20.12.2017   von rowohlt

Vincent Klinks Geheimrezepte gegen Liebeskummer

«Immer, wenn ich traurig bin, koche ich mir etwas Gutes und schlage mir den Bauch voll» (Vincent Klink)

© FinePic, München
© FinePic, München

Jeder Mensch kennt Liebeskummer, und oft bekämpfen wir ihn mit Frustessen. Nur leider fühlt man sich nach dem Verzehr von Eis in Literbechern in der Regel nicht besser – im Gegenteil! Deshalb sollte man in Sachen Herzschmerz den Rat des Kochs einholen, der weiß, was in solchen Fällen schmeckt und der Seele guttut: Der lebenserfahrene Vincent Klink verrät in diesem schmucken Buch, wie man mit gutem Essen den Liebesschmerz lindern und die Tränen wieder trocknen kann.


Sternekoch, Gourmetphilosoph, Basstrompeter, Verleger, Gärtner, Lebenskünstler – Vincent Klink ist eine Ausnahmegestalt unter Deutschlands Spitzenköchen. Dass er auch ein großartiger Autor ist, hat der gewichtige Schwabe in Büchern wie «Sitting Küchenbull» oder «Ein Bauch spaziert durch Paris» unter Beweis gestellt: wortgewaltig, sinnlich und mit einem an Wilhelm Busch erinnernden «rustikalen Humor». Aber wie alle Menschen leiden auch kulinarische Spitzenkönner wohl gelegentlich unter Liebeskummer. Nichts hilft laut Vincent Klink mehr gegen Tristesse und Weltschmerz, als sich an den Herd zu stellen und etwas maximal Tröstendes zuzubereiten.


Zum Beispiel: einen Kartoffelsalat mit Leberkäs («wirkt Wunder»). Oder ein Kalbs-Ragù (nach Bologneser Rezept). Oder eine Ofenzwiebel (für zwei Personen!). Oder eben – Reisbrei. Wer nicht gerade allergisch auf süßen Milchreis reagiert, darf sich jetzt schon auf den nächsten Liebeskummer freuen – versprochen!

Kalligrafie: okay. Reisbrei: unschlagbar!


Wenn der Verstand es wüßte, wie unendlich herrlich
Es sich in Liebeswahnsinn beieinander ruht.
Ich glaube wohl: wenn das der Ärmste wüßte,
Verlör er ganz und völlig den Verstand.
Hafis, 14. Jh.


Liebeskummer macht seltsame Dinge mit den Menschen. Normalerweise gut gekleidete, umgängliche und fröhliche Menschen liegen plötzlich in ausgeleierten Jogginghosen und schlabbrigen T-Shirts bei abgedunkelten Jalousien in ihren Wohnzimmern vor dem Fernseher, ziehen sich «Vom Winde verweht» in Dauerschleife rein, während sie Eis aus Dreiliterkübeln hinunterstürzen, oder glotzen mit einem Kasten Bier im Arm die Wand an, von heftigen Heul- und Schreikrämpfen geplagt, die niemand hören will, umgeben von einsamen Zuhörern: Chipstüten und leeren Pizzakartons.


Es ist nicht schön, das wissen wir alle. Und wenn man die Liebste oder den Liebsten verloren hat oder das Objekt der Begierde erst gar nicht für sich gewinnen konnte, gibt es wohl kein Mittel, das diesen Schlag in die Magengrube sofort vergessen machen kann. Zeit heilt alle Wunden, sagt man dann immer etwas hilflos, aber das will kein Mensch hören, der an Liebeskummer leidet.


Deshalb gehen wir das Ganze nun einmal etwas anders an, denn es heißt ja nicht von ungefähr, dass Liebe durch den Magen geht. Und Liebeskummer dann eben vielleicht auch. Den Kochlöffel zu schwingen ist bei Herzschmerz jedenfalls eine gute und wirksame Medizin. Kochen zwingt uns zur Aktion, und wenn man sich schon nach jemandem verzehrt und daran vorerst nichts ändern kann, dann sollte man wenigstens etwas verzehren, das man bekommen kann. Und das vielleicht so gut schmeckt, dass man sogar neue Kräfte sammelt.


Natürlich ist mir klar, dass das nicht so einfach ist. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Wenn es in meinen jungen Jahren um die Eroberung einer schönen Frau ging, setzte ich meist hoffnungsvoll die Mittel der Kalligraphie ein. Ich feuerte regelrecht kleine Kunstwerke ab, die ich für mich nochmals abschrieb und für viele Jahre verwahrte. Doch kürzlich habe ich alle meine Liebesbriefe dem Feuer übergeben. Unter den pathetischen Schwüren, dem Ausdruck hochjauchzenden Glücks und den suizidalen Anwandlungen, die sich darin finden lassen, befand sich kein einziger Schrieb, der mir heute nicht peinlich wäre. 

