20.11.2017   von rowohlt

Lieber eine kleine Rache als keine Rache!

Über Liebe, Eifersucht und weibliche Schwarmintelligenz – Ein Interview mit dem Autorinnen-Duo Jule Maiwald

© Sabrina Adeline Nagel
© Sabrina Adeline Nagel

Vom Mann verlassen, ohne Job und ohne Zuhause landet Jette in einem ungewöhnlichen Wohnprojekt, dem Hotel Carlifornia. Für maximal zwölf Wochen erhalten frisch Getrennte hier Zuflucht – und Lebenshilfe. Um ihr Leben in den Griff zu bekommen, fasst Jette einen Plan: Sie will diese Frist zur Rundumoptimierung nutzen. Einer der Mitbewohner ist skeptisch: Nick. Der charismatische Künstler glaubt nicht an Strategien aus der Unternehmensführung, um das persönliche Glück zu finden. Doch Jette versucht, ihre aufkeimenden Gefühle für Nick genauso wegzuoptimieren wie andere vermeintliche Fehlerquellen in ihrem Leben. Aber das ist leichter gesagt als getan …

Das Interview


«Rette mich, wer kann», euer neuer Roman, erzählt von den Wechselfällen der Liebe und den Tücken der Selbstoptimierung. Ildikó von Kürthy hat 2015 in «Neuland» das weite Feld der Arbeit am eigenen Körper und der eigenen Seele spielerisch abgeschritten –Stichworte: Schweigekloster, tibetisches Yoga, Fitnessexzesse mit Personal Trainer, Tangokurs, Radikalerblondung etc. Wenn ihr «selbstoptimierend» tätig werden wolltet:  Was wäre spannend, worauf hättet ihr Lust? 
Wie bei allem macht die Dosis das Gift. Es ist nichts Verkehrtes daran, an sich zu arbeiten, Sport zu treiben, gesund und Bio zu essen zum Beispiel. Aber man sollte sich nicht verrückt machen, indem man alles trackt, den Schlaf, die Fitness, das Leseverhalten, die sozialen Kontakte und Fortschritte der Kinder. Man ist nicht gleich ein Mängelwesen, wenn man mal fünfe gerade sein lässt und den ganzen Tag gelassen Netflix schaut. Auf die richtige Balance kommt es an. Unsere Devise lautet daher: Lieber «selbstoptimal» als selbstoptimiert! 


Als Hamburgerinnen seid ihr nordic by nature, ihr kennt euch gut aus. Das Café Kleine Schwester hab ich gleich gegoogelt (und gefunden). Bei der Stiftung Hotel Carlifornia, man hätte es sich denken können, bietet Google stante pede die Eagles und «Hotel California» an, was eher ein Irrweg ist. Gibt es jenseits der Fiktion eigentlich irgendetwas wie das Hotel Carlifornia: eine Zufluchtsstätte für Beziehungsmüde und Trennungstraurige? Wäre doch prachtvoll ...
… und sollte schnellstens erfunden werden. Wo doch jeder von uns die Situation bereits erlebt hat, die nur diesen einen Gedanken kennt: Bloß weg hier. Keine Nacht mehr mit diesem Typen unter einem Dach. So einfach ist es dann aber nicht, denn wer hat schon spontan eine freie Wohnung zur Verfügung oder Lust, die enttäuschten Blicke oder wohlmeinenden Ratschläge der Eltern zu ertragen, wenn man mit den Koffern vor ihrer Tür steht – mit über 40 und zwei quakenden Kindern an der Hand.
Wer weiß, wieviel mehr glücklich Getrennte statt unglücklich Liierte es gäbe, wenn das Land mit Hotel Carlifornias gepflastert wäre.


