes Kunstwerk.


Das Edelstahlwerk lag vor den Toren der Stadt. An der gleichnamigen Haltestelle stiegen dunkle, schnauzbärtige, schweigende Männer mit großen Händen ein, vor denen ich mich ein bisschen fürchtete. Sie trugen am Kragen offene Hemden und Pullover unter dem Sakko und wirkten müde und feindselig. Ich schaute lieber zur anderen Seite hinaus, wo Kaninchen auf einer Rasenfläche ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachgingen.


Danach nahm die Besiedelung ebenso zu wie der Verkehr. Straßenbahnschienen glänzten im Asphalt der Gladbacher Straße, rechts und links geschlossene Häuserzeilen mit Ladenlokalen im Erdgeschoss: Bäcker, Friseure, ein Bestatter, ein Metzger mit grünlichen Fliesen. Die Leuchtreklamen trugen die Schriftzüge der fünfziger Jahre mit dem seltsam geschnörkelten „r“, das ich in der Schule anders gelernt hatte. An den Hauswänden hingen Kaugummi- und Zigarettenautomaten. Die Haltestellen hatten kürzere Abstände, und der Bus hielt an Ampelkreuzungen. 


Im Herzen der Stadt, wo die Häuser am höchsten, der Verkehr am lautesten und das Menschengewimmel am dichtesten war, hatte die Linie 17 ihre Endstation. Dort musste ich in einen anderen Bus umsteigen. Direkt an der Haltestelle lag die Geschäftsstelle der Neuen Rhein-Zeitung, und die Seiten der aktuellen Ausgabe waren einzeln im Schaufenster ausgehängt. Meist blieben mir ein paar Minuten, um den Wurzel-Comic anzuschauen, manchmal reichte die Umsteigezeit auch für die Lektüre einiger Nachrichten. Einmal las ich einen Artikel über zwei Männer, die einen neuen Rekord im Dauerküssen aufgestellt hatten und anschließend verhaftet wurden. Ich verstand nicht, warum mir diese Geschichte nicht mehr aus dem Kopf ging.


Das letzte Stück meines Schulwegs war weniger einprägsam; vielleicht war ich gedanklich schon beim bevorstehenden Unterricht, kritzelte hastig auf den Knien die letzten Hausaufgaben ins Heft oder traf Klassenkameraden. Meine Erinnerung beschränkt sich auf die Fahrt mit der Linie 17, die ich immer alleine zurücklegte, weil ich der einzige Anrather Schüler war, der das Gymnasium am Moltkeplatz besuchte.


In diesen Jahren lernte ich Englisch, Französisch und Mathematik, vor allem aber lernte ich Busfahren. Und ich lernte es zu lieben. Morgens hatte ich eine halbe Stunde zum Wachwerden, nachmittags eine halbe Stunde zum Erholen. In dieser Zeit brauchte ich mit niemandem zu sprechen und keine größere Leistung zu erbringen, als beim Einstieg meinen Schülerfahrschein vorzuzeigen. Ich saß auf einem Fensterplatz und genoss die Weite der Landschaft ebenso wie die bizarren kleinen Szenen des Stadtalltags.

«Den Fahrer bitte während der Fahrt nicht ansprechen»


Das gleichmäßige Brummen des Dieselmotors, das sanfte Schaukeln des Fahrzeugs und die rituellen Abläufe der Fahrt mit ihren wiederkehrenden Wegmarken hatten auf mich eine beruhigende, tröstliche, meditative Wirkung. Ich war geborgen in einem Mutterleib mit Sichtfenster. Diese Zeit gehörte ganz alleine mir und meinen Gedanken.


Wenn es draußen noch dunkel war, sah ich mir die anderen Fahrgäste an. Ich wurde zu einem aufmerksamen Beobachter ihrer Gesten, Gesichter und Verhaltensweisen und zu einem stillen Zuhörer ihrer Unterhaltungen. Niederrheiner plaudern gerne und benötigen dazu weder einen Anlass noch ein Thema; sie beherrschen die Kunst der monologischen Wechselrede. Im Kopf verarbeitete ich meine Eindrücke zu ausformulierten Texten, selbst wenn ich den Großteil davon niemals zu Papier brachte. 


Damals wurden auf der Linie 17 Anderthalbdecker eingesetzt, bucklige Büssing-Dinosaurier mit langen Schnauzen. Die oberen Sitzplätze waren begehrt, denn von dort war die Aussicht gut. Ich aber saß am liebsten unten, ganz vorne rechts, ein stummer Kopilot des Busfahrers. Ich beobachtete, wie er die Kupplung trat, die Gänge einlegte, am Lenkrad kurbelte, bremste, die Knöpfe zum Öffnen der Türen drückte und das Wechselgeld für die Fahrgäste per Hebeldruck aus den Münzröhren klimpern ließ. 


Noch heute fasziniert mich die Macht, die mit dem Führen eines Linienbusses einhergeht. Ein einzelner Mensch – er muss nicht einmal sonderlich stark sein! – beherrscht rund 20 Tonnen Gesamtgewicht mit nichts weiter als einer Drehscheibe, ein paar Hebeln, Knöpfen und Pedalen. Er bestimmt über Geschwindigkeit, Fahrtstrecke und Haltestationen. Tausende Menschen sind täglich von seiner Gunst und seinen Fähigkeiten abhängig, um sicher zur Arbeit, zum Einkaufen oder nach Hause zu kommen. Er hat mehr Schützlinge als ein Arzt, ein Lehrer oder ein Krankenpfleger, sitzt dabei jedoch in unnahbarer Würde auf seinem gut gepolsterten Thron, durch eine deutliche Barriere vor allzu aufdringlichen Passagieren geschützt. 


Über ihm ist mit vier Schrauben ein ordentlich geprägtes Schild befestigt: Den Fahrer bitte während der Fahrt nicht ansprechen. Eine ausdrückliche Aufforderung zum Respekt für eine anspruchsvolle, konzentrationsintensive Arbeit von großer Verantwortung, die nicht unterbrochen oder gestört werden darf. Ihr Sinn leuchtet unmittelbar ein, und das gedruckte Wort verleiht ihr zusätzliche Autorität. Niemand würde wagen, dagegen zu verstoßen. Kein anderer Beruf genießt ein solches Privileg, am wenigsten der des Schriftstellers. Manchmal wünsche ich mir noch heute, ich wäre Busfahrer geworden.

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