«Also: weg mit den Taschentüchern und ran an den Herd!»


Es ist rückblickend nicht gerade leicht, den eigenen Liebeskummer auszuhalten. Welch ein Wahnsinn! Eigentlich müsste ich dafür plädieren, das Verliebtsein unter Strafe zu stellen oder allenfalls nur mit Krankenschein zuzulassen. Andererseits ist mir bewusst, dass die Menschheit sich dann auf den letzten Mohikaner reduzieren würde. Daher muss es noch einen Mittelweg geben, und der führt weg vom Sofa in die Küche. (…)


Deshalb empfehle ich jedem, sich in Momenten des größten Herzschmerzes etwas Tröstliches zu gönnen, aber – ganz wichtig – etwas Selbstgekochtes, denn man kann dem Kummer nur dann trotzen, wenn man aktiv bleibt. Also, weg mit den Taschentüchern und ran an den Herd! Trost-Gerichte sollten nicht vom Fast-Food-Lieferservice kommen, zu groß wäre die Gefahr, sich mit lieblosem Essen noch mehr Blues zu importieren. Dann doch lieber in der Jogginghose am heimischen Herd werkeln, das ist gesünder und obendrein würdevoller. Glauben Sie mir: Sich selbst etwas zu gönnen ist der erste Schritt zur Bekämpfung des lähmenden Selbstmitleids. Man muss nur wissen, welches kulinarische Gegengift am besten wirkt. (…) 


Meine Mutter fütterte uns jeden Freitag bevorzugt mit einem billigen Milchreis, versehen mit der damaligen süßen Wunderwaffe Vanillin von Dr. Oetker. Temps perdu. Und doch: Der Reisbrei beruhigt das traurige Gemüt ungemein und verströmt das Gefühl von Geborgenheit …

Gegen Herzschmerz aller Art: Spezial-Reisbrei à la Vincent Klink


1 Vanilleschote
1/2 l Milch
1 Zimtstange
60 g Risottoreis (Carnaroli oder Vialone Nano)
Schale einer halben Zitrone, sehr gut auch
Orangenschale
50 g Zucker
2 Eigelb
1/8 l Sahne geschlagen
1 Prise Salz 


Die Vanilleschote wird der Länge nach geteilt, dann mit dem Messer das weiche Innere herausgekratzt. Die Betonung liegt auf «weichem Inneren», wir kaufen mitnichten die oft harten ausgetrockneten Vanillemumien, die an dunkel gefärbte Schaschlikspieße erinnern.


Das Vanillemark, aber auch die ausgekratzten Schoten werden mit der Milch, der Hälfte des Zuckers, der Zimtstange und dem Reis samt einer Prise Salz auf geringem Feuer zum Kochen gebracht und bei geschlossenem Deckel sehr langsam gegart. Es dünkt mir nicht übertrieben, hier einzuwerfen: Dieses Gericht ist eine heikle Geliebte. Man muss sich kümmern und immer wieder umrühren, damit nichts anbrennt. Also volle Hingabe, bitt’ schön!


Die Schale einer halben Zitrone wird mit dem Küchenmesser dünn abgehobelt und ebenfalls in den Topf gegeben. Es genügt, wenn der Reis kaum kocht, sondern eher nur zieht. Die Garzeit beträgt etwa eine halbe Stunde. Weiterhin immer wieder umrühren, damit sich der Reis nicht auf dem Boden ansetzt. Ab und zu sollte man den Reis probieren: Er darf nicht weich aufgequollen sein, sondern muss im Kern noch etwas Festigkeit bieten. Ist der Reis einigermaßen gar, wird der Topf vom Herd gezogen. Probieren, ob mehr Zucker vielleicht noch mehr Glücksgefühle erzeugt oder ob man mit geringer Dosis auskommt. Den Reis ein wenig kühl rühren und nun mit einem Holzlöffel die Eigelbe schnell untermengen. Immer weiterrühren und die geschlagene Sahne auch noch unterheben. Ah, Leute! Ich schwör’s: Alle Malaisen, Seelenschleudertraumata und sonstige Sorgen verflüchtigen sich.


Übrigens, sollte von dem Kunstwerk am Ende des Tages noch etwas übrig sein, so fülle man es in Kaffeetassen, decke es mit Klarsichtfolie ab und kühle es gut durch. Mit etwas Marmelade obendrauf kann man sich damit später eine weitere Freude servieren.»

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