Es gibt diesen Satz von V. S. Naipaul: «Wenn ein Schriftsteller von vornherein weiß, was passieren wird, dann ist das Buch bereits tot, ehe es begonnen hat.» Wie ist das bei euch: Entwickelt sich der Plot während des Schreibens – oder habt ihr die komplette Handlung im Kopf, bevor es dann in die Mühen der Ebene, also ans Schreiben geht? 
In Grundzügen steht die Geschichte, schon wegen des Exposés, das an den Verlag geht: Jettes Rauschmiss, der Einzug in das Hotel und der Plan, mittels Selbstoptimierung Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Erst beim Schreiben erkennt man dann, wohin die Figur mit einem wirklich will.
Wie verbissen und zickig Jette mitunter zu Werke geht, war am Ende eines Schreibtages auch für Jule Maiwald oft überraschend.  

«Ex und Hopf» nach ex und hopp


«Ex und hopp – Die Trennungsagentur» aus eurem Debütroman «Nach ihm die Sintflut»: prima Geschäftsidee! Bei einer Scheidungsparty den Armani-Anzug des treulosen Typen in ein Erdloch schmeißen, das hat schon was. Kann es sein, dass enttäuschte, verlassene, frustrierte Frauen ihre Rache kreativer zelebrieren als Männer? 
Wenn es um Rache am Ex geht, setzen Frauen auf Schwarmintelligenz und rufen ihre Freundinnen zusammen. Gemeinsam wird dann ein möglichst perfider Schlachtplan entworfen, um sich Genugtuung zu verschaffen. Wir finden: Eine kleine Rache ist besser als keine Rache. Am besten mit Humor — denn wer zuletzt lacht, lacht am besten. Man muss es nicht gleich so weit treiben wie die beiden Frauen, die ihren Ex nackt im Wald ausgesetzt haben, wie kürzlich zu lesen war ... Manchmal genügt es voll und ganz, sich die Rache in der Phantasie auszumalen und mit den Mädels einen drauf zu kippen. 


Wer eure Bücher liest, spürt sofort: Hier sind Patchwork-Profis am Werk. Müsst ihr euch manchmal bremsen, um nicht zu viel eigene Biografie in eure Romane fließen zu lassen? 
Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig, das erzählen wir zumindest allen, die glauben, sich in einem unserer Charaktere wiedergefunden zu haben. Sagen wir es so: Die Leute sind inzwischen netter zu uns, seit sie wissen, wie schnell man es bei uns in die Geschichten schaffen kann.


Haben eigentlich  eure Verflossenen «Nach ihm die Sintflut» gelesen? Und – sind die Herren noch in speaking terms mit ihren Exen? 
Sobald wir den Herren sämtliche ihrer Gummipuppenkopien herausgerückt und mit einem «Ex und Hopf» auf die ja «manchmal» auch schönen Zeiten angestoßen hatten, bekam jeder ein handsigniertes Exemplar und war glücklich – uns los zu sein.


Noch einmal zurück zu «Rette mich, wer kann». Das Ganze beginnt mit einer wunderbaren Szene. Jette, die Mitternachtsstimme von Radio Elbe 102,3, hat  – bevor Iris anruft und Jettes Leben von Grund ins Trudeln bringt – einen Rentner am Telefon: Onno,  den «Beerdigungscrasher mit der Lizenz zum Trösten». Die «Löffelliste» ist sein Ass im Ärmel; auf ihr können Trauergäste alles notieren, was sie an Wichtigem und Schönem in ihrem Leben noch unbedingt erledigen wollen. Glaubt nicht, dass wir euch vom Kanthaken lassen, ehe ihr uns eure Löffelliste verraten habt …
Mit der Veröffentlichung der Romane ist schon ein ganz wichtiger Punkt von der Löffelliste abgehakt. Getoppt werden könnte es nur von der Oscarverleihung, bei der sich Ryan Gosling in seiner Gewinner-Rede für die wunderbare Romanvorlage bedankt – von seiner guten Freundin aus Deutschland: Jule Maiwald ...


Letzte Frage: Was sagen eure Kinder, wenn sie Mamas Bücher in der Buchhandlung sehen?
«Menno, müssen wir jetzt jede Buchhandlung abklappern, um zu sehen, ob dein Buch hier liegt?»


Top